Komplexe Sozialstrukturen machen Vögel schlau

Die Rabengangs

Entstehung sozialer Kompetenz durch das Leben in der Gruppe.
Entstehung sozialer Kompetenz durch das Leben in der Gruppe.
Kolkrabe mit GPS-Tracker.
Kolkrabe mit GPS-Tracker.
Bei reichhaltiger Nahrung treffen viele Individuen aufeinander.
Bei reichhaltiger Nahrung treffen viele Individuen aufeinander.

Was macht Affen, Elefanten und Delphine schlau? Das Zusammenleben in großen komplizierten Sozialstrukturen, in sogenannten Fission-Fusion-Societies. Doch das gilt nicht nur für diese Säuger, erkannten österreichische Forscher zusammen mit französischen und italienischen Kollegen, so der Wiener Matthias Loretto. Auch Kolkraben, vor allem die Youngster unter ihnen, leben in Gangs und haben Freunde und Feinde.

Es ist schon gut zu wissen, wer einem im Zweifelsfalle helfen wird, wenn man gar nicht an die Futterquellen herangelassen wird, oder auf wen man zählen kann, um gemeinsam andere zu vertreiben. Es ist auch praktisch, nicht immer selbst ausprobieren zu müssen, wer der Stärkere ist. Besser ist es, zu beobachten, welchen Rang ein Vogel hat im Vergleich zu anderen in der Rabenschar, mit der man sich gelegentlich trifft und deren Stärke man gut einschätzen kann. Raben können dies. Ihre Kenntnisse erwerben sie vor allem als Teenager, wenn sie noch nicht mit einem Partner relativ eng an einen Standort gebunden sind, um die Brut aufzuziehen.

Französische Forscher um Pascal Marchand versahen eine Gruppe von 30 Raben mit Transpondern, die der Universität Wien markierten Kolkraben und beobachteten, wie oft sie und wie lange an bestimmten festen Orten zusammenkamen. Am einfachsten gelang dies im Zoo, wo die Raben regelmäßig Futter stibitzten. In Wien hatten sie dazu den ganzen Tag Zeit, in Italien, wo u. a. Fulvio Genero die Vergleichsuntersuchung durchführte, immer nur für ein paar Morgenstunden, in denen das Futter auslag.

Einzelne Kolkraben flogen eine Strecke von bis zu 100 Kilometern täglich und hielten sich nur kurz an einem Ort auf, andere erschlossen sich einen Lebensraum von nur wenigen Kilometern. Es gab also die Standorttreuen und die Wanderer, aber auch die Unternehmungslustigeren kehrten immer wieder zu festen Orten zurück.

So konnte man nachweisen, wie sich kleine Gruppen zu größeren zusammentun und wieder trennen, zum Futtern, zum Schlafen, und in kleinen Gruppen, die man durchaus als Freunde bezeichnen kann, um einfach nur zu spielen. Mit der Notwendigkeit, die Erkenntnisse über komplexe Sozialstrukturen mit dem Gehirn zu erfassen und dort abzuspeichern, wuchsen wohl auch die Gehirne der Vögel. Oder sollte man besser sagen, mit der Fähigkeit, dies tun zu können?

Die sogenannte Dunbar-Theorie, nach der eine zunehmende Komplexität des Soziallebens das Gehirn wachsen lässt, gilt wahrscheinlich also auch für die Einsteins unter den Vögeln. Robin Dunbar erklärte mit ihr zunächst nur die im Laufe der Evolution stetig anwachsende Größe des Hominiden-Gehirnvolumens.

Quelle: nature.com

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Simone Guski

Die Autorin ist gelernte Philosophin, arbeitete viele Jahre lang als Kulturjournalistin mit dem Schwerpunkt Kunst im In- und Ausland für Tageszeitungen und Magazine. Sie war langjährige Kulturberichterstatterin für DIE WELT in Madrid und unterrichtete später philosophische Anthropologie und Ästhetik an der Universidad de la Comunicación in Mexiko-City. Schließlich spezialisierte sie sich journalistisch auf die Themen Anthropologie, Primatologie und Tierrechte.

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