Kommentar

Neue Gentechnik in Europa: Ein überfälliger Schritt – und Deutschlands Ausweichen

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Auberginenpflanzen
Auberginen

Die Europäische Union hat sich bewegt. Nach jahrelanger Blockade hat sie neue Regeln für sogenannte neue genomische Techniken (NGT) beschlossen und damit begonnen, ein zentrales Dogma ihrer Technologiepolitik zu korrigieren. Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Und doch ist es noch ein langer Weg bis zu einer evidenzbasierten Politik in Deutschland und Europa.

Der Anfang vom Ende einer pauschalen Technikangst

Das Wesentliche an dieser Entscheidung ist, dass die neue Regulierung mit einer über zwei Jahrzehnte währenden Vereinfachung in der Gentechnikpolitik Europas bricht: der Vorstellung, jede genetische Veränderung sei per se problematisch.

Künftig wird differenziert. Pflanzen, deren Eigenschaften auch durch konventionelle Züchtung entstehen könnten, sollen weitgehend wie diese behandelt werden.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Der Fokus verschiebt sich von der Methode auf das Ergebnis, also auf das Produkt. Nicht mehr "Gentechnik" als abstrakte Kategorie steht im Mittelpunkt, sondern die konkreten Eigenschaften von Pflanzen und Lebensmitteln.

Deutschland hat sich bei dieser Entscheidung enthalten und hinkt damit auch in diesem Bereich anderen Ländern hinterher.

Dies wird offiziell mit interner Uneinigkeit begründet. Tatsächlich ist es jedoch Ausdruck eines tieferliegenden Musters und spiegelt die in Deutschland noch vorherrschende Naturromantik wider, die Wissenschaft und Evidenz ignoriert.

Wissenschaftliche Einordnung

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kam im Jahr 2022 zu dem Schluss, dass bei Pflanzen, die mit neuen genomischen Techniken erzeugt wurden, im Vergleich zu konventionell gezüchteten Pflanzen oder bereits bewerteten älteren gentechnischen Verfahren keine neuen Risiken identifiziert wurden.

Zugleich stellte die EFSA fest, dass ihre früheren Bewertungen weiterhin gültig sind und dass neue genomische Techniken das Risiko unbeabsichtigter Veränderungen des Genoms im Vergleich zu klassischen Transformationsverfahren sogar verringern können.

Auch für die breitere grüne Gentechnik ergibt sich aus der regulären wissenschaftlichen Risikoprüfung kein Befund besonderer, methodenimmanenter Gefahren. Die Tatsache, dass die EFSA ihre Bewertungsleitlinien fortlaufend aktualisiert und 2025 erneut eine Proteinsicherheitsbewertung gentechnisch veränderter Pflanzen durchführte, zeigt, dass eine rationale Sicherheitsbewertung als übliche Arbeitsweise wissenschaftlicher Behörden funktioniert. Bewertungen werden auf Grundlage der vorhandenen Evidenz fortlaufend aktualisiert.

Zivilgesellschaftlicher Druck für Reformen

Die politische Öffnung in Europa entstand nicht von selbst. Sie wurde auch durch öffentliche Aufklärungsarbeit und zivilgesellschaftlichen Druck vorangetrieben, unter anderem von Wissenschaftlern und durch neue wissenschaftsbasierte Umweltorganisationen wie WePlanet und, im deutschen Kontext, durch WePlanet DACH sowie die ÖkoProgs, die für eine Reform des europäischen Gentechnikrechts eingetreten sind.

Diese Interventionen sind relevant, weil sie den verbreiteten Eindruck korrigieren, nur Industrieakteure würden für eine Reform eintreten. Tatsächlich gibt es seit Jahren auch eine umwelt- und entwicklungsorientierte und zugleich wissenschaftsbasierte Position, die argumentiert, dass innovationsfeindliche Regulierung Kosten für Klimaresilienz, Ressourceneffizienz und Ernährungssicherheit verursacht.

Erfahrungen aus Bangladesch

Wie relevant diese Fragen außerhalb Europas sind, zeigt das Beispiel des Bt-Brinjals (Aubergine) in Bangladesch. Eine Auswertung zu den ökonomischen und gesundheitlichen Effekten berichtet, dass Bt-Brinjal den Befall durch den Auberginenfrucht- und Sprossbohrer senkt, den Pestizideinsatz reduziert, die Erträge erhöht und die Produktionskosten senkt.

Ein Beitrag zu den Erfahrungen in Bangladesch verweist zudem auf Feld- und Praxisergebnisse mit deutlich höheren Nettoerträgen, geringeren Pestizidkosten und weniger berichteten Pestizidvergiftungen bei Landwirten, die Bt-Brinjal anbauen. Eine neuere Übersichtsarbeit berichtet, dass Bt-Brinjal seit 2014 in Bangladesch kultiviert wird und bislang keine nicht akzeptablen oder unerwünschten Effekte dokumentiert wurden, die Mensch, Tier oder Umwelt geschadet hätten.

Dieses Beispiel ist für die europäische Debatte zentral. Wer gentechnische Verfahren pauschal diskreditiert, redet nicht nur über ein Symbolthema des globalen Nordens, sondern über reale Werkzeuge, die anderswo Ernten stabilisieren, Pestizidbelastungen senken und Kleinbauern konkrete Vorteile verschaffen können.

Wie absurd diese Debatte ist, zeigt sich am Beispiel von Bt-Brinjal: Das "Bt" steht für Bacillus thuringiensis, ein natürlich vorkommender Mikroorganismus, der im Bio-Anbau seit Langem als natürliches Biopestizid eingesetzt wird.

Es geht also nicht um "Profite", sondern um konkrete Verbesserungen für die Landwirte und die Umwelt – weltweit. Davon können insbesondere weniger wohlhabende Länder und Regionen profitieren.

Deutsche Angst als politischer Faktor

In Deutschland ist die Skepsis gegenüber grüner Gentechnik seit Jahren besonders ausgeprägt. Diese Haltung gilt häufig als Ausdruck besonderer Vorsicht. Sie ist aber eher eine Verlagerung des allgemeinen Misstrauens gegenüber der industriellen Landwirtschaft, technischen Eingriffen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen.

Die eigentliche Frage scheint kaum zu interessieren: Entstehen tatsächlich besondere Risiken oder Gefahren, die über die der konventionellen oder Bio-Landwirtschaft hinausgehen? Denn diese Frage wurde stets von angesehenen Behörden wie der EFSA mit einem "Nein" beantwortet.

Gerade deshalb ist der politische Effekt dieser deutschen Angst größer als eine bloße nationale Befindlichkeit. Wenn Europas größte Volkswirtschaft Reformen blockiert, verwässert oder nur widerwillig begleitet, erschwert das nicht nur europäische Innovation, sondern sendet weltweit das Signal, dass selbst wissenschaftlich breit geprüfte gentechnische Verfahren grundsätzlich suspekt seien.

Ernährungssicherheit und Nicht-Innovation

Eine evidenzbasierte Politik muss nicht nur hypothetische Risiken neuer Technologien berücksichtigen, sondern auch die Kosten ihrer Verzögerung oder Verhinderung. In einer Welt mit Klimastress, Schädlingsdruck und regional fragiler Ernährungssicherheit ist Nicht-Innovation keine neutrale Option.

Die deutsche und die europäische Debatte unterschätzen diesen Punkt bis heute. Wer aus kultureller Technikangst heraus sichere und nützliche Züchtungswerkzeuge delegitimiert, trägt dazu bei, dass landwirtschaftliche Anpassung langsamer, teurer und in manchen Regionen auch schwieriger wird.

Zusammenfassung

Die Reform der NGT-Regeln in Europa ist ein überfälliger Schritt hin zu einer wissenschaftsbasierten Bewertung der Pflanzenzüchtung. Sie sollte klarer als bisher von der wissenschaftliche Evidenz ausgehen: Weder neue genomische Techniken noch ältere gentechnische Verfahren sind besonders gefährlich. Entscheidend sind die konkrete Eigenschaft und ihr Risiko-Nutzen-Profil im Einzelfall.

Die deutsche Debatte steht dieser Einsicht noch immer häufig im Weg. Gerade deshalb braucht es mehr öffentliche Klarheit: weniger Symbolpolitik, weniger Angstkampagnen und mehr Orientierung an überprüfbarer Evidenz über den Nutzen im Vergleich zu den Risiken, zur globalen Ernährungssicherheit und zu den realen Folgen politischen Nicht-Handelns.

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