Kommentar

Astrologie-Interview – Keine Sternstunde des ZDF

Pünktlich zum Jahreswechsel warf das ZDF einen Blick auf die Sterne. Dabei handelte es sich nicht um einen informativen Beitrag über Astronomie, sondern um ein Interview mit dem Vorsitzenden des Deutschen Astrologen-Verbandes Klemens Ludwig.

Jedes Jahr wertet die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) astrologische Vorhersagen aus. Das Fazit der aktuellen Auswertung: 2016 war wieder kein gutes Jahr für Hellseher und Astrologen. Die "Trefferquote der Auguren war verheerend schlecht". Halbwegs skeptische Menschen sollte ein solches Ergebnis nicht verwundern. Schließlich entbehrt es jeder wissenschaftlichen Grundlage, dass die Position der Planeten am Himmel das menschliche Leben auf der Erde beeinflussen könnte, wie es Astrologen behaupten.

Anders sieht es natürlich Klemens Ludwig, Vorsitzender des Astrologenverbandes. In einem Interview mit dem ZDF durfte er zum Jahreswechsel für seine esoterischen Ansichten werben, ohne sich kritischen Nachfragen stellen zu müssen. Dabei stellt sich Ludwig als "professioneller" Astrologe dar, der sich von "unseriöser" Unterhaltung abgrenzt. "Wir gucken nicht in die Kristallkugel, sondern berechnen Horoskope genau - orientiert an den Gestirnen und nach mathematischen Regeln", erklärt Ludwig. 

Die fragwürdige Selbstdarstellung als seriöser Astrologe wurde vom ZDF verbreitet. In den sozialen Medien stieß das Interview bereits auf heftige Kritik. Zurecht.

Es gibt keine "seriöse Astrologie"

Unterschiedliche empirische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass überprüfbare astrologische Aussagen – egal welcher Art – statistisch nicht signifikant besser zutreffen als willkürliche Behauptungen. Bereits die zugrunde liegenden Voraussetzungen der Astrologie halten einer krtitisch-rationalen Überprüfung nicht stand.

Sie reiht sich damit in eine lange Liste des esoterischen Irrsinns ein, der niemals "seriös" sein kann: Pendeln, Handlesen, Numerologie, Homöopathie, Reinkarnationstherapie, Lichtnahrungsprozesse, Raumklärung, Reiki, Tarot & Co. All diese Formen des Obskurantismus haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind wissenschaftlich unplausibel und können in unterschiedlichem Maße gefährlich werden. Insbesondere uninformierte Rat- und Hilfesuchende können Opfer von Manipulation und Abzocke werden, wenn sie sich an Anbieter solch esoterischer Praktiken wenden.

Trotz offensichtlicher Absurdität suchen viele Menschen diese Angebote auf. Das anhaltende Bedürfnis nach Spiritualität und das Festhalten am Wunderglauben dürften eine große Rolle bei der Nachfrage und dem boomenden Esoterik-Markt spielen, mit dem Millarden erwirtschaftet werden. Deshalb reicht es nicht aus, die einzelnen Varianten des gegenwärtigen Obskurantismus zu beleuchten. Vielmehr besteht auch die Notwendigkeit zur Ideologiekritik und zur Aufklärung über ökonomische Interessen, welche hinter den esoterischen Produkten und vermeintlichen Dienstleistungen stehen. 

Im Jahr 1682 schrieb der Frühaufklärer Pierre Bayle in dem Buch "Pensées diverses sur la comète":

"Den Menschen zur Schande muss man es in alle Ewigkeit nachsagen, dass es solche Betrüger gegeben hat, die andere unter dem Vorwand, sie verstünden sich auf himmlische Sachen, schändlich hintergingen, und dass es allemal Narren gegeben hat, die auf jene ein so großes Vertrauen gesetzt, dass sie die Astologie als eine Ehrenstelle zu vergeben angefangen haben und sich nicht getraut haben, ein neues Kleid anzulegen oder einen Baum zu pflanzen, wenn es der Herr Sterngucker nicht für gut empfunden." 

Schade, dass Bayle selbst nach 335 Jahren aktuell geblieben ist. 

Kommentare (10)

Wolfgang (nicht überprüft)

Fr. 6 Jan 2017 - 15:35

Auf einer wissenschaftlichen Veranstaltung der Volkshochschule gab es einen Vortrag über Astronomie. Der Vortragende war irritiert über die Masse der Besucher, es mussten noch Stühle hereingetragen werden. Er begann seinen Vortrag mit den Worten: "Es handelt sich um einen Vortrag über Astronomie, nicht Astrologie!" Keine fünf Minuten später hätten die
restlichen Besucher in ein normales Wohnzimmer gepasst. Der Vortrag war hervorragend!

Stefan Wagner (nicht überprüft)

Fr. 6 Jan 2017 - 16:32

Das Horoskop- und Sternzeichenwesen ist auch dem Rassismus ähnlich. Lt. deren Ansicht hat man qua Geburt ein Leben bestimmte Eigenschaften, die man nicht ändern kann und die einem beliebige Leute auf das Geburtsdatum (evtl. + Geburtsort) hin zusagen können, und soweit sie das ernst nehmen haben diese Konsequenzen (Einstellung für Job wenn es kein Krebs ist, romantische Beziehung aufnehmen mit einem Steinbock, keine Geschäftsabschlüsse mit Skorpionen usw.).
Cartoon: https://demystifikation.wordpress.com/2017/01/04/horrorskop/

Jörg W. (nicht überprüft)

Mo. 16 Jan 2017 - 10:41

Antwort auf von Stefan Wagner (nicht überprüft)

ist mir auch schon aufgefallen: http://www.diewahrheit.at/video/rassismus-im-radio

Stefan Wagner (nicht überprüft)

Di. 17 Jan 2017 - 02:39

Antwort auf von Jörg W. (nicht überprüft)

Hi Jörg!
Da ich viele Deiner Beiträge mit großer Freude verfolgt habe kann es gut sein, dass ich es da her habe. :)

Paul (nicht überprüft)

Fr. 6 Jan 2017 - 17:49

Als ich vor Jahren einem Bekannten erzählte, dass ich die Wahrscheinlichkeit des Urknalls höher ansetze, als die seines "Herren", entlockte es ihm nur ein hämisches Grinsen, tja, dann soll er weiterhin Sonntags zu Kreuze kriechen und auf den Knien rum rutschen.

Bernie (nicht überprüft)

Fr. 6 Jan 2017 - 21:38

Welch Zufall, dass ich heute dachte so ein Buch wie das von Carsten Frerk "Die Kirche im Kopf" ist auch für den Bereich Esoterik längst überfällig. Fällt nur mir auf, dass nicht nur Astrologie sondern auch Begriffe aus der Esoterik-Szene, wie z.B. "Positiv Denken, längst im normalen Lebensalltag eines jeden Menschen unhinterfragt gebracht werden können? Ich erzähle nur kurz die Anektode, dass mich eine REWE-Verkäuferin trösten wollte als Sie erfuhr, dass ich derzeit in einer schweren Lebenskrise stecke - sie meinte "immer positiv Denken", dass würde helfen. Ich sagte dieser, netten Person, nicht, dass ich Esoterik-Kritiker bin, und ihr Trost zwar nett gemeint sei, aber direkt aus einer sehr unseriösen Ecke stammt, nämlich der des Aberglaubens, und der Geschäftemacherei mit dem Not, und Elend, oft armer Mitmenschen. Eine interessante Beobachtung von mir ist auch, dass sogar bei Bewerbungstrainings in Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, mit ursprünglich esoterischen Werten - eben dem positiven Denken - geworben wird. Fazit, wie bereits erwähnt, ein Ratgeber mit dem Titel "Esoterik im Kopf" ist längst überfällig. Zumal die Esoterik-Szene ja ebenso uralt, und alles beeinflußend ist wie die Kirchendenke all die Jahrhunderte hinweg.
Gruß
Bernie

Elke Petermann (nicht überprüft)

So. 8 Jan 2017 - 01:12

Es ist unfassbar, dass das Öffentlich-Rechtliche, das von mir Zwangsgebühren einzieht, damit Sendungen produziert, die ich als Verhöhnung seines gesetzlichen Bildungsauftrages sehe. Und ich meine damit nicht nur all die unsäglichen Quiz-, Koch- und Sportsendungen, sondern insbesondere gezielte Verblödung wie das völlig unkritisch geführte "Interview" mit einem Astrologen. Ich will solchen Mist nicht sehen und vor allem: nicht mitfinanzieren müssen.

Kay Krause (nicht überprüft)

So. 8 Jan 2017 - 09:23

Ist diese gesamte Esotherik nicht imgrund das gleiche wie die Religionen? Nämlich eine Phantasiewelt, in die viele Menschen sich flüchten, weil es ihnen an WISSEN mangelt.
So wie alles in unserem Universum stetig in Bewegung ist, so ist natürlicherweise auch unser Wissen in Bewegung und veränderbar durch neue und bessere Erkenntnisse, die wiederum veränderbar sind. Religionen, Esotherik und andere Glaubensrichtungen dagegen sind starr, die gläubigen Menschen sind gegen sachliche Argumente und wissenschaftliche Beweise immun. Inzwischen ist man wohl mangels Erfolg davon abgekommen, mit Hilfe magischer Formeln und Kerzenschein Gold produzieren zu können, ansonsten bewegt sich auf den o.g. Gebieten kaum etwas. Auch mir mangelt es an seeeeeehr vielem Wissen. Aber mit meinem geringen Wissen und dem der mich umgebenen Menschen gelingt es mir recht gut, mich durch's Leben zu wursteln. Ich bin jedoch weit davon entfernt, mein mangelndes Wissen durch Märchen- und Phantasiewelten zu ersetzen und diese dann auch noch als maßgebliche "Wahrheiten" zu verkaufen! Ja mei, wer's halt braucht......! Jedem das Seine! Gefährlich ist es halt, wenn Menschen mit diesen Denk- und Glaubensweisen unsere Welt regieren!

Konrad Schiemert (nicht überprüft)

Mo. 9 Jan 2017 - 12:55

Antwort auf von Kay Krause (nicht überprüft)

Gläubige aller Religionen und Ersatzreligionen (Esotherik, Homöopathie, Astrologie...) haben die wunderbare Eigenschaft Tatsachen ignorieren zu können. ("Ich habe eine perfekte Theorie, was interssieren mich Tatsachen?"). Viele Gläubige wissen was Evolution ist, die Erschaffung der Welt in der Bibel klingt aber viel schöner als eine wissenschaftliche Begründung, warum die Bibel falsch liegt. Sie brauchen kein Wissen, sie brauchen eine Phantasiewelt um glücklich zu sein.
Ich denke, dass wir hier nicht nur mit fehlendem Wissen, sondern mit einer (angeborenen?) Eigenschaft der Menschen zu tun haben: Manche brauchen einfach das Mysterium, das Unerklärliche, das Unmögliche für ihren Weltbild.

Florian Chefai

Hier sollte eine kurze Beschreibung des Autors bzw. der Autorin stehen. Die Autoren sind noch nicht angelegt, weil im Rahmen der Migration diese Daten nicht zuverlässig aus dem Freitext-Inhalt zu extrahieren sind.

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