Verschwörungstheoretiker versuchen, eine Sendung von "Mai Think X" aus der ZDF-Mediathek entfernen zu lassen

"Rituelle Gewalt"

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Gespräch bei einer Psychologin
Gespräch bei einer Psychologin

Nachdem der satirische Beitrag von Jan Böhmermann zu "Ritueller Gewalt" aufgrund einer Programmbeschwerde aus der ZDF-Mediathek entfernt wurde, versuchen Verschwörungstheoretiker das Gleiche erneut mit einer Sendung von "Mai Think X". Die Argumente in der neuen Programmbeschwerde sind dabei so fadenscheinig wie haltlos.

Die "Rituelle Gewalt / Mind Control"-Verschwörungstheorie (RG-MC) und ihre Versatzstücke grassieren in deutschsprachigen Ländern mittlerweile seit vielen Jahren unter manchen Psychotherapeuten (insbesondere Traumatherapeuten). Prominent wird die RG-MC gegenwärtig im Film "Blinder Fleck" von Liz Wieskerstrauch beworben, der sich seit Mitte 2025 zweifelhafter Beliebtheit erfreut (der hpd berichtete).

In der Schweiz ist man sich des Problems der RG-MC zunehmend bewusst. Journalisten und Behörden hatten beispielsweise 2022 die Klinik Littenheid im Kanton Thurgau identifiziert, in der die RG-MC aktiv an Patienten herangetragen wurde – juristische Konsequenzen folgten, unter anderem eine Strafanzeige gegen den verantwortlichen Oberarzt Matthias Kollmann.

In Deutschland hingegen ist man längst nicht so weit. Die Verschwörungstheoretiker sind gut vernetzt und einflussreich. Zuletzt konnte ein 2023 erschienener Beitrag des "ZDF Magazin Royal" mit Jan Böhmermann zur RG-MC erfolgreich aus der ZDF-Mediathek entfernt werden. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK) legte im Anschluss an die Sendung Programmbeschwerde beim ZDF-Fernsehrat ein und berief sich dabei auf "mangelnde Differenzierung" (UKASK) und "Stimmungsmache gegen Betroffene sexualisierter Gewalt", so berichtete der Spiegel. Allerdings ging es in der Sendung von Böhmermann überhaupt nicht um Denunziation von Betroffenen sexualisierter Gewalt, ganz im Gegenteil, im Grunde ging es um Opferschutz derjenigen Patienten, die arglos ihren Psychotherapeuten vertrauen und drohen, sich in einem schier endlosen Geflecht aus Verschwörungstheorien zu verlieren. Doch wie kam die UKASK zu der kruden Annahme, dass Böhmermann "Stimmung" gegen Betroffene sexualisierter Gewalt machen würde? Das liegt wohl vor allem daran, dass Vertreter der RG-MC-Verschwörungstheorie Kommissionsmitglieder und "Experten" – unter ihnen die Verschwörungstheoretikerin Michaela Huber – der UKASK waren und noch sind. Angesichts der Tatsache, dass die UKASK eine offizielle Kommission der Bundesregierung ist, stellt es einen handfesten Skandal dar, dass in einem derart wichtigen Gremium Verschwörungstheoretiker den Ton angeben.

Im März 2026 strahlte das ZDF eine Sendung von "Mai Think X" zum Thema "Wie unsere Erinnerung uns betrügt" mit der Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim aus. Inhaltlich ging es in der Sendung um die Wissenschaft des menschlichen Gedächtnisses. Dabei beleuchtete die Moderatorin unter anderem die Verfälschbarkeit von Erinnerungen durch suggestive Einflüsse.

Viele wissen nicht, dass das Gedächtnis nicht wie eine Festplatte funktioniert, auf der man Erinnerungen wie Dateien ablegen und nach Belieben irgendwann einfach wieder abrufen kann. Das Gedächtnis funktioniert über komplexe synaptische Verschaltungen, die aufgrund der Plastizität des Gehirns modulierbar sind. Erinnerungen sind somit nicht notwendigerweise Tatsachenbeschreibungen, sondern in erster Linie durch subjektives Erleben geprägt. Ändert sich das subjektive Erleben, können sich auch Erinnerungen verändern. Das kann in der Praxis so weit gehen, dass sich Menschen an Ereignisse erinnern, die sie niemals erlebt haben (sogenannte false memories). Menschen unterscheiden sich in ihrer Beeinflussbarkeit – manche neigen kaum, andere stark zu false memories. Da Verschwörungstheoretiker ihren Patienten über subtile Methoden (meist unabsichtlich) Erinnerungen einreden, die sie faktisch nicht erlebt haben, führte auch die Sendung von Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim unweigerlich zur RG-MC, die sie folglich zu Recht kritisierte.

Ähnlich wie bei Böhmermann kam es erneut am 1. Juni 2026 zu einer Programmbeschwerde (siehe Anhang). Dieses Mal nicht durch die UKASK, sondern durch die Deutsche Gesellschaft für Trauma & Dissoziation (DGTD), vertreten durch den 1. Vorsitzenden Harald Schickedanz. Die DGTD wurde ursprünglich 2011 von Michaela Huber gegründet. Seither war sie langjährige Vorsitzende des Vereins und wurde schließlich 2021 von Schickedanz abgelöst. Seit der Gründung vertritt die DGTD die RG-MC-Verschwörungstheorie, in der sie bisher unzählige Psychotherapeuten schulte – bis heute. Schickedanz ist zudem ärztlicher Direktor eines Reha-Zentrums. Teil seines Teams in der Klinikleitung ist der Oberarzt Matthias Kollmann, der für seine verschwörungstheoretischen Annahmen bereits in Littenheid unrühmliche Bekanntheit erlangte.

Die Programmbeschwerde hat auch dieses Mal zum Ziel, die Sendung von Nguyen-Kim aus der ZDF-Mediathek zu entfernen. Die Begründungen, die Schickedanz und die DGTD vorbringen, sind so fadenscheinig wie haltlos. So wäre die Sendung einseitig gewesen und hätte "Fachleute" nicht ausreichend berücksichtigt, wobei er damit wohl auf Vertreter der RG-MC abhebt. Zudem würde die Sendung verdrängte Erinnerungen als unwissenschaftlich darstellen, obwohl die WHO das Gegenteil anerkenne. Das Konzept der "verdrängten Erinnerungen" ist pseudowissenschaftlich und hat sich nach dem Aufkommen der Psychoanalyse in die Alltagssprache der Menschen eingeschlichen – auch von Psychotherapeuten. Doch warum ist es pseudowissenschaftlich? Der Grund ist, dass die Hypothese der verdrängten Erinnerungen niemals falsifiziert werden kann, sie kann immer nur bestätigt werden: Erinnere ich mich nicht daran, wo ich mein Auto abgestellt habe, dann habe ich das offenbar verdrängt – und wenn ich mich dann wieder daran erinnere, dann ist das ein Beleg dafür, dass ich die Erinnerung zuvor verdrängt habe. Die Forschung zeigt zudem, dass besonders negative oder positive Erfahrungen besser erinnert werden als neutrale. Im Falle von – zum Teil – jahrelangen rituellen Missbrauchserfahrungen wäre es vollkommen wahnwitzig zu glauben, dass man sich an überhaupt nichts davon erinnern könne. Auch das Verständnis davon, wie Diagnosen in das Klassifikationssystem der WHO gelangen, scheint bei Schickedanz nahezu nicht existent zu sein. Mitnichten ist es so, dass alle Diagnosen der "Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme, 11. Revision" (ICD-11) wissenschaftlich vollständig abgesichert sind. Immer wieder kommt es zu Anpassungen und großflächigen Veränderungen der Diagnoselandschaft, insbesondere in der "psychischen Sektion". Beispielsweise werden Persönlichkeitsstörungen seit dem ICD-11 komplett anders klassifiziert als zuvor. Demgegenüber gibt es wissenschaftlich gut abgesicherte Konstrukte, wie die "Psychopathie", die es bis heute nicht ins ICD geschafft hat. Ein Argument über die WHO zu führen, ist daher in diesem Fall nicht sonderlich überzeugend.

Um das Konzept um rituelle Gewalt glaubwürdiger erscheinen zu lassen, greift die Programmbeschwerde auf einen rhetorischen Trick zurück, indem sie Begriffe verwässert. So wird rituelle Gewalt mit organisierter Gewalt vermischt und versucht, die Verschwörungstheorie an real existierende sexuelle Gewalt zu plausibilisieren. Laut Schickedanz gebe es auch "organisierte Netzwerke, die systematisch Gewalt an Kindern ausüben", und verweist dabei auf Menschenhandel oder kirchliche Gewalt. Damit hat Schickedanz auch in Teilen recht. Es gibt Täternetzwerke, die organisiert sind und bei Menschen systematisch Gewalt anwenden. Ein weiteres Beispiel wäre hier der Fall um "White Tiger", der das belegt. Allerdings hat das nichts mit dem verschwörungstheoretischen Konzept der RG-MC zu tun, die behauptet, dass es im Geheimen agierende Eliten gebe, die Kinder über viele Jahre hinweg sexuell missbrauchen würden, um deren Persönlichkeit zu spalten und per Fernsteuerung zu bedienen. (Eine ausführlichere Beschreibung der Unterschiede zwischen organisierter und ritueller Gewalt findet sich hier.)

Die DGTD moniert weiter, dass die Sendung sich hauptsächlich auf Positionen der Rechtspsychologie stütze und andere Fachverbände wie die Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) nicht hinzugezogen hätte. Ganz abgesehen davon, dass die DeGPT zum Netzwerk der DGTD gehört, handelt es sich bei der Frage um rituelle Gewalt nicht um eine klinisch-psychologische Fragestellung, sondern um eine forensische. Es geht hier um vermeintliche Gewaltdelikte und die Umstände, wie Betroffene hier zu entsprechenden Aussagen kommen. Es geht bei ritueller Gewalt also erst mal nicht darum, ein psychisches Leiden zu verstehen und zu lindern, sondern darum, ein mögliches Delikt aufzuklären! Im Falle von ritueller Gewalt gibt es allerdings seit Jahrzehnten keinen einzigen verifizierten Fall. Die Rechtspsychologie ist wegen der forensischen Aspekte eben die richtige Anlaufstelle. Das Problem in der Psychotherapie besteht eher darin, dass manche Psychotherapeuten sich anmaßen, beurteilen zu können, was in der Vergangenheit tatsächlich geschehen ist. Das ist nicht ihre Aufgabe. Die Aufgabe der Psychotherapie besteht darin, mit der subjektiven Welt einer Person zu arbeiten und ihr zu helfen, das Beste aus ihrer Situation zu machen und Leid zu lindern. Leider fehlen bis heute klare Positionspapiere deutscher psychotherapeutischer Fachgesellschaften, die sich öffentlich gegen das RG-MC-Narrativ in der Psychotherapie aussprechen. In Österreich ist man da weiter: Die Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten veröffentlichte im März 2026 eine Stellungnahme, die die RG-MC problematisiert und vor der Verschwörungstheorie explizit warnt – etwas, was ich mir für Deutschland ebenfalls wünschen würde.

Ansonsten argumentiert die DGTD in ihrer Programmbeschwerde mit klassischer Täter-Opfer-Umkehr, was aus der Szene allerdings schon seit Jahren bekannt ist. Die Sendung würde Psychotherapeuten Fehlbehandlungen unterstellen, die nicht bewiesen wären, eine Berufsgruppe fälschlich diskreditieren sowie Patienten verunsichern und deren Heilungsprozess erschweren. Diese Behauptungen sind Immunisierungsstrategien der RG-MC-Verschwörungstheoretiker, um von ihrem eigenen Fehlverhalten abzulenken. Kritik an Verschwörungstheorien und einzelnen schwarzen Schafen diskreditiert keine ganze Berufsgruppe, im Gegenteil, sie stärkt vielmehr das Vertrauen in diese, da Korrekturinstanzen funktionieren. Der Versuch, das abzuschaffen, führt erst zu Vertrauenseintrübungen.

Dass der Heilungsprozess erschwert werde, ist ebenfalls eine Nebelkerze, da die RG-MC-Verschwörungstheorie Betroffene überhaupt erst in jene Krankheit führt, deren Vertreter sie anschließend zu behandeln vorgeben.

Zusammenfassend ist die Programmbeschwerde der DGTD das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Wenn der Fernsehrat des ZDF wirklich etwas für Betroffene tun möchte, dann sollte er den Forderungen nach Löschung aus der ZDF-Mediathek nicht nachkommen. Mehr noch: Es sollten endlich mal umfassende journalistisch aufbereitete Filmdokumentationen erwogen werden, die der RG-MC-Verschwörungstheorie auch in Deutschland nachgehen. Zudem brauchen wir dringend klare Stellungnahmen von psychotherapeutischen Fachgesellschaften und psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten sowie ein verschwörungstheoretisch sensibilisiertes Qualitätsmanagement in Krankenhäusern.

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