"Archiv der Leerstellen": Leben und Widerstände der iranischen Diaspora in Berlin – und darüber hinaus

Die Solidarität der Feminist*innen weltweit

sanaz_azimipour_alja_gudzevic_und_saideh_saadat-lendle_am_17.5.2026_im_roten_salon.jpg

Sanaz Azimipour, Alja Gudžević und Saideh Saadat-Lendle am 17.5.2026 im Roten Salon der Volksbühne in Berlin
Sanaz Azimipour, Alja Gudžević und Saideh Saadat-Lendle

Im vorerst letzten Teil der Veranstaltungsreihe "Archiv der Leerstellen", die Sanaz Azimipour so klug wie einfühlsam konzipiert hat, geht es um Care-Arbeit, Widerstand und Wahlfamilien: Iranische Feministinnen organisierten sich in Berlin in den Jahren von 1980 bis 1990 und darüber hinaus. Auf dem Podium saßen Alja Gudžević und Saideh Saadat-Lendle.

Saideh Saadat-Lendle ist eine wichtige Stimme in der antirassistischen Arbeit. Sie ist Psychologin, Diversity-Trainerin und freiberufliche Dozentin zu den Schwerpunkten Mehrfachdiskriminierung, Rassismus, Geschlecht/Gender, sexuelle Lebensweise, Flucht und Queers sowie Sprache und Diskriminierung. Ihre Expertise im Kontext Diskriminierungen und ihre eigene Geschichte der Emanzipation von den Erwartungen männlich dominierter politischer Gruppen sowohl in Iran als auch in Deutschland machen sie zur perfekten Berichterstatterin dieser Zeit nach 1979. Es moderierte Alja Gudžević, eine Künstlerin, die auf globaler Ebene Stimmen erklingen lässt.

Die feministische Organisierung markiert eine der bedeutendsten politischen Zäsuren nach der Revolution von 1979 in der iranischen Diaspora. Angesichts der massiven Repression und des Scheiterns traditioneller Strukturen übernahmen Frauen im Exil eine neue, subversive Rolle im Widerstand. Sie führen den Kampf an multiplen Fronten: gegen die misogyne Unterdrückung durch das iranische Regime, gegen patriarchale Dynamiken innerhalb der eigenen politischen Reihen und gegen den strukturellen Rassismus sowie Sexismus in Deutschland.

Der Film "ÜberLEBEN im Exil" erzählt die Geschichte von Goli, die in den 1980er Jahren nach Berlin kam und in einer feministischen Frauen-WG Solidarität, Raum und politische Zusammenhänge fand, in denen sie ihre politische Arbeit fortsetzen konnte.

"ÜberLEBEN im Exil"
Standbild aus dem Film "ÜberLEBEN im Exil" (las otras FrauenLesbenFilmCollectif Berlin, 2013, 40 Min)

Sowohl der Film als auch Saideh Saadat-Lendle und wichtige Weggefährt*innen im Publikum zeigten, beschrieben und erklärten die Geschichte dieser Organisierung – von der "Autonomen Iranischen Frauenbewegung im Ausland" bis zu den Frauenkomitees gegen Hinrichtungen (eine wichtige Figur war hier u.a. Mina Ahadi, Anm. d. Red.). Sie klärten auf, darüber, wie diese Gruppen feministische Praxis im Privaten und Politischen miteinander verwebten. Die Frage nach der Sprache des Widerstands stellt sich dabei immer wieder neu. Inwiefern hatten Begriffe wie "Care-Arbeit", "Chosen Family" oder "Sisterhood" für die exilierten Feministinnen überhaupt Relevanz – brauchen wir heute neue Worte für ihre radikalen Strategien des Überlebens und der Solidarität?

Saideh Saadat-Lendle beschreibt auch, wie schwierig es war, in den diversen Gemeinschaften zu agieren – der Kampf um Akzeptanz als iranische queere Person gestaltete sich immer wieder herausfordernd. In jeder Gruppe wurden einzelne Aspekte ihrer Person selbstverständlich akzeptiert während andere Aspekte Aufklärung erforderten. Schmunzelnd stellte sie den Witz der älteren Iraner*innen der Sprachsensibilität der Jüngeren gegenüber. Verhaltenes Gekicher im Publikum zeigt, dass diese Differenzen in Bezug auf diskriminierungssensible Sprache bekannt sind.

Alja Gudžević und Saideh Saadat-Lendle
Alja Gudžević und Saideh Saadat-Lendle im Gespräch, Foto: © Susan Navissi

"Jin, Jian, Azadi" ("Frau, Leben, Freiheit") ist der Name der bisher größten feministischen Bewegung in Iran und auch in der Diaspora. Sie fand ihren Anfang 2022, nach dem Mord an Jina Mahsa Amini. Sowohl in Iran als auch in vielen anderen Städten der Welt gingen Tausende von Menschen auf die Straße, auch in Berlin. Sanaz Azimipour, die Organisatorin dieser Veranstaltungsreihe, möchte Verbindungen herstellen zwischen dem gestern und heute. Das war ihr Ansatz für diese umfassende Recherchearbeit.

Die Solidarität und der Kampf der Frauen ist eine wichtige Komponente im Widerstand. Sie fordern auch linke Strukturen immer wieder auf, sich zu erneuern und zu demokratisieren, wie Hamid Nowzari an diesem Abend am im Roten Salon der Volksbühne betont. Natürlich wissen all jene Gruppen, die potentiell von Armut und Unterdrückung betroffen sind, weil sie nicht privilegiert sind, wie komplex der Kampf um Gerechtigkeit aussieht. Geschlecht, Hautfarbe, Bildungsgrad…all die Aspekte, die in Artikel 2 der Menschenrechte explizit genannt werden und kein Grund für Benachteiligung sein sollen, finden wir nach wie vor als Ursache für Leid und Ungerechtigkeit.

Saideh Saadat-Lendle nennt schließlich am Ende der Veranstaltung die Unteilbar-Bewegung als gelungenes Beispiel für eine erfolgreiche Mobilisierung vieler Menschen, die eine solidarische Welt wollen. Sie hat Hoffnung, dass auch die Menschen in Iran wieder auf die Straße gehen werden – wenn dieser absurde Krieg vorbei ist.

Plakat von 1979
Plakat: Alte Mensa Berlin, 1979

Die Arbeit von Sanaz Azimipour knüpft an Erfahrungen der älteren Bewegungen an. Fast hätte sie die Veranstaltungsreihe abgesagt, zu angespannt war die Situation mit dem Krieg: "Eine Ausstellung erscheint angesichts einer Lebensrealität von Krieg und Massakern erst einmal irrelevant."

Glücklicherweise haben alle vier Abende stattgefunden und den Menschen, die dort waren, ein Stück Trost und Gemeinschaft gegeben.

Die Frauen, die im Film über Goli gezeigt wurden, haben damals eine Broschüre veröffentlicht: "Den Faden weiterspinnen". Die Broschüre lag im Foyer aus. Sie hat nichts an Aktualität verloren. Der Kampf um gleiche Rechte wird fortgeführt und kann nur gemeinsam gelingen. Man darf gespannt sein auf Sanaz Azimipours nächstes Projekt.

Zwei Tage später bekomme ich eine Nachricht von meiner Cousine: "Leider komme ich nur sehr selten in das internationale Netz, deshalb habe ich deine Nachricht erst jetzt gesehen, meine Liebe. Ich traue unseren Nachrichten nicht. Im Moment gibt es eine gewisse Ruhe. Wir warten auf die Ergebnisse der Verhandlungen – ob der Krieg weitergehen wird. Wir denken an euch und wissen, dass ihr an uns denkt."

Ja, ich denke viel an sie und die anderen. Ich denke auch darüber nach, warum wir von männerdominierten Regierungen regiert werden, die anscheinend die Menschenrechte nicht kennen oder nicht respektieren.

Unterstützen Sie uns bei Steady!