Der Verweis auf Jäger und Sammlergesellschaften oder vormoderne Stammesverbände ist ein massiver Kategorienfehler. Diese Gemeinschaften waren sui generis soziale Systeme, die auf Nähe, Verwandtschaft, gegenseitiger Verpflichtung und unmittelbarer Solidarität beruhten.

Gerade in diesen Gesellschaften war der soziale Solidaritätsverbund das zentrale Organisationsprinzip: Wer krank wurde, wurde versorgt. Wer nicht jagen konnte, bekam dennoch Nahrung. Wer alt wurde, wurde getragen.

Nicht, weil man es sich „leisten konnte“, sondern weil das Überleben der Gruppe davon abhing. Solidarität war kein Kostenfaktor, sondern Überlebensbedingung.

Die Industrialisierung hat die Spätformen dieser Strukturen nicht ersetzt, sondern zerstört: Urbanisierung, Mobilität, Anonymisierung, funktionale Arbeitsteilung – all das hat die vormodernen sozialen Sicherungsmechanismen aufgelöst. Genau deshalb ist der moderne Sozialstaat nicht ein Luxusprodukt des Wohlstands, sondern die institutionelle Antwort auf den Verlust vormoderner Solidaritätssysteme.

Insofern ist die These, die industrielle Produktion habe den Sozialstaat „erst möglich gemacht“, historisch falsch. Sie hat ihn notwendig gemacht.

Das Argument der „Leistungsgrenzen“ wirkt vor diesem Hintergrund deplatziert. Der Sozialstaat ist kein freiwilliges Add on, das man je nach Haushaltslage hoch- oder herunterdreht, sondern ein verfassungsrechtlich verankerter Ordnungsrahmen, der die Funktionsfähigkeit einer modernen Gesellschaft überhaupt erst sicherstellt.

Wer ihn auf „Leistbarkeit“ reduziert, verwechselt Ursache und Wirkung:
Nicht der Wohlstand trägt den Sozialstaat – der Sozialstaat trägt den Wohlstand einer hochkomplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft. Dass man ihn innerhalb seines Ordnungsrahmens gestaltet und durchaus dabei priorisiert, ist eine andere Sache. Aber ihn per se für „unleistbar“ zu erklären, legt die Axt an die Wurzeln gesellschaftlicher Leistungs- und Funktionsfähigkeit.

Moderne Gesellschaften funktionieren nicht wie Stammesverbände. Und genau deshalb brauchen sie Institutionen, die das auffangen, was früher soziale Nähe geleistet hat.

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