Das neue Buch von Hamed Abdel-Samad
Die unheilvolle Allianz von Politik und Religion
Hamed Abdel-Samad problematisiert in seinem neuen Buch „With God on their Side“ (in deutscher Sprache), dass es auch in den westlichen Ländern eine immer religiösere Legitimation von Politik geben würde.
© www.kremlin.ru CC BY 4.0
Bekanntlich sang Bob Dylan in den 1960er Jahren diverse Protestlieder. Das bekannteste Beispiel dürfte „Blowing in the Wind“ sein, weniger bekannt, aber inhaltlicher war „With God on our Side“. Ironisierend beschrieb Dylan schlimme Ereignisse in der Geschichte, deren Akteure aber immer Gott auf ihrer Seite gewusst hätten. Ob sich Hamad Abdel-Samad von diesem Song inspirieren ließ, geht aus seinem neuen Buch auf den über 300 Seiten nicht hervor. Er gab ihm aber mit „With God on their Side“ eine ähnlichen Titel. „Die unheilvolle Allianz von Politik und Religion“ lautet der Untertitel. Dabei besteht aber eine Differenz zu Dylan, der die politische Instrumentalisierung des jeweiligen Gottes hervorhob. Abdel-Samad geht es um die reale Kooperation von politischen und religiösen Mächten. Und er sieht eine Gefahr in einem weltweit auszumachenden Prozess, nämlich der Erosion einer gegenüber Politik und Religion postulierten Trennung. Und genau der kritische Blick auf diese Entwicklung bildet den Inhalt der neuen Monographie.
Darin nimmt der Autor seine Leser mit auf eine Reise, die einerseits in die Geschichte führt und andererseits um die ganze Welt geht. Er blickt hierbei insbesondere auf die „Rückkehr der Religion als politische Ressource“, wobei diese Entwicklung für ihn kein spirituelles Ereignis ist, sondern ein „Symptom kultureller Erschöpfung“. Die Aufklärung habe einst über die Kritik der Religion einen Säkularisierungsprozess vorangetrieben, wobei aber deren Grundprinzipien einem delegitimierenden Prozess mit möglicherweise fatalen Wirkungen ausgesetzt würden. Genau davor will Abdel-Samad warnen, auch für die als säkular geltende westliche Welt. Seine Darstellung setzt aber weit zurück in der Geschichte ein, geht es doch zunächst um den „imperialen Anspruch des Christentums“, der eben keineswegs von der politischen Sphäre strikt getrennt war. Als eine Art von Gegenbewegung gilt ihm demgegenüber der Islam. Überhaupt weist der Autor häufig darauf hin, dass bestimmte Entwicklungen dazu führten, dass andere Prozesse dadurch forciert wurden.
Was auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint, wird so aber als sozialer Prozess viel nachvollziehbarer. Und mit diesem Denkansatz nimmt er unterschiedliche Entwicklungen ins Visier. Dabei werden auch säkulare Ersatz-Religionen thematisiert, nicht nur die transzendent orientierten eigentlichen Religionen. Aber noch stärker thematisiert er die konfrontative und verstärkende Begegnung religiöse Identitätspolitiken, wofür Kapitel wie „Vom Ende christlicher Vormacht zur globalen Radikalisierung“ oder „Der 11. September und der Aufstieg des Evangelikalismus“ stehen. Gleiches gilt für einen aktuell noch laufenden Konflikt: „Al-Golani und Pete Hegseth. Ein Krieg, zwei Karrieren“. Der Autor blickt auch häufig in die Geschichte zurück, wobei etwa der Aufstieg des Islamismus mit dem Westen in Verbindung gebracht wird. Für die Gegenwart konstatiert er: „Der Zerfall der Vorherrschaft des Westens und die Geburt neuer Glaubenskriege“. Auch dieses Kapitel behandelt demnach die gemeinten Wechselverhältnisse.
All das wird von Abdel-Samad mit leichter Hand präsentiert. Man könnte hier und da etwas zu allgemein wirkende Ausführungen kritisieren, angesichts der thematischen Breite ist so etwas aber nicht vermeidbar. Auch dürften viele Detailaspekte den Interessierten schon länger bekannt sein, das Buch richtet sich aber erkennbar an eine breitere Öffentlichkeit. Besondere Aufmerksamkeit verdient darüber hinaus noch das Schlusskapitel: „Die neue Blasphemophobie. Wie die Verdrängung der Religionskritik im Westen die Politisierung der Religion vorantreibt“. Berechtigt macht der Autor darin auf eine besondere Gefahr aufmerksam, würde doch zugunsten von religiösen Minderheiten auch auf Religionskritik verzichtet. Genau diesen Effekt kann man durchaus bei den sich als Progressive verstehenden Zeitgenossen konstatieren. Womöglich ist eine solche Entwicklung gerade ein besonderes Gefahrenmoment, das in seinen Dimensionen gegenwärtig noch gar nicht so richtig von den Säkularen selbst wahrgenommen wurde.