Seit 11 Jahren protestiert die Kunstaktion "11. Gebot" gegen die staatliche Subventionierung christlicher Glaubensfeste

Moses und Luther auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover

Der "Nackte Luther" und "Moses" mit dem 11. Gebot
Der "Nackte Luther" und "Moses" mit dem 11. Gebot.

Der evangelische Kirchentag in Hannover erhält prominenten geistlichen Besuch: Mit der Skulptur des Moses, der auf das "11. Gebot" hinweist ("Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!"), und dem "Nackten Luther", der den eliminatorischen Judenhass des Reformators aufdeckt, setzt die gbs-Kunstaktion "11. Gebot" abermals einen Kontrapunkt zum christlichen Glaubensfest. Die Skulpturen werden während des gesamten Kirchentags, von Mittwoch bis Sonntag, in Hannover zu sehen sein.

Es ist ein besonderes "Jubiläum": Schon zum 11. Mal besucht das von David Farago geleitete Aktionsteam "11. Gebot" einen evangelischen, katholischen oder ökumenischen Kirchentag. An der öffentlichen Subventionierung dieser christlichen Glaubensfeste, die Jahr für Jahr stattfinden, hat sich allerdings noch nichts geändert. Noch immer fördert der weltanschaulich neutrale Staat die religiösen Großevents, obgleich die Kirchen in der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung (77 Prozent) keinen Rückhalt mehr finden. Und so wird auch der evangelische Kirchentag in Hannover von der öffentlichen Hand mit 11,74 Millionen Euro subventioniert. Bei Gesamtkosten von insgesamt 25 Millionen Euro macht dies eine Staatsquote von 46,9 Prozent aus, wobei vom Land Niedersachsen 7 Millionen Euro an den Kirchentag fließen, vom Bund 0,5 Millionen und von der Stadt Hannover 4,24 Millionen.

Dabei steht Hannover mit aktuell knapp zwei Milliarden Euro, also 3.648 Euro pro Kopf, in der Kreide, wodurch die Stadt im kommunalen Vergleich weit vorne liegt (durchschnittliche Pro-Kopf-Verschuldung in Niedersachsen: 1.857 Euro). Hannover rechnet mit einer weiteren Neuverschuldung von 100 Millionen Euro für 2025 und weiteren 82 Millionen für 2026. Nur beim Kirchentag will man nicht sparen, obwohl viel weniger Besucher kommen werden, als ursprünglich erwartet.

Unzeitgemäße Subventionierung

Bei der Begründung für die Zuschüsse ging man von "über 100.000 Menschen" aus. Stattdessen werden es nun deutlich weniger. Das weiß der Kirchentag schon seit Jahren, weshalb man sich für eine Veranstaltung in der Woche vom 1. Mai mit seinen großen Kundgebungen entschied. Beim Kirchentag 2023 kamen weniger als 60.000 reale Besucher, auch wenn der Veranstalter von 130.000 Personen sprach und somit mutmaßlich Passanten der belebten Innenstadt mitgezählt hatte. Damals wurde jeder reale Besucher mit 166 Euro pro Kopf subventioniert, eine absurd hohe Summe.

Der Leiter des "11. Gebots" David Farago hat dafür keinerlei Verständnis: "Wie kann die Stadt Hannover zusammen mit Land und Bund eine derart überzogene und unzeitgemäße Privilegierung kirchlicher Veranstaltungen mithilfe einer Neuverschuldung finanzieren? Schließlich müssen die Schulden, die die Stadt Hannover aufnimmt und die sie weitgehend bedingungslos an den Kirchentagsveranstalter verschenkt, samt Zinsen von der nächsten Generation zurückgezahlt werden, die noch sehr viel weniger mit Kirchentagen wird anfangen können. Fakt ist nämlich: Je jünger die Menschen sind, desto unwichtiger sind ihnen die Kirchen. Bei den heute 18- bis 29-Jährigen halten ganze 87 Prozent den Lebensbereich 'Kirche' für unwichtig, unentschlossen sind 6 Prozent, nur gerade einmal 7 Prozent weisen den Kirchen eine echte Bedeutung zu!"

Brisante Diskussionen

Vermutlich wird allerdings nicht nur der Moses mit dem 11. Gebot in Hannover heftige Diskussionen erregen, sondern auch der "Nackte Luther", den Farago erstmals beim Evangelischen Kirchentag 2017 in Berlin vorgestellt hatte. Die Skulptur verweist auf den geschichtlich verheerenden Judenhass des Reformators, der unter anderem in der Broschüre der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) "Martin Luther: Volksheld, Hassprediger, Antisemit" dargestellt wurde. Für zusätzliche Brisanz könnte nun in Hannover die Tatsache sorgen, dass Kirchentagskritiker Farago vor wenigen Monaten als Vorstand des 40. Deutscher Evangelischer Kirchentag Düsseldorf 2027 e.V. in Erscheinung getreten ist. Damals hatten Düsseldorfer "Piraten" kurzerhand den Namen des Vereins gekapert, auf dessen Konto die öffentlichen Millionensubventionen für den Kirchentag 2027 fließen sollten – eine subversive Aktion, die nicht nur in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt für Gelächter sorgte.

Auch der zweite Vorsitzende des inzwischen gelöschten alternativen Kirchentagsvereins wird bei dem Kirchentag in Hannover aktiv sein: Mario Ickert ("Bruder Mayo"), seit 2021 Vorsitzender der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland, wird auf dem Kirchentag im Rahmen des "Marktes der Möglichkeiten" wahre Wunder vollbringen, wenn er im Piratenkostüm vor den Augen der Kirchentagsbesucher Wasser in Bier verwandelt. Beteiligt am Kirchentagsprogramm in Hannover ist zudem ein ehemaliger Aufsichtsrat des gekaperten Kirchentagsvereins: gbs- Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon wird am 2. Mai (13:00 Uhr) mit Martin Fritz (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen) über das "naturalistische Menschenbild" diskutieren. Auslöser für das Gespräch mit dem Titel "Besser leben ohne Selbst?" war eine ausführliche kritische Rezension von Fritz über das Buch "Entspannt euch! Eine Philosophie der Gelassenheit", das Schmidt-Salomon 2018 im Piper Verlag vorgelegt hat.

Die Aktionsgruppe "11. Gebot" wird mit Moses und Luther und vielen Infomaterialien von Mittwoch bis Sonntag, jeweils von 10 bis 20 Uhr, gegen die Subventionierung des Kirchentages protestieren. Am Mittwoch findet man die Skulpturen auf dem Bahnhofsvorplatz und von Donnerstag bis Sonntag auf dem Kröpcke, dem zentralen Ort der Stadt Hannover. Am Stand des "11. Gebots" wird auch Jens Windel von der Betroffeneninitiative-Hildesheim anwesend sein, dessen Klage gegen die katholische Kirche im Rahmen des Missbrauchsskandals für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat.

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Kommentare (13)

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Mi. 30 Apr 2025 - 15:28

Ich bin ja gespannt, wie lange unsere "Volksvertreter" den Kirchen noch Unsummen
weiterhin in den A... schiebt, obgleich deren Existenz einzig auf einer, vor tausenden von Jahren erfundenen Märchenfigur, genannt " Gott" und dessen angeblichen Sohn, dessen Existenz nicht belegbar ist, sondern NUR von den Pfaffen aller Religionen behauptet wird!
Auch werden einfältige Menschen noch immer mit der Verlockung auf ein ewiges Leben im sog. "Paradies" hingehalten, sowie mit Höllenqualen bei nicht Glauben erpresst.
Das ist weltweit Glauben, das Gegenteil von Wissen, nur Wissen bring die Menschheit weiter, das kann jeder am Fortschritt der Menschheit sehen, Glaube aber hält diese dumm und unmündig, ergo ist Glaube längst überflüssiger Ballast, der nur hinderlich ist die Welt zu befrieden.

Siestrup (nicht überprüft)

Do. 1 Mai 2025 - 18:21

Antwort auf von Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

LIEBE Mitchristen, muß das sein, einen geschätzten, weit bekannten Mann wie Luther so beschämend der Welt zu präsentieren ? Ihr seid gegen Sex in der Öffentlichkeit, dann bitte unterlaßt es, solche dummen, anstößiges Skulpturen auszustellen. Die andere Figurist auch völlig überflüssig, kostet nur Geld.

Ist es möglich, dass Sie sich verlaufen haben? Hier dürfte es nur wenige "Mitchristen" geben. Und sind wie mal ehrlich: DIe Kosten für die beiden Figuren sind sicherlich geringer als das, was der Staat den Kirchentagen zuschustert.

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Fr. 2 Mai 2025 - 11:41

Antwort auf von Siestrup (nicht überprüft)

Luther war einer der größten Judenhasser und hat damit Hitler zu den Pogromen ermuntert,
seine größte Leistung war, das er aus einer Religion zwei gemacht hat, welche das Volk dann
ausbeuten konnte und es heute noch tut, das war Luthers Werk, dieser geschätzte Mann der
von uns so beschämend behandelt wird.

"Luther war einer der größten Judenhasser und hat damit Hitler zu den Pogromen ermuntert, [...]"

Nach Ihrer Logik hat dann auch der bekannte Antisemit Immanuel Kant Hitler "zu den Pogromen ermuntert". Kant bezeichnete Jüdinnen und Juden z. B. als die "Vampyre der Gesellschaft". Sollen wir jetzt seine Schriften gleichermaßen in Totum über Bord werfen? Oder reicht Ihrer Meinung nach die kritische Lektüre unter Berücksichtigung des historischen Kontextes (hier: eines leider weit verbreitetem Antisemitismus) aus?

Soweit ich weiß, war Hitler kein großer Kant-Freund, jedoch ein großer Luther-Freund. Wie hieß es auf einem Plakat 1933? "Hitlers Kampf und Luthers Lehr - dem deutschen Volk zur guten Wehr!" Außerdem hat Hitler das "Sieben-Punkte-Programm" Luthers getreulich umgesetzt. Kant hatte ein solches Programm gar nicht...

Christian Meißner (nicht überprüft)

Mo. 5 Mai 2025 - 01:50

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Kants antisemitische Äußerungen sind zahlreich (so hätten z. B. Juden große Nasen, außerdem forderte er eine "Euthanasie des Judentums"). Sein Werk wurde zwar nicht von Hitler, aber von den Nazis vielfach zitiert. Bleibt also die Frage, wieso man meint, das Werk des einen Autoren gänzlich verwerfen zu müssen, das Werk des anderen Autoren jedoch nicht.

In jedem Fall sollte ersichtlich sein, dass Antisemitismus nicht nur mit der (christlichen) Religion, sondern auch mit (vermeintlichen) Vernunftgründen gerechtfertigt wurde, was m. E. wiederum die von Kant postulierte Herrschaft der Vernunft über die Leidenschaften in Frage stellt.

Christian Meißner (nicht überprüft)

Mo. 5 Mai 2025 - 11:31

Antwort auf von Christian Meißner (nicht überprüft)

Anm.: "Postuliert" ist die o. e. Aussage innerhalb der Kant'schen Argumentation von ihm natürlich nicht. Für sich genommen ist sie jedoch nicht nur empirisch nicht belegt, sondern steht sogar im Widerspruch zu gewonnenen Erkenntnissen der Psychologie.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Mo. 5 Mai 2025 - 17:02

Antwort auf von Christian Meißner (nicht überprüft)

Wer war zu seiner jeweiligen Zeit als Antisemit wirkmächtiger? Luther oder Kant? Im Übrigen wurde nie eine "Kant-Dekade" ausgerufen, in der er - wie Luther von 2008 bis 2017 - wie ein Popstar gefeiert wurde. Luther hatte großen Einfluss auf seine Zeitgenossen, verkaufte seine vielen judenfeindlichen Bücher dank seines Verlegers Hans Lufft wie geschnitten Brot.

Die Luther-Figur entstand eben als Reaktion auf die Luther-Dekade, als dieser "Schweinehirt" (H. Bullinger) weitestgehend kritiklos in Deutschland gefeiert wurde. Dass es auch andere Antisemiten gab (wie Johann Sebastian Bach etc.) ist unbestreitbar, aber Luther hat durch seine Bücher extrem zur Verstärkung des Judenhasses gesorgt.

Man darf aber gerne Luther "lediglich" als Gallionsfigur des kirchlichen Antisemitismus ansehen...

Christian Meißner (nicht überprüft)

Di. 6 Mai 2025 - 10:48

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Ob Luther in Sachen Antisemitismus zu seiner Zeit weit wirkmächtiger war als Kant zu seiner, steht für mich zumindest zur Debatte. Unzweifelhaft für mich ist, dass beide Persönlichkeiten in unser aktuelles Zeitgeschehen massiv hineinwirken - eben auch mit ihren Schattenseiten. Und der "Kant-Hype" zu seinem 300. Geburtstag im letzten Jahr hat um den Antisemitismus des Philosophen auch weitgehend einen großen Bogen gemacht.

Mir liegt natürlich fern, über das Programm der Giordano-Bruno-Stiftung mitbestimmen zu wollen ;-) Muss man jedoch gleich immer das Kind mit dem Bade ausschütten?

Nikita (nicht überprüft)

Fr. 2 Mai 2025 - 17:15

Martin Luther und Moses sind schon nach dem ersten Abend aus der Stadt. Am 30. Mai waren sie noch vor dem Hauptbahnhof, jetzt sind sie nirgendwo mehr. Oder habt ihr sie ausserhalb von Hannover aufgestellt?

siehe letzten Absatz im Artikel:
"...Am Mittwoch findet man die Skulpturen auf dem Bahnhofsvorplatz und von Donnerstag bis Sonntag auf dem Kröpcke, dem zentralen Ort der Stadt Hannover."
Ist aber inzw Vergangenheit ;-)

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