Rezension

Die „Provinzialisierung der Theorie“ – eine Kritik des Postkolonialismus

Kritische Erinnerungen an die langfristigen Folgen des früheren Kolonialismus sind wichtig. Doch aus dem darauf bezogenen Denken ist selbst eine Ideologie geworden, meint zumindest Monika Albrecht in ihrer detaillierten Kritik des Postkolonialismus.

Sklaventransport
Sklaventransport in Afrika

„Postkolonialismus“ ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Theorien, welche die Folgen des Kolonialismus in verschiedenen Kontexten thematisieren wollen. Einschlägige Ansätze gibt es in den Geschichts-, Kultur- oder Sozialwissenschaften. Dabei ist vielen Autoren eine aktivistische Einstellung eigen, will man doch als Progressiver auf der politisch richtigen Seite stehen. Darauf machten immer wieder Kritiker aufmerksam. Da derartige Einwände gelegentlich von liberal-konservativen Publizisten kamen, haben die postkolonialen Apologeten diese mit Hinweis auf politische Motive häufig ignoriert. Mittlerweile erschienen aber auch kritische Bücher mit eher linkem Hintergrund, welche Fundamentalkritik gegenüber solchen Interpretationen vortrugen. Dazu darf man auch eine neue Monographie zählen, die mit „Provinzialisierung der Theorie“ überschrieben ist. Sie stammt von Monika Albrecht, einer Kulturwissenschaftlerin und Soziologin, die an der Universität Vechta lehrt. Darin wendet sie sich gegen „Das postkoloniale Wissensregime und seine Denkverbote“.

Cover

Am Ende der Lektüre merkt man, wie treffend für das Buch dieser Untertitel gewählt wurde. Das damit Gemeinte wird im ersten Kapitel breit thematisiert, wobei es auch um die Frage der Verallgemeinerung und des Wissenschaftsverständnisses geht. Die Autorin springt dabei gleich mitten in das Thema, steigt sie doch nicht mit einer Einleitung im einführenden Sinne ein. Es gibt aber eine Erläuterung zum Titel: Demnach soll dem „postkolonialistischem Denken“ gegenüber eine kritische Prüfung der zahlreichen Ungereimtheiten vorgenommen werden. Dabei blickt die Autorin insbesondere auf die inhaltlichen und methodischen Voraussetzungen des gemeinten „Wissensregimes“. Entsprechend einer aufklärerischen Ideologiekritik werden dabei problematische Vorgehensweisen thematisiert, etwa die Arbeit mit Doppelstandards und Einseitigkeiten, aber ebenso mit Stereotypisierungen und Weglassungen. Sie deuten auch Gemeinsamkeiten mit den Ideologien reaktionärer Strömungen an, sowohl in den ehemaligen Kolonien wie auch im gegenwärtigen Westen.

Dabei arbeitet sich Albrecht jeweils immer an Details ab, kritisiert sie doch sehr intensiv konkrete postkoloniale Ausführungen und Gedankengänge. Allein die Auseinandersetzung mit Edward Said, der als eine Art geistiger Gründer des Postkolonialismus gilt, hätte für sich allein ein ganzes Buch füllen können. Deutlich an ihm macht die Autorin souverän, dass die Behauptungen von einem „Orientalismus“ als westlichem Zerrbild häufig damit einhergehen, dass ein „Okzidentalismus“ als anti-westliches Zerrbild propagiert wird. Der dualistische Charakter des Postkolonialismus ist tatsächlich offensichtlich, werden doch die einst kolonialisierten Länder in einem positiven Licht gezeichnet, während die westlichen Länder als diabolische Systeme erscheinen. Albrecht macht dabei auch auf Geschichtsklitterungen aufmerksam, da postkoloniale Autoren etwa nur selten etwas von einem nicht-westlichen Kolonialismus oder der lang anhaltenden afrikanischen Sklaverei wissen wollen.

Gerade derartige einseitige bis falsche historische Bilder veranschaulichen, dass es gar nicht um die allgemeinen Folgen eines Kolonialismus geht, sondern eine einseitige Stoßrichtung gegen den politischen Westen existiert. Genau diese Einseitigkeit steht auch für die Manipulationstechniken des Postkolonialismus. Die Autorin macht an vielen Beispielen deutlich, wie dabei Universalismus und Wissenschaftlichkeit verloren gingen. Ganz am Ende werden noch die Bekundungen von „multidirektionalen Erinnerungen“ kritisiert, welche die historische Bedeutung des Holocaust verdrängen würden. Derartige geschichtspolitische Deutungen stehen ebenso für Gemeinsamkeiten mit reaktionären Positionen wie die kollektivistischen Zerrbilder. In bester aufklärerischer Absicht weist Albrecht auf derartige Inhalte hin. Durch eine gewisse Detailverliebtheit gehen aber womöglich wichtige Einsichten verloren, was angesichts des präsentierten Materials und der überzeugenden Verwerfungen bedauerlich wäre. Manchmal kann weniger mehr sein, hätte man einst dialektisch formuliert.

Monika Albrecht, Provinzialisierung der Theorie. Das postkoloniale Wissensregime und seine Denkverbote, Berlin 2026,Edition Tiamat, 471 Seiten, 34 Euro, ISBN 978-3-89320-344-4

Armin Pfahl-Traughber

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Jg. 1963, ist hauptamtlich Lehrender an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung mit den Schwerpunkten "Politischer Extremismus" und "Politische Ideengeschichte". Außerdem gibt er seit 2008 ebendort das "Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung" heraus.

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