Ralf Nestmeyer

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller (zu seiner Website geht es hier). Er hat zahlreiche Reiseführer, Sachbücher und Krimis geschrieben und gehört zu den Gründungsmitgliedern von PEN Berlin.

Artikel des Autoren

Kommentar

Papst Leo XIV. und die Rückkehr der Dämonen

Wer befürchtet hatte, mit Papst Leo XIV. würde ein moderner Geist in den Vatikan einziehen, kann beruhigt aufatmen: Auch der neue Pontifex Maximus ist im finsteren Mittelalter verhaftet. Unlängst schickte er der Internationalen Vereinigung der Exorzisten ein Grußwort, in dem er den rund 300 versammelten Priestern für ihren "heiklen und äußerst notwendigen Dienst der Befreiung vom Bösen" dankte.

Ludwigskirche in Saarbrücken

Kommentar

Tag der Deutschen Einheit: Nur mit Gottes Segen?

Der Tag der Deutschen Einheit ist seit 1990 der wichtigste Feiertag unseres Landes. Er soll an das historische Ereignis der Wiedervereinigung erinnern – ein Triumph von Freiheit und Demokratie. Doch seit 35 Jahren beginnt das offizielle Programm nicht mit einem Festakt im Rathaus, nicht mit einer demokratischen Zeremonie auf einem öffentlichen Platz, sondern mit einem ökumenischen Gottesdienst in einer Kirche. Auch 2025 wurde diese Tradition fortgesetzt: Bundespräsident, Kanzler, Bundestags- und Bundesratspräsidentin sowie die gesamte Politprominenz sangen "Allein Gott in der Höh sei Ehr" – live übertragen von der ARD.

Wagner-Festspiele in Bayreuth 2015

Gloria von Thurn und Taxis – Nationalkonservative "Gottesfürstin" mit archaischer Sexualmoral

Wenn Gloria von Thurn und Taxis über Glaube, Sexualität und Gesellschaft spricht, wirkt es, als sei die Zeit im Schloss St. Emmeram irgendwann in den 1950ern stehen geblieben. Die "Fürstin" tritt gerne als glanzvolle Verteidigerin des Katholizismus auf, doch hinter den frommen Phrasen verbirgt sich ein Weltbild, das selbst im Vatikan Stirnrunzeln verursacht.

Rezension

Das Sterben der Demokratie

Die Demokratie steht unter Druck. In einigen westlichen Ländern, sei es in den USA, Ungarn, Italien, den Niederlanden oder Frankreich, haben rechtspopulistische Parteien längst zentrale Machtpositionen erobert oder sind im Begriff, sie zu erreichen. Was vor wenigen Jahren noch als Warnung liberaler Intellektueller abgetan wurde, ist heute Realität. Das Buch "Das Sterben der Demokratie" von Peter R. Neumann und Richard C. Schneider beschreibt in beklemmender Klarheit, wie die Fundamente der liberalen Ordnung Schritt für Schritt ausgehöhlt werden – und warum auch Deutschland am Scheideweg steht.

Symbolbild

Prinz Ludwig von Bayern und der neue Kolonialgeist

Kirchenbau als Entwicklungshilfe

Der deutsche Hochadel hat politisch längst ausgedient. Was bleibt, sind Schlösser, Ländereien und die Selbstinszenierung. Prinz Ludwig von Bayern, künftiger Chef des Hauses Wittelsbach, präsentiert sich gerne als Wohltäter – etwa über den Hilfsverein "Nymphenburg". Sein Lieblingsprojekt: der Neubau einer Kirche im Nordwesten Kenias. Offiziell verkauft er sein Glaubensengagement als "Entwicklungshilfe". Tatsächlich knüpft es an die Tradition kolonialer Missionspolitik an – eine Entwicklungshilfe nach Art von Kaiser Wilhelm II.

Christuskirche in Berlin-Mitte, Altarraum

Freikirchen in Deutschland

Gottes Wort, Machtinstrument und Businessmodell

Freikirchen boomen. Während die beiden großen Kirchen in Deutschland stetig Mitglieder verlieren, ziehen charismatische Gemeinden wie Hillsong, ICF sowie die zahlreichen Freien evangelischen Gemeinden mit Popmusik, Lightshows und jugendnaher Sprache neue Anhänger an. Auf den ersten Blick wirken sie wie ein frisches, modernes Gegenmodell zu den "verstaubten" Amtskirchen. Doch der Schein trügt: Hinter der glitzernden Oberfläche verbirgt sich eine Parallelwelt, in der religiöser Eifer, Machtstrukturen und Abhängigkeiten ineinandergreifen.

Warum unsere Gesellschaft weniger gespalten ist, als wir glauben

Polarisierung als Geschäft

Die Polarisierung der Gesellschaft ist in aller Munde. Der Bremer Soziologe Nils C. Kumkar hat ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Mit analytischem Blick zeigt er auf, wie politische Konflikte instrumentalisiert und aufgeheizt werden – durch Massenmedien, Talkshows und vor allem durch soziale Netzwerke.

Regensburger Dom

Bistum Regensburg: Zynische Rhetorik, volle Kassen – und keine Entschädigung für Missbrauchsopfer

Der Umgang der Kirche mit den Opfern sexualisierter Gewalt ist ein Skandal ohne Ende: Vertuschung, Verweis auf Verjährung, Zuständigkeitsstreitigkeiten – die Palette der Abwehrstrategien ist bekannt. Doch das Bistum Regensburg erweitert das Repertoire nun um eine neue Facette: Mit dem Hinweis auf angeblich leere Kassen verweigert es dem Missbrauchsopfer Matthias Podszus eine angemessene Entschädigung. In einem Schreiben der Bistumsanwälte wird das Vorgehen als "christliches Entgegenkommen" bezeichnet – blanker Hohn für den Betroffenen.

Der gläserne Sarkophag von Carlo Acutis

Zur Heiligsprechung an diesem Sonntag

Carlo Acutis – Mamas Heiliger und die kirchliche Mythosmaschine

Die Heiligenverehrung ist ein Markenzeichen der katholischen Kirche. Sie bietet den Gläubigen Identifikationsfiguren und moralische Vorbilder. Doch die Zahl der Heiligen ist längst so groß, dass selbst die Kurie kaum noch den Überblick behält – nicht zuletzt, weil die letzten Päpste die Heiligsprechung nahezu inflationär betrieben haben. Nun soll Carlo Acutis, der erste Heilige der Generation der Millennials, offiziell kanonisiert werden. Das freut vor allem seine Mutter – wirft aber auch kritische Fragen auf. Wo endet die Verehrung und beginnt die Leichenfledderei?