Warum die Angriffe auf die LGTBI-Bewegung wissenschaftlich absurd sind

Der religiöse (Anti-) Gender-Wahn

BERLIN. (hpd) Im Vorfeld der Erstellung des neuen Bildungsplanes 2015 durch die grün-rote Landesregierung Baden-Württemberg startete der Realschullehrer Gabriel Stängle eine Petition mit dem Titel "Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens". Die Petition richtete sich gegen ein Leitprinzip des Bildungsplans, das "Akzeptanz sexueller Vielfalt" vorsah. Die Petition forderte den "Stopp der Aushöhlung des Elternrechts in der schulischen Sexualpädagogik" und das "uneingeschränkte Ja zum Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung". 

Gabriel Stängle ist Mitglied und Prädikant der württembergischen Landeskirche. Es verwundert nicht weiter, dass er Probleme damit hat, in der Schule auch Formen des Zusammenlebens vorzustellen, die nicht in das Schema christlicher Glaubensvorstellungen passen. Bemerkenswert aber ist, dass er sich im Kampf gegen die "Regenbogenideologie" und für sein christliches Weltbild ausgerechnet auf das Wissenschaftsprinzip beruft. Es scheint, Herr Stängle und seine Kollegen von der "Demo für Alle" hoffen hier auf Unterstützung von der falschen Seite.

Warum gibt es zwei Geschlechter?

Für ein Mitglied einer sich sexuell fortpflanzenden Säugerart ist die intuitivste Antwort auf diese Frage wohl die, dass die beiden Geschlechter die Fortpflanzung ermöglichen sollen. Damit ein Menschenkind entsteht, braucht es das Zutun von Mann und Frau. Auch die Katholische Kirche glaubt, dass "Mann und Frau in der Schöpfungsordnung auf Ergänzungsbedürftigkeit und wechselseitige Beziehung hin angelegt sind, damit Kindern das Leben geschenkt werden kann". Homosexuelle Handlungen seien – da nicht auf die Zeugung von Kindern ausgelegt – ein Verstoß gegen die "natürliche Sittenordnung". 

Nichtsdestotrotz ist diese Antwort falsch: "Mann und Frau" bzw. die Zweigeschlechtlichkeit wurden nicht "geschaffen", um Kinder zu zeugen. Zahlreiche Bakterien, Einzeller aber auch Wirbeltiere wie z.B. manche Eidechsen pflanzen sich ausschließlich oder zeitweise asexuell fort. Das ist erheblich effizienter: Bei der sexuellen Vermehrung entstehen erhebliche "Werbungskosten" um einen Paarungspartner zu finden und diesen von den eigenen Qualitäten zu überzeugen. Bei der sog. anisogamen sexuellen Vermehrung (die Keimzellen der beiden Geschlechter sind unterschiedlich groß, so z.B. auch beim Menschen) kommt noch ein Effizienzverlust von 50% hinzu: das Weibchen stellt erhebliche Ressourcen an die Nachkommen zur Verfügung, z.B. in Form einer großen Eizelle. Das Männchen steuert bei vielen Arten nur seine Gene bei. Hätte das Weibchen auf asexuelle statt auf sexuelle Fortpflanzung gesetzt, hätte es bei gleichem Aufwand für die Produktion der Ei- bzw. Klonzelle 100% seiner Gene weitergeben können. Es hätte sich also doppelt so effizient fortgepflanzt. Aus der Perspektive eines Individuums, dessen evolutionärer Erfolg sich an der Zahl der an die nächste Generation weitergegebenen Gene misst, ist die "Erfindung" des Männchens erst mal ein ziemliches Verlustgeschäft. 

Warum also hat sich die sexuelle Fortpflanzung entwickelt, obwohl die asexuelle Fortpflanzung z.B. durch Zellteilung schon lange vorher etabliert war und viel effizienter ist? Eine Antwort der Evolutionsbiologie ist – Herr Stängle möge sich gut festhalten –, dass durch sexuelle Fortpflanzung die "genetische Diversity" (Vielfalt) der Nachkommen erhöht wird. 

Asexuell erzeugte Nachkommen sind genetisch zum elterlichen Organismus ganz oder weitgehend identisch ("Klone"). Das Erbgut zweigeschlechtlich erzeugter Nachkommen ist dagegen eine individuelle Mischung einer zufälligen Auswahl von Genen beider Eltern. Die erhöhte genetische Diversität der Nachkommen kann nützlich sein, um neue ökologische Nischen zu erschließen und innerartliche Konkurrenz zu reduzieren ("tangled bank" Modell). Insbesondere bei stark variablen Umweltbedingungen erhöht genetische Vielfalt die Chance, dass zumindest einige Nachkommen überleben.

Zu den "variabelsten" und damit für einen Organismus bedrohlichsten Umweltfaktoren gehören Krankheitserreger, da diese selbst der Evolution unterliegen und sich an die Abwehrmechanismen des Wirts über die Generationen hinweg anpassen. Die Generationszyklen der Krankheitserreger (z.B. Bakterien, Viren, Pilze) sind i.d.R. deutlich kürzer als die der Wirte (z.B. Säugetiere). Die Krankheitserreger schreiten im evolutiven Wettrennen also schnelleren Schritts voran, was von den Wirten mit "größeren Sprüngen" kompensiert wird, nämlich durch die starke Erhöhung des genetischen Variantenreichtums mittels geschlechtlicher Vermehrung ("red queen" Modell). 

Nach den Erkenntnissen der Biologie war die Einführung der zweigeschlechtlichen  Fortpflanzung – was die Effizienz der Fortpflanzung selbst angeht – ein Rückschritt. Allerdings vergrößerte sie die genetische Vielfalt und bewirkte so unter anderem einen verbesserten, generationenübergreifenden Parasitenschutz. Salopp gesagt: In dem Moment, als "Gott" bzw. die Evolution Mann und Frau "erschuf", lief es fortpflanzungstechnisch nie wieder so rund wie zu "guten alten asexuellen" Zeiten. Im Ausgleich dafür feierte das Leben auf diesem Planeten die neu eingeführten "genetischen Regenbogenverhältnisse" als einen Etappensieg beim Kampf gegen das Ungeziefer. 

Ein "uneingeschränktes Ja zum Wissenschaftsprinzip" harmoniert nicht immer mit religiösen Gefühlen und Weltbildern. 

Homosexualität unnatürlich? 

Eine Beschäftigung mit der Biologie macht deutlich, dass bei einer großen Vielzahl an Tierarten Sexualität und Fortpflanzung unterschiedliche Aspekte sind, die zusammenfallen können, aber nicht müssen:

Fortpflanzung ohne Sex: Organismen können – auch bei sich sexuell vermehrenden Arten – ihre Gene weitergeben, ohne selbst Nachkommen zu zeugen, etwa indem sie Verwandten Ressourcen zur Aufzucht von deren Kindern zukommen lassen. Bei vielen staatenbildenden Insekten pflanzt sich sogar die Mehrheit der Individuen indirekt (über die Königin) fort, d.h. nur eine Minderheit praktiziert dort selbst Sex zu Fortpflanzungszwecken. 

Sex ohne Fortpflanzung: Es gibt verschiedenste Formen nicht-reproduktiver Sexualität zwischen Individuen des gleichen oder verschiedenen Geschlechts, die primär anderen Zwecken als der unmittelbaren Fortpflanzung dienen, z.B. der Festigung der Paarbindung, dem Aufstieg in einer sozialen Hierarchie, Dominanzverhalten, dem Abbau von Aggressionen, dem Tauschhandel gegen Nahrung u.a. Diese Aspekte können durchaus langfristig einen Fitnessvorteil bedingen. Auch heterosexuelle Formen der Sexualität haben zu einem ganz erheblichen Anteil keine unmittelbare reproduktive Funktion – etwa Sex während der Schwangerschaft oder Stillzeit oder nach der Menopause. 

Homosexuelles Verhalten als eine Form von "Sex ohne Fortpflanzung" wurde bei hunderten von Tierarten, Insekten, Vögeln, Reptilien, Fischen, Säugetieren und insbesondere auch Primaten, beobachtet und scheint dort unterschiedliche Funktionen zu erfüllen. Auch wenn die spezielle(n) Ursache(n) für Homosexualität beim Menschen noch nicht geklärt sind, gibt es jedoch – so Prof. Thomas Junker, Lehrbeauftragter an der Univ. Tübingen und Autor zahlreicher Bücher zu evolutionären Themen – "gute evolutionsbiologische Gründe anzunehmen, dass Homosexualität zum natürlichen Verhaltensspektrum des Menschen gehört […]".

Auch nach Prof. Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London, gibt es "gute Gründe zu der Annahme, dass auch das unter Menschen weit verbreitet homosexuelle Verhalten mit indirekten Vorteilen für die Fortpflanzung verbunden ist. Die lange Generationsdauer und die Komplexität des Verhaltens und der Kulturen bei Homo sapiens machen es jedoch extrem schwer, diese hypothetischen Mechanismen nachzuweisen. Das ist allerdings kein prinzipielles Argument gegen ihre Existenz. Wer aber nicht danach fragt, wird eine eventuell vorhandene Antwort auch nicht erhalten. Homosexualität beim Menschen ist jedenfalls nicht «widernatürlich»".   

Klerikale Leimrute: Gendertheorie angreifen, politische Ziele der LGBTI Bewegung treffen

In den vergangenen Jahren haben prominente Vertreter der "Gender Studies" geschlechtstypische Verhaltensmuster und Präferenzen ausschließlich auf gesellschaftliche Faktoren zurückgeführt. Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem biologischen Geschlecht, z.B. von genetischen und hormonellen Faktoren auf geschlechtstypische Verhaltensweisen, wird von "kulturalistischen" Formen der Gendertheorie negiert. 

Zweifellos sind solche Behauptungen falsch. Wissenschaftlich fundierte Kritik hieran ist nicht nur berechtigt, sondern auch im ureigenen Interesse der LGBTI – Bewegung: Es ist eine durchschaubare und leider auch oftmals erfolgreiche Strategie klerikal-konservativer Strömungen, unhaltbare Thesen von kulturalistischen Gendertheoretikern als unwissenschaftlich anzugreifen, um damit aber letztlich politische Forderungen der LGBTI-Bewegung zu diskreditieren, die mit diesen Formen der Gendertheorie herzlich wenig zu tun haben. So enthält z.B. der Homepageauftritt der "Demo für Alle" mehrere Videos, in welchen die besagte kulturalistische Form der Gendertheorie kritisiert wird. Doch um das Anstoßen einer wissenschaftlichen Debatte über die Determinanten geschlechtstypischen Verhaltens geht es dieser Aktion nun wahrlich nicht: es geht darum, die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare ebenso zu verhindern wie die frühzeitige Information von Kindern darüber, dass es faktisch ein breites Spektrum von heterosexuellen und eben auch "queeren" Lebensentwürfen gibt. 

LGBTI und Gendertheorie 

Es soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass viele Gendertheoretiker sich für die politischen Ziele der LGBT-Bewegung vehement eingesetzt und verdient gemacht haben. Dennoch wäre es falsch, die LGBTI-Bewegung und ihre politischen Forderungen mit Gendertheoretikern – insbesondere den Anhängern der kulturalistischen/antibiologischen Ausprägung – zu verwechseln: Jahrzehntelang waren z.B. viele AnhängerInnen feministischer "Geschlecht als soziales Konstrukt"-Theorien Transsexuellen gegenüber feindlich eingestellt, da diese sich vermeintlicherweise den patriarchalen Rollenbildern unterwarfen, anstatt dagegen aufzubegehren. Transsexuelle wiederum waren wenig erbaut über diesen Vorwurf und wehrten sich gegen diese Uminterpretation der eigenen Anliegen. Die Vorstellung kulturalistischer Gendertheoretiker, geschlechtliche Identität könne man einem Kind beliebig zuweisen, hat wohl kaum einer Gruppe so geschadet wie den Intersexuellen. Viele intersexuelle Kinder wurden basierend auf dieser Fehlannahme und oft mit verheerenden Folgen[] chirurgisch an das operativ leichter herzustellende Geschlecht angeglichen, ohne abzuwarten, welchem Geschlecht diese Kinder sich einmal selbst zugehörig fühlen würden. 

Während Intersexuelle ein Ende von geschlechtsangleichenden Operationen fordern, die im Kindesalter vor der Zustimmungsfähigkeit der Betroffenen vorgenommen werden, fordern Transsexuelle den Abbau rechtlicher Hürden für die Durchführung gewünschter geschlechtsangleichender Operationen. Homosexuelle fordern gleiche Rechte in allen Lebenslagen, die denen von heterosexuellen Menschen entsprechen. Wenn die heterogene LGBTI-Bewegung überhaupt etwas eint, dann sicher nicht der Glaube an eine spezifische, erwiesenermaßen falsche Form der Gendertheorie, die gerade im LGBTI-Bereich genug Schaden angerichtet hat. 

Wenn die LGBTI Bewegung etwas eint, dann die Forderung, über den eigenen Körper, die eigene Sexualität und das eigne Leben selbstbestimmt verfügen zu können. Dieses Ziel ist nicht an die Richtigkeit irgendeiner Gendertheorie gebunden und wird in keiner Weise bedroht von einer aufgeklärten Sicht auf die Natur des Menschen.   

LGBTI und Biologie 

Im Hinblick auf die Unvereinbarkeit mit dem, was die Biologie zu Geschlechterfragen zu sagen hat, stehen sich kulturalistische Formen der Gendertheorie und christlich-religiöse Vorstellungen vom "Schöpfungsplan" Gottes für den Menschen bzw. Mann und Frau in nichts nach. Würden Schüler im Biologieunterricht angemessen über die evolutionsbiologischen Grundlagen der Zweigeschlechtlichkeit, über die Vielfalt der in der Natur beobachtbaren direkten und indirekter Reproduktionsstrategien im Allgemeinen und den Bedeutungsgehalt des beobachtbaren Geschlechtsdimorphismus beim Menschen im Speziellen informiert, würde von der Vorstellung, allein die lebenslange und rein monogame Ehe zwischen Mann und Frau, wie sie die Kirchen im Blick haben, entspräche der "natürlichen Schöpfungsordnung" des Menschen, genau so wenig übrig bleiben wie von der besagten Form der Gendertheorie. 

Selbstverständlich lässt sich aus biologischen Tatsachen keine Norm ableiten. Aus der Häufigkeit eines in der Natur beobachtbaren Verhaltens folgt in ethischer Hinsicht gar nichts. Der Versuch aber, ausgerechnet mittels der Biologie die christliche Sexuallehre gegen einen politischen Gegner verteidigen zu wollen, ist dann doch in einem Maße absurd, dass hier eine zugespitzte Darstellung einiger biologischer Aspekte genügen soll. 

Wir brauchen in der Tat ein "uneingeschränktes Ja zum Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung". Die Lehrpläne müssen endlich auch Erkenntnisse der Evolutionsbiologie bezüglich wesentlicher Aspekte menschlichen Sozialverhaltens einschließlich derer bezüglich Geschlechterfragen beinhalten. Bereits an den Grundschulen sollte eine kindgemäße Einführung in die Mechanismen der Evolution erfolgen. 

Den dadurch womöglich bedingten Tod kulturalistischer Formen der Gendertheorie wird ein nicht unerheblicher Teil der LGBTI-Bewegung begrüßen. Christliche Vorstellungen von der natürlichen Schöpfungsordnung bezüglich Mann, Frau und einer auf Fortpflanzung reduzierten Sexualität werden die Konfrontation mit so viel Realität allerdings genauso wenig überleben.

Kommentare (21)

kerstin erlewein (nicht überprüft)

Di. 1 Mär 2016 - 14:14

genialer Artikel!
Wir haben in BaWü lange für den Bildungsplan gekämpft und dass wir mit absurdestem Unsinn konfrontiert werden, war leider zu erwarten.
danke dir, Thorsten

malte (nicht überprüft)

Di. 1 Mär 2016 - 19:55

Wie der Autor im letzten Absatz richtig feststellt, ist der Hinweis auf "Natürlichkeit" kein Argument. Warum aber wird dann trotzdem so exzessiv darauf rumgeritten? Wenn der besagte Realschullehrer das "Wissenschaftsprinzip" gegen sexuelle Minderheiten in Stellung bringen möchte, sollte man darauf hinweisen, dass die Akzeptanz sexueller Vielfalt schlicht keine Frage der Wissenschaft ist. Und kein Pamphlet verfassen, das heftig mit dem naturalistischen Fehlschluss flirtet, um ihn dann doch noch halbherzig zu verwerfen.

Stefan Wagner (nicht überprüft)

Mi. 2 Mär 2016 - 03:05

Antwort auf von malte (nicht überprüft)

Der Hinweis auf Natürlichkeit ist sehr wohl ein Argument, und zwar eines gegen den Verdacht, die Angst und die Propaganda, dass Homosexualität eine Krankheit sei.

Wenn es eine Krankheit wäre, dann müssten Krankenkassen, nach humanitären Maßstäben, eine Behandlung für diejenigen zahlen, die sich mittels Therapie umorientieren wollen.

Man könnte dann immer noch argumentieren, dass man kranke Menschen nicht stigmatisieren soll, dass sie selbst entscheiden können müssen, ob sie so weiterleben wollen oder nicht, aber es wäre doch eine andere Frage.

Misslungene Versuche mit Therapien belegen aber eher, dass die Krankheitstheorie falsch ist.

Diese Feststellung ist auch wichtig für die Frage, ob Homosexualität irgendwie ansteckend ist, oder durch Erziehung übertragen werden kann. Für viele, die vehement am öffentlichen Diskurs teilnehmen, sind das aktuelle Theorien, das sind leider keine ausgestorbenen Mythen, die man nur aus Geschichtsbüchern kennt.

Das ist Unsinn. Seit wann sind "Natürlichkeit" und "Krankheit" Widersprüche? Ich hatte letzte Woche eine Erkältung, und die hatte eine ziemlich "natürliche" Ursache (Viren oder Bakterien). Es gibt auch - anders als sie suggerieren - jede Menge Krankheiten die nicht ansteckend sind und auch jede Menge, die nicht therapierbar sind (z.B. Erbkrankheiten).

Die Frage ist nicht, ob Homosexualität "natürlich" ist (was immer das bedeuten soll), ob sie reversibel oder übertragbar ist, sondern ob Homosexuelle daunter leiden. Diese Frage kann man eindeutig verneinen, und daher ist es falsch, Homosexualität zu pathologisieren.

Stefan Wagner (nicht überprüft)

Do. 3 Mär 2016 - 12:18

Antwort auf von malte (nicht überprüft)

Erkältungskrankheiten haben selbst natürliche Ursachen, ja, aber erkältete Menschen sind keine natürliche Variante des Menschen. Sie können sich bei Erkältung auch behandeln lassen.

Und wie stellt man fest, was eine "natürliche Variante des Menschen" ist? "Natürlichkeit" ist ein absolut schwammiger Begriff. Für den Autoren des Artikels scheint sich die Natürlichkeit eines Verhaltens daran festzumachen, dass es auch bei Tieren auftritt und dass es adaptiv ist. Mit so einer Argumentation begibt man sich aber auf ziemlich dünnes Eis, denn in der Tierwelt ist so ziemlich jedes nur denkbare Verhalten irgendwo verwirklicht, und mit genügend Phantasie lässt sich auch für alles irgendein evolutionärer Nutzen konstruieren. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun.

Sie haben den Text nicht verstanden.
Dem Autor geht es nicht darum, die Sinnhaftigkeit der Akzeptanz mit der Natürlichkeit geschlechtlicher Diversität zu begründen. Er zeigt lediglich, dass besagte Diversität - entgegen der Aussagen dieses Schulleiters - natürlich ist und dass sie - im Gegensatz zu seinem Bronzezeitlichem Weltbild - einen Platz in der Wissenschaft hat.
Dass die Existenz dieser Diversität und die Menschen, die ihre Variante ausleben, in unserer Gesellschaft akzeptiert werden müssen, ist dagegen nichts, dass irgendwie in Frage gestellt wird oder erörtert werden müsste.

Seit wann ist "Natürlichkeit" die Voraussetzung dafür, ein Phänomen wissenschaftlich zu untersuchen? Und wie definieren sie "Natürlichkeit"? Es ist eines der Probleme des Textes, dass Barnickel den Begriff nicht reflektiert. Btw: Laut der Dachzeile soll der Text erläutern "Warum die Angriffe auf die LGTBI-Bewegung wissenschaftlich absurd sind". Ich habe ihn also vollkommen richtig verstanden.

Sie haben völlig Recht dass man das Thema auch mit anderer Schwerpunktsetzung (naturalistischer Fehlschluss) hätte angehen können. Mei Eindruck aus vielen Gesprächen ist nur, dass das Argument in der Praxis wenig überzeugt: die wenigsten Menschen kennen das Konzept und die Zeit, dieses zu erläutern hat man meistens auch nicht. Eine Aussage darüber, ob ein Verhalten weit verbreitet ist, ist für viele Menschen einfacher nachzuvollziehen und überzeugender. In der politischen Diskussion haben biologische Fragen daher Einfluss, ob man das begrüßt oder nicht, und für diesen Kontext ist der Artikel auch geschrieben.

Und ja: der Begriff der Natürlichkeit ist schwammig und ich hätte ihn aus diesem Grund nicht neu in die Debatte einführen wollen. Aber dieser Begriff existiert bereits in der politischen Auseinandersetzung und hat darin Bedeutung. Vertreter der religiös-konservativen Seite arbeiten regelmäßig mit dem Begriff der Unnatürlichkeit/Widernatürlichkeit, selbstverständlich ohne eine Definition oder auch nur den Ansatz einer auf empirische Daten oder rationale Argumente gestützten Argumentation. Und sie haben mit dieser Strategie Erfolg und bei vielen Menschen entsteht eine rein intuitive Auffassung, Homosexualität sei "widernatürlich" . Eben auf dieses "intuitive" (Fehl)verständnis zielte dieser Artikel auch ab. Er sollte zeigen, dass die Sachlage komplexer ist als oftmals angenommen und dass es genügend Biologen gibt, die die These von der Widernatürlichkeit von Homosexualität (im Sinne von selten vorkommend und nicht adaptiv) nicht teilen bzw. angesichts der derzeitigen unzureichenden Datenlage für unbegründet halten. Eine detailliertere Erörterung der biologischen Argumente (zumeist auch mit Erörterung des Natürlichkeitsbegriffs) findet sich u.a. in Volker Sommer und Paul L. Vasey (Edit.): „Homosexual Behaviour in Animals – An Evolutionary Perspective“ 2006, Cambridge University Press, Bruce Bagemihl: “Biological Exuberance”, 1999 St. Martin’s Press und Volker Sommer: “Wider die Natur? Homosexualität und Evolution” C.H. Beck 1990. Als Audiodatei hierzu ist ein Vortrag von Prof. Junker an der Uni Trier online verfügbar (https://www.uni-trier.de/index.php?id=28495 vorletzte Zeile).

Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Die Argumentation mit "Natürlichkeit" mag aus den von Ihnen genannten Gründen verlockend sein, aber man macht sich damit eben auch angreifbar. Für mich heißt die beste Antwort auf Homophobie aus christlich-fundamentalistischen Kreisen immer noch: Eine "natürliche Sittlichkeitsordnung" gibt es einfach nicht.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Di. 1 Mär 2016 - 20:53

Danke, Thorsten, für diese konsequente Stellungnahme!

Thomas Friedrich (nicht überprüft)

Mi. 2 Mär 2016 - 01:23

Ein guter Artikel, der endlich mal klarstellt, dass christliche Homophobie und Gender keine Gegensätze sind, sondern zwei gleichermaßen irrationale Ideologien. Weder der Geschlechter-Essentialismus der Gläubigen noch der Sozialkonstruktivismus der Gender-Leute kann einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.

Auch in anderen Bereichen kann man eine Verwandtschaft zwischen christlichen Fundamentalisten und linken Sozialkonstruktivisten feststellen. Etwa in der Ablehnung der Präimplantationsdiagnostik. Die einen sehen darin den Eingriff in Gottes perfekte Schöpfung, die anderen eine "Diskriminierung" von Behinderten, die angeblich verkennt, dass Krankheit und Behinderung "sozial konstruiert" seien.

Lina (nicht überprüft)

Mi. 2 Mär 2016 - 17:06

Antwort auf von Thomas Friedrich (nicht überprüft)

Hier herrscht wohl wieder Begriffsverwirrung. Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie da geschrieben haben.
Sie schreiben dass Homophobie und Gender irrationale Ideologien seien.

Seit wann ist ein Gender plötzlich eine Ideologie? Wissen Sie überhaupt, was das Wort bedeutet?

Und seit wann ist Homophobie eine Ideologie? Wenn überhaupt was an der Sache dran ist, müsste sie übrigens Homophobismus oder so was heißen. Die Ideologi, "Homophobismus" stammt von ... ja von wem eigentlich?
Was wollten sie eigentlich wirklich sagen?

Thomas Friedrich (nicht überprüft)

Mi. 2 Mär 2016 - 18:07

Antwort auf von Lina (nicht überprüft)

Ich schrieb "christliche Homophobie". Die Ablehnung von Homosexualität aus religiösen Gründen kann man als Ideologie oder als Teil einer Ideologie bezeichnen. Und statt "Gender" hätte ich auch "Genderismus" oder "Gender-Ideologie" schreiben können, wenn ich mit Ihrer Spitzfindigkeit gerechnet hätte. Gemeint ist die Überzeugung, dass Geschlechtsunterschiede keine biologische Ursache haben, sondern ausschließlich sozial konstruiert sind. Und das ist eine ideologische Überzeugung, die genauso falsch ist wie der Geschlechter-Essentialismus konservativer Christen.

Atheist Steinbrenner (nicht überprüft)

Fr. 4 Mär 2016 - 08:10

Antwort auf von Thomas Friedrich (nicht überprüft)

Was Genderismus als Ideologie (also die wissenschaftliche Erkenntnis übersteigernde monokausale Vorstellung) angeht habe ich auch meine Zweifel, ob diese den Menschen, die damit in ihrer Unterschiedlichkeit über einen Kamm geschoren werden, nicht einen Bärendienst erweist und der ablehnenswerten Gleichstellungspolitik das Wort redet.

Die Gleichstellungspolitik besagt letztlich: Wenn Frauen sich wie Männer Verhalten und Entscheiden dann haben Sie dieselben Chancen. Das ist heute realisiert. Wenn Frauen sich aber etwa dafür entscheiden zu Gebähren, und sich in den ersten drei Lebensjahren selbst um das Kind zu kümmern, was nach Erkenntnissen der Bindungsforschung aus den 1970ern als auch aktueller Hirnforschung für die gesunde Kindsentwicklung sinnvoll ist, so ist das de facto ein Ausstieg aus dem Angebot gleich behandelt zu werden wenn man sich wie ein Mann verhalte, also ein Ausstieg aus dem was Gleichstellungspolitik bietet. Genauso wenn Frauen sich wie traditionell und weiterhin zu beobachten überproportional für den Care Bereich entscheiden, dann ist dass der Ausstieg aus der Option auf gleiches Ansehen und gleiche Einkommenschancen, da dieser Bereich im Unterschied zu Bereichen für die man eher mathematisch-naturwissenschaftliche Begabung benötigt weniger Ansehen genießt und schlechtere Löhne bietet.

Und ja, es gibt soziales Geschlecht (=Gender), und ja, und es ist wohl auch kaum vorstellbar sich vollkommen von seiner biologischen Grundlage zu abstrahieren ohne sich Gewalt an zu tun.

Große Teile des Feminismus sind dem Angebot der Gleichstellung auf den Leim gegangen und haben sich damit dem Patriarchat, das nun nicht mehr am Primären Geschlechtsmerkmal die Grenze zieht, sondern an typisch männlichen und typisch weiblichen Verhaltensweisen und Lebensentscheidungen, ihre Zustimmung gegeben. Der Karrierefrau die sich verbiegt und wider Natur und wider Sozialisation ein männliches Leben lebt stehen heute durch Gleichstellung alle Chancen offen. Der "traditionellen" Frau die im Care Bereich ihre Stärken und sinnvolle Tätigkeit sieht hat das nichts gebracht. Dort herrschen nach wie vor keine geregelten Arbeitszeiten im Sinne einzuhaltender Dienstpläne, Arbeit auf Abruf auch an den freien Tagen, damit ein zeitliches Desaster für die Lebensplanung außerhalb der Erwerbsarbeit, und trotzdem auch noch schlechtere finanzielle Erwerbschancen als in Bereichen die mathematisch-technisch sind.

Das Patriarchat besteht weiter. Es zieht die Grenze neu zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen. Dabei bleiben auch Männer etwa im Care Bereich die als typisch weiblich geltende Fähigkeitsprofile haben benachteiligt. Ein Penis, also die Biologie, verhilft nicht zu den Privilegien – hat er allein auch nie getan - sondern ein typisch Männliches Verhalten, und dabei ist es egal ob dies biologisch bedingt ist, sozialisiert ist, oder wieder die eigene Biologie und Sozialisation als Theater nach außen gespielt wird um an der Gleichstellung zu Partizipieren.

Die Gleichwertigkeit verschiedener Lebensentwürfe ist nicht erreicht solange gesellschaftliches Ansehen und (monetäre) Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand, etwa durch die Entscheidung für Gebähren und Erziehen statt Erwerbsarbeit, oder durch die Entscheidung für die Care Branche statt Technik, de facto noch zu einer Schlechterstellung führt.

Peter Friedrich (nicht überprüft)

Mi. 2 Mär 2016 - 13:01

Bitte mehr von solchen differenzierenden und klarstellenden Beiträgen! Sehr gut!
Zu den psychologischen Hintergründen bei Stängle / "Demo für Alle" etc. noch dieses:
Wenn Rechtsreligiöse wie Stängle vom "Wissenschaftsprinzip" faseln, dann geht es ihnen selbstverständlich nicht um die Vermittlung seriöser Wissenschaft. Vielmehr torpedieren sie damit die Vermittlung von emotionaler und sexueller Aufklärung und Sozialkompetenz im schulischen Rahmen. Deshalb soll es für für sie in der Schule hochsteril rein "wissenschaftlich" zugehen, die Eltern würden ja daheim für die notwendige Aufklärung im emotionalen und sexuellen Bereich sorgen, was bereits Karlheinz Deschner längst widerlegt hat ("Das Kreuz mit der Kirche").
Sie rächen sich an Kindern für ihr eigenes ungelebtes Leben. Sie selber wurden durch ihre Eltern, Lehrer, Priester etc. mit ihren Gefühlen und Ängsten im Stich gelassen und von sich selbst entfremdet und übertragen ihre quälende innere Leere in einem unterschwelligen Sadismus auf die kommende Generation (Publikationen dazu Alice Miller, Arno Gruen).

valtental (nicht überprüft)

Mi. 2 Mär 2016 - 18:31

"Viele intersexuelle Kinder wurden basierend auf dieser Fehlannahme und oft mit verheerenden Folgen chirurgisch an das operativ leichter herzustellende Geschlecht angeglichen, ohne abzuwarten, welchem Geschlecht diese Kinder sich einmal selbst zugehörig fühlen würden. Während Intersexuelle ein Ende von geschlechtsangleichenden Operationen fordern, die im Kindesalter vor der Zustimmungsfähigkeit der Betroffenen vorgenommen werden,..."

Dieser Problematik war ich mir bisher noch nicht bewusst, doch es stellen sich bei mir Parallelen zur legalisierten Vorhautamputation ein. Bei medizinisch nicht notwendigen Eingriffen handelt es sich in beiden Fällen um Körperverletzung. Bei der operativen Geschlechtsfestlegung von nicht einwilligungsfähigen Intersexuellen wird obendrein noch gegen das Selbstbestimmungsrecht über die sexuelle Identität verstoßen.
Müsste beiderlei Praxis nicht gleichermaßen und eigentlich im Verbund zur kritischen Diskussion gebracht werden?

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Fr. 4 Mär 2016 - 12:28

Antwort auf von valtental (nicht überprüft)

"Müsste beiderlei Praxis nicht gleichermaßen und eigentlich im Verbund zur kritischen Diskussion gebracht werden?"

Das wird es. Intaktiv e.V. z.B. ist ein Verein, der jegliche medizinisch nicht indizierte Manipulation an kindlichen Genitalien ablehnt. Die Gründe sind dabei zweitrangig. Das Kind soll im passenden Alter sich selbst entscheiden, was es will.

Ramona Wagner (nicht überprüft)

Sa. 5 Mär 2016 - 01:11

Nun, auch wenn der "Mensch" sich eben nur durch "Paarung" fortpflanzen kann bzw. tut, gibt es ja keinen Grund nicht über Homosexualität und Transgender aufzuklären. Es gehört ganz einfach zur Bildung. Man braucht auch keine Begründung aus den Fingern zu saugen warum, wiso weshalb und wer noch. Unsere Kinder und Jugendliche müssen einfach nur lernen Dinge zu akzeptieren wie sie eben sind. Letztendlich geht es doch einfach nur darum.

Oliver Meyer (nicht überprüft)

Mo. 7 Mär 2016 - 13:40

Hallo Thorsten, schön, mal wieder was von Dir zu hören, bzw. lesen!

Dem Artikel kann ich voll zustimmen. Was ich noch anmerken möchte, ist, dass ich es schon irgendwie witzig finde, dass die christliche und sozialkonstruktivistische Gender-Ideologie im Grunde von demselben Dogma ausgehen: Nämlich dass die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität Resultate eigener Entscheidungen, zumindest aber der Erziehung und Umwelt sind. Deshalb der Widerstand gegen den Bildungsplan - Kinder könnten ja "schwul gemacht" werden. Auf der anderen Seite der Kampf gegen "Heteronormativität" usw.

Beiden Seiten scheint diese Übereinstimmung aber bisher nicht aufgefallen zu sein.

Paul Schärer (nicht überprüft)

Di. 26 Apr 2016 - 17:41

Die Zeugung ist eigentlich ein heiliger Akt, denn sie schafft neues unsterbliches Leben. Zeugung ist der Schöpfungsakt zu unserem persönlichen, einmaligen Sein. Grosse Liebe vor während und nach der Zeugung sind für das neue Leben die beste Voraussetzung zur Übertragung einer optimalen Erbstruktur. Zeugung ist der Beginn einer unendlichen individuellen Entwicklung.

Thorsten Barnickel

Nach seinem Biologie-Studium in Regensburg und Heidelberg und einem Bioinformatik-Aufbaustudium in Berlin promovierte Thorsten Barnickel am Helmholtz-Zentrum München über semantische Suchmaschinen. Heute arbeitet er als Patentanwalt in Wiesbaden. Seine Interessensschwerpunkte liegen bei Fragen der Evolutionsbiologie, Philosophie und Religionskritik.

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