Luther und die Brandstifter

Thomas Kaufmann hat ein Buch mit dem Titel "Luthers Juden" geschrieben.

Darin weist er nach, dass sich die nationalsozialistischen Brandstifter auf Martin Luther (1483–1546) berufen haben. "In dem Band listet der Göttinger Kirchenhistoriker alle Äußerungen des Reformators über das Volk der Bibel auf und interpretiert sie."

Luthers Haltung gegenüber den Juden sei "für Menschen unserer Tage unverständlich, ja unerträglich", bilanziert der Göttinger Kirchenhistoriker. Er nennt Luthers Ausführungen eine "frühmodernen Variante des Antisemitismus" - eine Einschätzung, die allerdings von Wissenschaftlern wie dem Historiker Wolfgang Benz so nicht geteilt wird.

Kommentare (2)

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Mi. 8 Okt 2014 - 17:24

Also gut, wenn man die Geister ruft... Das Buch von Thomas Kaufmann kenne ich noch nicht, aber ich bin zur Zeit sehr intensiv mit Luthers literarischen Ergüsse in dieser Richtung beschäftigt. Der Kommentar der Jüdischen Allgemeinen greift einen wichtigen Punkt auf: Gibt es einen Unterschied zwischen Antijudaismus und Antisemitismus? Natürlich existiert dieser, denn Antijudaismus lehnt zunächst "nur" die religiöse Ausrichtung eines jüdischen Mitbürgers ab, während der Antisemitismus auch dessen rassische Herkunft verabscheut. Ersteres wäre (aus Sicht eines Antijudaisten wie Luther) durch Konversion zum Christentum "heilbar", während ein als Semit geborener Jude seine Herkunft nie los wird. Doch worin besteht nun der Unterschied in der Praxis? Nach meiner intensiven Beschäftigung mit Luthers Denkansatz zum Antijudaismus muss ich feststellen, dass es nur graduelle Unterschiede sind: Hauptsächlich verlangt seine Ablehnung der jüdischen Religionspraxis eine profunde Kenntnis der Bibel und ihrer theologischen Exegese. Denn Luther geht in "Von den Juden und ihren Lügen" in typisch deutsch-akribischer Art durch die Bibel und sammelt alles, mit dem er die jüdische Lehre ad absurdum zu führen versucht. Formal gelingt ihm dies auch, allerdings nur aus christlicher Sicht. Ein Rabbiner würde selbstverständlich mit der gleichen Sicherheit aus der Bibel nachweisen, dass Jesus kein Messias war und Luther somit ein Lügner. So gesehen ist es ein theologisches Tontaubenschießen, das jedoch - schon begonnen beim bekehrten Juden Saul, alias Paulus von Tarsus - zu verheerenden, theologischen Positionen über die angebliche Minderwertigkeit des Judentums, über dessen gotteslästerliche Grundstruktur und blasphemische Tendenzen verleitete. Luther hatte bei seiner Reform des Christen- oder genauer Papsttums leider versäumt, den ihm innewohnenden Judenhass zu brandmarken. Im Gegenteil: Er hat sich in fünf Büchern bis kurz vor seinem Tod derart hineingesteigert, dass es ein Wunder scheint, dass er nicht offen zu Morden an jüdischen Mitbürgern aufgerufen hat. Der Antisemitismus ist für mich das volkstümliche Pendant zum Antijudaismus, weil dieser weniger intellektueller Anstrengungen bedarf. Hier reichen ein paar krude rassenhygienische Zwangsneurosen und gefälschte Machwerke, wie die "Weisen von Zion", um eine dumpf brütende Bevölkerung gegen das Judentum aufzuwiegeln. Doch eins ist für mich glasklar: Den geistigen Nährboden, das intellektuelle Rüstzeug für einen barbarischen Antisemitismus, der in die Katastrophe führte, lieferten Luther wie auch der Apostel Paulus und andere Kirchenvertreter. Die Nazis haben sich ja auch dezidiert auf Luther berufen und sich als Vollstrecker dessen Urteils über dieses "durchböste, durchgiftete" Volk berufen. Synagogen sollten brennen, Juden sollten zwangsarbeiten, ihr Hab und Gut und letztlich ihr Leben sollte ihnen genommen werden - und ihre Synagogen brannten, Juden mussten zwangsarbeiten, ihr Hab und Gut und letztlich ihr Leben wurde ihnen genommen. Wäre hier - wie für viele Historiker eben doch erkennbar - keine direkte Linie von Luther zu Hitler zu ziehen, wäre die "Causa Luther" ein weiterer fataler Beweis für die Schädlichkeit von Theologie. So oder so...

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