Essay

Kommt jetzt die Krise der Soziologie?

Forschung soll objektiv und ergebnisoffen sein. Aber in sozialwissenschaftlichen Fächern wirkt sich offenbar die politische Einstellung der Forscherinnen und Forscher auf die Ergebnisse aus. Dazu kommt ein weitgehend postmodernes Menschenbild. Kein Wunder, dass sozialwissenschaftliche Studien kaum helfen, gesellschaftliche Probleme zu lösen.

"Weißes Schweigen ist Gewalt"
Schild auf Anti-Rassismus-Demonstration: "Weißes Schweigen ist Gewalt"

Die psychologische Forschung steckt schon eine Weile in einer Krise. Viele ihrer Ergebnisse lassen sich nicht nachvollziehen (Replikationskrise), zudem gibt es Vorwürfe, die „links-progressive“ Einstellung der Mehrheit ihrer Vertreter schade ihrer Arbeit und dem Ruf des Fachs. Holt eine entsprechende „Ideologiekrise“ jetzt auch die Soziologie ein? 

Klar ist: Professorinnen und Professoren an den Universitäten in Europa und den USA stehen im politischen Spektrum deutlich häufiger links als rechts. Gerade in den Sozialwissenschaften bezeichnet sich eine überwältigende Mehrheit als liberal oder links. Doch rechts oder links orientierte Forscher sollten mit wissenschaftlichen Methoden ähnliche Erkenntnisse gewinnen. Schließlich leben wir alle in derselben Welt.

Darüber hinaus kommen Untersuchungen wichtiger sozialer Phänomene seit Jahrzehnten zu den immer gleichen Ergebnissen – ein Replikationsproblem scheint die Soziologie nicht zu haben: Beständig finden sie heraus, dass in menschlichen Gesellschaften vielfältige Ungleichheit und Ungerechtigkeit herrschen. Abgeleitet werden daraus die immer gleichen Forderungen, wie die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saake jüngst in der Zeit berichtet haben. „Mehr Partizipation, mehr Empowerment, mehr Frauenförderung, mehr Diversity, mehr Gleichheit auf internationaler Ebene zwischen Lebenschancen und Produktionsbedingungen“.

Und auch bei den Ursachen sind sich die Forscherinnen und Forscher sicher: „Man weiß ja immer schon, dass es um Macht und Herrschaft geht“, stellen Nassehi und Saake ironisch fest. Und stoßen dann zum wichtigsten Problem vor: Warum ist es dann so schwierig, die Forderungen umzusetzen, fragen sie – und geben selbst die Antwort: „Weil man die Funktion der Ungleichheit ja nicht studiert hat“. Mit anderen Worten: Die tieferen Ursachen und Mechanismen werden mit Phrasen abgetan.

Eine wichtige Ursache für diese Verhältnisse: Die betroffenen sozialwissenschaftlichen Fächer geben alle ein „Gleichheitsversprechen“ ab, mit dem man „jungen Leuten, die die Welt verbessern möchten, etwas anbieten kann, was nicht so sehr nach akademischer Anstrengung aussieht“, konstatieren Nassehi und Saake . „Sobald sie Ungleichheit sehen, reden sie über Macht, Herrschaft und Kapitalismus. Die Kritik am Patriarchat läuft still im Hintergrund mit.“

Wer soziokulturelle Studien liest, kann diese Beobachtung bestätigen. Doch wie ist es so weit gekommen in der Soziologie? Eine mögliche Ursache deckt die Studie der Universität Oxford auf, die Nassehi und Saake Anlass für ihren Zeit-Artikel gegeben hat. Der Soziologe James Manzi hat untersucht, ob sich die politische Orientierung von Sozialwissenschaftlern auf ihre Studienergebnisse auswirkt. 600.000 Abstracts von sozialwissenschaftlichen Studien von 1960 bis 2024 hat er durch Large-Language-Modelle (LLM) auf Muster überprüfen lassen, die auf eine ideologische Nähe zu bekannten rechten oder linken US-Politikern hindeuten. In etwa 180.000 Studien fanden sich Sätze, die zu einer politischen Haltung passten. Und 90 Prozent davon lagen im linken Spektrum. Zudem „zeigten alle Disziplinen zwischen 1990 und 2024 eine Verschiebung nach links“. Betroffen waren dabei vor allem soziokulturelle Studien. 

Die Daten deuten Manzi zufolge auf eine „berufliche Selbstselektion“ unter Sozialwissenschaftlern seit den 1960er Jahren hin. Nachdem sich das Fach einen gewissen politischen Ruf erarbeitet hatte, wären demnach vor allem linksgerichtete Wissenschaftler dort eingestiegen. „Der Schwenk nach links geht einher mit Bürgerrechts-, Antikriegs- und feministischen Mobilisierungen“, stellt Manzi fest. Er selbst spricht es zwar nicht an, aber die Entwicklung verläuft auffällig parallel mit der zunehmenden Bedeutung der marxistisch orientierten „kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und später der postmodernen „Denker“ wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Judith Butler, von denen auch prominente Soziologen wie Jutta Almendinger, Andreas Reckwitz, Heinz Bude, Philipp Sarasin, aber auch Armin Nassehi selbst beeinflusst sind. Kein Wunder, dass sie immer wieder bei Macht, Herrschaft, Kapitalismus und Patriarchat landen.

Ein großer Teil der sozialwissenschaftlichen Arbeiten wirft demnach wenig Licht auf die realen Gesellschaftsverhältnisse, weil sie im Schatten einer politischen Einstellung und Denkschule stattfinden, die ergebnisoffene und objektive Forschung nicht besonders wichtig nimmt.

Ignoranz gegenüber der menschlichen Evolution

Es gibt schon lange ein weiteres Problem in den Sozialwissenschaften. Der Mensch und sein Sozialverhalten sind das Ergebnis von Millionen Jahren evolutionärer Entwicklungen. Unsere Gene geben den Rahmen vor, innerhalb dessen unsere Persönlichkeiten und Verhaltensneigungen sich entwickeln (können), weil sie Anpassungen an die physikalische und soziale Umwelt kodieren. Ein großer Teil der Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler betrachtet den Menschen jedoch als reines Produkt seiner sozialen und kulturellen Entwicklung. Sie haben sich den alten Vorstellungen Émile Durkheims und Franz Boas und den neuen Verirrungen Foucaults und der anderen postmodernen „Denker“ ausgeliefert, in deren Vorstellung der Mensch nicht nur als „tabula rasa“, als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt, sondern seine Eigenschaften, sogar sein Körper irgendwie losgelöst sein sollen von Biologie, Physik und Chemie.

Dieses Menschenbild dürfte zu den Ursachen gehören, dass sozialwissenschaftliche Studien seit Jahrzehnten wenig dazu beitragen, die gesellschaftlichen Probleme, die sie untersuchen, zu lösen. Ein hochaktuelles Beispiel ist die Fremdenfeindlichkeit. Denn die Ablehnung von Migrantinnen und Migranten hängt eng zusammen mit der wachsenden Zustimmung zu rechten bis rechtsextremen Parteien wie der AfD.

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, verkündeten die Grünen einst auf einem Wahlplakat – und hofften, mit dem Zitat Karl Valentins der kulturellen Vielfalt das Wort zu reden. Tatsächlich besagt das Wortspiel allerdings vor allem eines: Außerhalb seiner Heimat ist der Mensch ein Fremder. Und Menschen reagieren auf Fremde in der Regel nicht so, wie es sich die Grünen wünschen. Im Idealfall findet man sie interessant und lernt sogar etwas über die Vielfalt der Kulturen. Wird die Zahl der „Fremden“, die uns im Alltag begegnen, allerdings groß, ist die spontane Reaktion bei vielen Menschen anders: Irritation, Ablehnung, sogar Feindseligkeit. Veränderungen führen zu Unsicherheit. Sich an sie zu gewöhnen, benötigt Zeit und Aufgeschlossenheit.

Bezeichnet wurde und wird dieses Phänomen als Fremdenfeindlichkeit und Fremdenangst. Es hängt mit einer Neigung zusammen, die Menschen während ihrer langen Stammesgeschichte entwickelt haben: Das Fremde ist ja gerade dadurch charakterisiert, dass wir nicht wissen, was es bringt – schlimmstenfalls ist es sogar gefährlich. Das gilt auch für fremde Menschen. Also ist man erst einmal zurückhaltend, skeptisch, geht ihnen vielleicht lieber erst einmal aus dem Weg – oder schafft sie sogar aus dem Weg. Und zwar ohne darüber nachzudenken. Angesichts der Gewaltbereitschaft unserer Spezies dürfte eine solche Risikovermeidung ein nicht zu unterschätzender Selektionsvorteil gewesen sein. Evolutionär gesehen, so hat es der Biophilosoph Eckart Voland einmal erklärt, war es ein Vorteil, Fremde eher zu Unrecht als gefährlich zu betrachten, als das Risiko zu unterschätzen. (Wer auf „Gastfreundschaft“ als Gegenargument verweist: In der vertrauten Umgebung einige Gäste aufzunehmen, stillt eine andere Neigung: unsere Neugier. Was aber ist, wenn die Gäste beschließen, einzuziehen und die ganze Verwandtschaft nachzuholen?)

Fühlen sich Menschen nun gezwungen, schnell weitgehende Veränderungen zu akzeptieren, die sie selbst gar nicht wollen, ist das also heikel. Machen sie sich bereits aus anderen Gründen Sorgen, etwa aufgrund wirtschaftlicher Entwicklungen oder der Globalisierung und Digitalisierung, wird es umso heikler. Und die Begegnung mit „Fremden“ muss nicht einmal persönlich stattfinden – schon Medienberichte über ihre zunehmende Zahl in der Gesellschaft können Abwehrhaltungen auslösen.

Von Sozialwissenschaftlern wird Fremdenfeindlichkeit allerdings meist genauso so betrachtet wie oben beschrieben: „Als hätten sie von Einsichten in die Evolution des Menschen, in seine vorbewussten und emotionalen Anteile, in die für Kognitionen und Emotionen wichtigen Differenzierungen und Hierarchiebildungen des Gehirnaufbaus nie gehört.“ So hat es Klaus Wahl, selbst Sozialwissenschaftler, 2001 beschrieben. In seinem Fach ging man damals überwiegend davon aus, dass die Wahrnehmung von Menschen als Fremde, insbesondere als „ethnisch Fremde“, lediglich gesellschaftlich konstruiert sei. Und man meinte, „diese gesellschaftlichen Konstruktionen seien kulturelle Phänomene, die quasi aus sich selbst heraus das Handeln von Menschen bestimmen“.

Ein Vierteljahrhundert später ist der Blick auf evolutionäre Prozesse unter Sozialwissenschaftlern Umfragen zufolge noch immer genauso verpönt. Konkret spiegelt sich das etwa in den bekannten „Mitte“-Studien der Universität Bielefeld wider, deren Ergebnisse von den Medien alle zwei Jahre verkündet werden. Der Begriff Fremdenfeindlichkeit wird hier zwar verwendet, aber nur als eine Dimension eines „völkisch-rassistischen Menschenbildes“, das sich ausdrückt „in feindseliger Abwertung von Gruppen, die als ,Ausländer‘ markiert werden.“ Der Begriff sei im wissenschaftlichen Diskurs umstritten, weil er „eine Verzerrung beschreibt, was das dahinterliegende Motiv rassistischer Abwertung betrifft.“ Der Begriff soll in den Studien nur dazu dienen, den „Prozess des Fremdmachens bestimmter Gruppen explizit zu benennen und die entsprechenden Einstellungen als Ergebnis davon darzustellen (Die angespannte Mitte 2025. S. 77. Fettungen durch den Autor.). In der Studie 2023 hieß es bereits, dass der Begriff Fremdenfeindlichkeit „die Vorstellung wiedergibt, dass es sich um ,Fremde‘ oder ,Ausländer‘ handelt und es diese Gruppe gäbe“. Menschen würden „fremd“ gemacht durch „gesellschaftliche und historische Prozesse der Ethnisierung und Kulturalisierung“ (Die distanzierte Mitte. 2023. S 54. Fettung durch den Autor.). Die Autoren sagen also, eine Gruppe von „Fremden“ existiere gar nicht. Wir nehmen Menschen nur als „fremd“ wahr, weil wir gelernt haben, andere Kulturen, Religionen und Ethnien abzulehnen.

Die Verzerrung des Rassismus-Begriffs

Richtig ist: Wir sozialisieren uns in einer Kultur und entwickeln dort Teile unserer Identität. Vor diesem Hintergrund teilen wir Menschen auf in „Wir“ („in-group“) und „die Anderen“ („out-group“) – und bewerten die Mitglieder der eigenen Gruppe in der Regel als wertvoller als alle anderen. Wie stark diese Neigung von frühester Kindheit an vorhanden ist und wie leicht sie aktiviert werden kann, haben gerade sozialwissenschaftliche Studien immer und immer wieder belegt. Und eine wichtige Kategorie unter den „out-groups“ sind natürlich die, die wir als „Fremde“ wahrnehmen.

Was wir in der Gesellschaft beobachten, beginnt also nicht mit dem „Motiv rassistischer Abwertung“ und einem „Prozess des Fremdmachens bestimmter Gruppen“. Das ist erst die zweite Ebene, auf die sich die Sozialwissenschaften allerdings in der Regel beschränken. Das gibt ihnen die Freiheit, Zusammenhänge bis in ihr Gegenteil zu verkehren. So bezeichnet Rassismus eigentlich eine klar definierte extreme Ausprägung von Fremdenfeindlichkeit unter kulturellem Einfluss. Weil die Mechanismen hinter Rassismus jedoch denen anderer Formen von Fremdenfeindlichkeit entsprechen – etwa der Ablehnung anderer Religionen oder kultureller Merkmale – wird auch hier nun von Rassismus gesprochen. Obwohl es nicht um die rassistische Abwertung von Menschen anhand biologischer Merkmale geht. 

Den Bielefelder Forschern zufolge hat die Vorstellung von Rassen „immer auch eine ideologische Funktion, beispielsweise, um europäische, weiße Vorherrschaft und den Kolonialismus gegenüber anderen Ländern zu legitimieren“ (Die distanzierte Mitte. 2023. S 156). Und weil die Ablehnung von Migranten oder Fremden jetzt grundsätzlich rassistisch ist, geht es auch hier nun immer und überall nur noch um die „Ideologie“ der Herrschenden.

Wer jedoch die tiefer liegenden Ursachen ignoriert, muss dann darüber rätseln, wieso der „Rassismus“ sich sogar in unseren modernen, liberalen, aufgeklärten Gesellschaften so hartnäckig gehalten hat und angesichts der Migrationsbewegungen (wenn auch nicht nur) immer mehr Menschen die AfD wählen. Wer Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit dagegen als menschliche Neigung begreift, dem dürfte es leichter fallen, vernünftige Maßnahmen gegen sie und ihre Auswüchse zu ergreifen. Ein erster Schritt könnte sein, diejenigen, die sich darüber beklagen, ihr Umfeld würde „durch die vielen Ausländer überfremdet“, nicht nur als Rassisten, rohe Bürger (Wilhelm Heitmeyer) oder Rechtsextreme abzutun, sondern genauer hinzuschauen. Die tieferen Ursachen von Gefühlen und Sorgen verstehen zu wollen, heißt dabei nicht, „Verständnis“ zu haben oder Fremdenfeindlichkeit als naturgegeben hinzunehmen. Solche normativen Fehlschlüsse (das Schließen vom Sein auf das Sollen) werden in der Biologie schon lange strikt abgelehnt. Aber wer Gegenmaßnahmen ergreifen will, sollte wissen, womit wir es zu tun haben. Der Gegner lässt sich bewältigen, aber er ist stärker, als die Sozialwissenschaftler sich das vorstellen. Denn er wurzelt in unserer Stammesgeschichte. Er steckt in unseren Genen.

Lese-Empfehlungen:

- Foucault, M. Die Ordnung der Dinge, 1971 / Von der Subversion des Wissens, 1974
- Manzi, D. The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. Theory and Society, 55, 2026
- Proulx, T. An ,outgroup’ public won't trust a progressive ,ingroup’ psychology. Current Opinion in Psychology, Vol. 70, 102316, 2026
- Schulte von Drach, M. C. Die Wurzeln der Angst. SZ.de, 9. November 2011
- Voland E. / Meißelbach, C. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 73, 2021
- Wahl, K. et al. Fremdenfeindlichkeit, 2001

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Florian Schwarz

Der Autor ist promovierter Biologe, der sich mit den Themen Evolution und Verhalten beschäftigt hat. Diese Themen werden seiner Meinung nach in den gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Diskussionen zu sehr außer Acht gelassen, obwohl sie für mehr Verständnis sorgen könnten – vor allem auch für die Gegenseite. Für den hpd schreibt er unter Pseudonym.

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