Menschenfeindliche und rechtsextreme Einstellungen in der Gesellschaft

(hpd) Die Sozialwissenschaftler Andreas Zick und Anna Klein legen mit “Fragile Mitte, feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014” die Ergebnisse einer Datenerhebung zum Thema vor. So beachtenswert die Daten und Erkenntnisse zu einschlägigen Einstellungen und deren Kontexte sind, so wenig überzeugend wirkt der postulierte angebliche starke Rückgang von Mentalitäten binnen nur zweier Jahre.

Antisemitismus und Diktaturakzeptanz, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, NS-Verherrlichung und Rassismus findet man nicht nur bei den 25.000 bis 30.000 mehr oder minder organisierten Rechtsextremisten in Deutschland. Einschlägige Einstellungen und Orientierungen reichen weit darüber hinaus in die Gesellschaft hinein, ohne dass sich die Sympathisanten derartiger Positionen politisch betätigen müssen. Darüber belehrt uns die empirische Sozialforschung zum Thema. Ein bedeutender Beitrag dazu lieferte in den letzten Jahren die Friedrich-Ebert-Stiftung, welche die “Mitte”-Studien zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in Auftrag ab. Im Zwei-Jahres-Rhythmus legten die Leipziger Forscher Elmar Brähler und Oliver Decker ihren Untersuchungen vor. Aus nicht bekannten Gründen kündigte man indessen die Kooperation und reichte die Aufgabe an die Bielefelder Forscher Anna Klein und Andreas Zick, welche die Untersuchungen in Ergänzung um ihren Ansatz “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” fortsetzen sollen.

Mit “Fragile Mitte, feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014” liegt ihr erster Abschlussbericht vor. Er basiert auf der Auswertung von telefonischen Repräsentativbefragungen, die zwischen Juni und August des Jahres bei 2008 Bürgern durchgeführt wurden. Klein und Zick erweitern dabei den zuvor bestehenden Ansatz. Dieser konzentrierte sich auf rechtsextreme Einstellungen, nun sollen noch andere “Bruchstellen einer fragilen Mitte” (S. 17) hinzukommen. Demnach geht es außerdem um “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit”, “Demokratieentleerungen”, “marktförmigen Extremismus” und “anti-europäische Reflexe”.

Die Autoren präsentieren dabei nicht nur jeweils Datenmaterial, das sich auf die quantitative Akzeptanz derartiger Auffassungen im Sinne von “stimme eher zu” und “stimme voll und ganz zu” bezieht. Sie fragen auch nach den Besonderheiten der Anhänger dieser Einstellungen und dem Kontext mit anderen Positionen, also etwa dem Alter oder Bildungsstand oder der Gewaltneigung oder dem Wahlverhalten.

Dabei kommen Klein und Zick zu bemerkenswerten Ergebnissen, wofür folgende beispielhafte Aussagen stehen: “Rechtsextreme Einstellungen sind im Vergleich zum Jahr 2012 in allen Teilen des Landes, deutschlandweit auch langfristig seit 2002, zurückgegangen. … Rechtsextreme Einstellungen sind in der sozioökonomischen Mitte am wenigsten verbreitet, was das Schrumpfen eben dieser sozioökonomischen Mitte besonders problematisch macht” (S. 142).

“Im Jahr 2014 finden wir im Vergleich zum Jahr 2011 bei vielen Facetten Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einen Rückgang, etwa beim Rassismus, bei der Fremdenfeindlichkeit oder bei der Islamfeindlichkeit” (S. 144). “Demokratiezweifel und das Misstrauen in politische Eliten gehen mit höherer Zustimmung zu den Facetten Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, höherer Gewaltakzeptanz und geringerer Partizipationsbereitschaft einher” (S. 146). Oder: "Das extreme Effizienzdenken hängt eng mit rechtsextremen Ideen zusammen" (S. 148).

Insbesondere das Konstatieren derartiger Zusammenhängen zeichnet den Bericht aus, welcher somit viel Stoff zur Ursachenanalyse liefert. Aber auch die Daten zur Akzeptanz einschlägiger Einstellungen verdienen allein für sich schon Interesse.

Indessen verwundert der konstatierte starke Rückgang solcher Positionen. So sollen etwa zwischen 2012 und 2014 in Ostdeutschland die rechtsextremen Einstellungen von 15,8 auf 2,5 Prozent zurückgegangen sein (vgl. S. 46). Das kann eigentlich nicht stimmen, sind doch derartige Entwicklungen eher das Ergebnis längerer Tendenzen in einer Gesellschaft. Zwar deuten Klein und Zick einige Gründe für solche Rückgänge an, sie reichen aber sicherlich nicht für eine überzeugende Erklärung. Erstaunlich ist auch hier, dass zwar immer nach dem Extremismus in der Mitte der Gesellschaft gefragt wird, aber eben diese Mitte am wenigsten zum Extremismus neigt. Da man dies aber nun selbst festgestellt hat (vgl. S. 42), wären eigentlich kritische Rückfragen an den eigenen Ansatz notwendig. Demnach bleiben nicht nur hier viele Fragen offen.

 


Andreas Zick/Anna Klein, Fragile Mitte, feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ralf Melzer, Bonn 2014 (J. H. W. Dietz-Verlag), 175 S., ISBN 978–3–8012–0458–7, 9,90 Euro