Schrift zum Neuen Atheismus

(hpd) Das Phänomen ist für viele ungewohnt: Seit Jahren werden wir Zeugen (und zum kleineren Teil Mithandelnde) einer Entwicklung nicht nur im deutschen Literaturbetrieb, nicht nur im gegenwärtigen „Medienhandel“. Bücher dezidiert atheistischer Autoren und „Atheismus-Prediger“ werden (zumindest fürs Erste) als Bestseller verkauft, und manche Leute gewinnen den Eindruck, der Erdkreis sei eines Morgens aufgewacht und habe sich wohlig atheistisch gefunden.

Gewiss hat sich die kulturelle Atmosphäre geändert. Ob jedoch „nachhaltig“, wie Hubertus Mynarek sein neues Buch einleitet, muss erst die Zeit zeigen. Der seit Jahrzehnten ausgewiesene Religionswissenschaftler und –philosoph schreibt in gewohnter Weise, also erstklassig und denkanstößig. Dass er häufig eigene Werke zitiert, ist kein Zeichen von Selbstverliebtheit. Es deutet vielmehr darauf hin, dass sich kaum einer die Mühe macht, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Wer immer noch nichts dazu gelernt hat, nimmt an, die Großkirchen und jene, welche diese sich als Theologen halten, seien über die Neuen Atheisten hergefallen, um deren Argumente zu zerpflücken. Nichts da. Auch diese Mühe müssen wir uns selbst machen. Es reicht offensichtlich nicht, Hochschullehrer der Theologie zu sein und seinen hoch dotierten Brotberuf zu haben. Sie schweigen einfach, ruhen sich auf ihren Staatsgeldern aus, tragen so gut wie nichts zu den Prozessen der Meinungsbildung bei. Auch das ist ein Zeichen für die erbärmliche Leere der christlichen Kirchen und ihrer Theologie, die nur noch Restbestände verwalten und Leichenteile konservieren. Benedikt XVI., der einmal als Intellektueller ausgelobt wurde, zeigt den Weg in genau diese Richtung,

„Mit Recht muss man zugeben, dass der ausdrückliche Verzicht auf Rationalität zur Folge hat, dass das Christentum nicht imstande ist, einen entsprechend breiten und notwendigen Dialog mit der Welt in der Zeit einer radikalen Umwandlung zu führen“, sagte soeben der Prager Erzbischof Dominik Duka in Berlin.

Ihr Oberhirten, Ihr habt Eure Schäfchen noch längst nicht wieder im Trockenen. Frohlockt einer von Euch über das angeblich "postatheistische Zeitalter", das mittlerweile angebrochen sein soll, lügt er in die eigene Tasche.

So leicht macht Mynarek es Euch nicht. Wenn er die Werke der einflussreichsten Neuen Atheisten Dawkins, Dennett, Harris, Hitchens und Ofray fachmännisch diskutiert wie kein Zweiter und dabei die Thesen mancher Talkshow-Prominenter kritisch angeht, leistet er eine höchst wichtige Vorarbeit für die notwendige Diskussion. Ich verhandle jedoch an dieser Stelle bewusst weder die Thesen noch Mynareks Kritik, da ich das selbständige Lesen des Buches anregen will. Nur so viel zu Dawkins als Beispiel:

„Wie es seine Art ist, lässt Dawkins ... zuerst einmal andere über die ‚Charakterlosigkeit‘ der Agnostiker schimpfen, um so die geeignete Atmosphäre für seine eigene Verdammung des Agnostizismus zu schaffen, obwohl er sich selbst paradoxerweise ... schlussendlich auch als Agnostiker erweist.“

Ich steche in ein Wespennest: Vielleicht war es doch etwas voreilig, den Karlheinz-Deschner-Preis an Dawkins zu verleihen. Vielleicht hätte die erst langsam einsetzende Diskussion abgewartet werden müssen. Hubertus Mynarek hat einen wichtigen Schritt in diese Richtung getan. Sein Buch gehört in jede anständige Bibliothek von Menschen, die sich um die nicht nur religiöse Gegenwartskultur mühen. Die Neuen Atheisten können Gott danken, dass eine so fundierte Auseinandersetzung einsetzt.

Ich wäre auf eine Fortsetzung in doppelter Richtung gespannt: Zum einen sollte sich Hubertus Mynarek auch einmal mit bundesdeutschen Entwicklungen auseinandersetzen, für die beispielsweise Michael Schmidt-Salomon steht. Und zum anderen fände ich es lohnenswert, wenn sich ein Autor dieses Ranges ausführlich mit dem Agnostizismus beschäftigte, einer millionenfach anzutreffenden Denk- und Lebenshaltung, die freilich noch so gut wie keine öffentliche Diskussion erfahren hat. Mynarek hat soeben in Aufklärung und Kritik einen Beitrag über die These von Dawkins zur „Armut, Schwäche und Feigheit des Agnostizismus“ publiziert. Auch das ein gewichtiger Beitrag zu einer erst einsetzenden Diskussion über das „Verhältnis“ von Atheismus und Agnostizismus.

Horst Herrmann

 

Hubertus Mynarek, Die Neuen Atheisten. Ihre Thesen auf dem Prüfstand. Essen: Blaue Eule, 2010, 348 Seiten, ISBN 978-3-89924-302-4, Euro 38