Wenn das Nilpferd lächelt

BERLIN. (hpd) „Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen“, heißt María Sonia Cristoffs kurzer aber wortgewaltiger Essay, er könnte auch heißen: „Was Tiere mit Menschen machen“. Die junge Argentinierin schreibt von lächelnden Nilpferden, rachsüchtigen Löwen, einem einst aus London mit dem Bus geflohenen Affen, auswandernden Kakerlaken und natürlich Kafkas Käfer. Von Tieren, die sehr oft von Menschen genug haben.

In den Zoo geht die Autorin, damit beginnt ihr Essay, um zu überlegen, ob sie endlich aufs Land ziehen soll. Aber auf dem Land gibt es keinen Zoo. Den braucht sie jedoch immer dann, wenn sie der Katzenjammer überkommt. Wenn liebestolle Nachbarn sie nicht schlafen lassen, Empfänge mit dem Verleger und selbsternannten Dichtern bei ihr Gesichtskrämpfe auslösen. Dann sinniert sie dort zum Beispiel über alte Berichte, in denen – ehe der Zoo von Buenos Aires endgültig zum profitorientierten Freizeitpark wurde – von dessen einstigem Direktor gefordert wurde, das Abfeuern von Feuerwerkskörpern und Blasorchester am Eingang des Zoos zu verbieten, weil deren Getöse schon so manches empfindliche Tier gegen die Wand rennen ließen.

Auch Cristoff rennt dauernd gegen Wände. Und das vielleicht gar nicht so ungern. Am Ende bleiben noch zweihundert Schritte bis zum Ausgang für die Entscheidung. Ich nehme an, sie wird bleiben und weiter sich beobachten, registrieren, wie ähnlich wir den Tieren sind. Auch in der Fähigkeit, unter unwirtlichen Bedingungen viele Jahrzehnte zu überdauern, so wie ein ungewöhnlich lebenswilliges Schnabeltier einst in einem australischen Zoo, von dem wir erfahren, weil die Autorin während einer Journalistenreise auf ein Bild von ihm in einem Prospekt stößt.

María Sonia Cristoffs Tiere sind literarische Kreaturen, sie schöpft ihr Material aus Zeitungsberichten, Romanen und Gesprächen, aus Berichten über die Zootiere. Darin gleicht sie den Kindern, die angesichts der eingesperrten Tiere scheinbar immer zunächst an Walt-Disney-Gestalten und andere tierische Filmhelden denken. Den unverstellten Blick auf das Tier gibt es nicht mehr. Die nur sanft und schweigsam mit den Wimpern klimpernde Giraffe im Zoo von Buenos Aires ist auch schon längst tot, Opfer mafiösen Lokalpolitiker oder Drogenhändler, die sie als Kurier benutzten, darüber gibt es selbstverständlich verschiedene Gerüchte.

In den Zoo geht Cristoff immer dann, wenn sie sich wie ein Tier fühlt, unbehaust, eingesperrt, ohnmächtig. In den Zoo und auf den Friedhof einer Stadt muss man gehen, um eine Stadt zu kennen, davon ist sie überzeugt. Doch nicht um die Tiere zu kennen. Internetseiten leisten längst mehr. Als Auf- und Nachzuchtstation hat der Zoo als Institution sich eigentlich längst selbst obsolet gemacht. Der beste Zoo für die Tiere ist kein Zoo. Und deshalb ist Cristoff auch der liebste Zoo, buchstäblich mitten in der Pampa, derjenige gewesen, den seine Leiterin selbst auflöste. Angesichts eines seiner letzten Bewohner, des Wildschweines Pipo, kommen Cristoff hemmungslos die Tränen - über sich selbst. Das immerhin vermag ein Tier mit dem Menschen zu machen.

Simone Guski

 

María Sonia Cristoff. „Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen“. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Berenberg Verlag, Berlin 2012, 93 S., 20 Euro.