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Glosse 16.11.2012 · Nr. 14381

Schönborn zum Protestantismus konvertiert?


screenshot: heute.at

WIEN. (hpd) Die aktuelle Kolumne des Wiener Kardinals Christoph Schönborn im Gratisblatt „heute“ stürzt die konservativ-katholischen Kreise des Landes in eine tiefe Sinnkrise. Ist der Kardinal am Ende heimlich zum Protestantismus konvertiert, fragen sich die letzten treugläubigen Katholiken.


Es sind wenige Sätze, die an der Glaubenstreue des „Primus Austriae“ der katholischen Kirche Zweifel entstehen lassen. „Liebe Amanda“, schreibt er in seiner Kolumne im Gratisblatt „heute“ an die Siegerin des Christkindl-Castings des Blatts, „Ich wünsche dir dazu alles Gute und viel Erfolg. Ich freue mich, dass du als Christkindl am Weihnachtsmarkt im Mittelpunkt stehst und nicht der plumpe Weihnachtsmann. Denn das macht für mich schon einen großen Unterschied aus: den Weihnachtsmann hat es nie gegeben“.

Ein katholischer Kardinal, der höchste Würdenträger seiner Kirche im Land, stellt einen katholischen Heiligen infrage? Zugunsten seines protestantischen Gegenentwurfs? Gibt es eindeutigere Anzeichen, dass Christoph Schönborn zu den Lutherischen übergegangen ist? Auf Unwissenheit wird er sich nicht berufen können. Er ist Theologe. Er muss wissen, dass es Martin Luther war, der während der Reformation das Christkind gegen den Kult um den Heiligen Nikolaus ins Rennen schickte. Das war 1531 und seitdem ist der Heilige Nikolaus etwas dicker geworden und nennt sich Weihnachtsmann (siehe auch: Der Weihnachtsmann beißt nicht). Aber der Heilige Nikolaus ist er geblieben!

Das muss einmal gesagt werden. Die alpenländische Folklore mag hundertmal etwas anderes behaupten. Kirchliche Lehre bleibt kirchliche Lehre. (Natürlich kann man den Schönbornschen Lapsus auch als Beweis ansehen, dass ein abgeschlossenes Theologiestudium nicht besagt, der Absolvent habe irgendetwas von Religion im Allgemeinen und der eigenen im Speziellen verstanden. Aber lassen wir die atheistischen Spitzfindigkeiten.)

Für die vielleicht 600.000 verbleibenden echten Katholiken muss diese Entgleisung wie ein Schlag vor den Kopf sein. Nicht nur, dass Schönborn ausnahmsweise einen protestantischen Ritus vor einen katholischen setzt. Er gibt der Volksfrömmigkeit den Vorzug vor den Beschlüssen der Heiligen Mutter Kirche, ja vor einer der heiligsten Traditionen der lieben alten Dame, vor der frommen Verehrung derer, die zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Vox populi mag manchmal vox dei sein. Wenn’s um den Glauben geht, gilt das bestimmt nicht. Da sehen der Heilige Vater, die Glaubenskongregation und der Paragraf 188 StGB vor. So geht das nicht. Noch dazu: DIESES Christkind ist ein Mädchen! Das geht gar nicht mehr. Blöderweise stößt sich das mit dem absoluten Gehorsam, den der überzeugte Katholik seinem Kardinal schuldig ist. Das ist verwirrend.

Zumal Schönborn Dominikaner ist. Seine Glaubensbrüder sind seit Jahrhunderten spezialisiert, Abfälle vom einzig wahren Glauben auch in der kleinsten Wortmeldung zu erkennen und effizient zu bekämpfen. Dem liberalen Zeitgeist entsprechend mussten sie zuletzt leider einige Abstriche bei der Effizienz hinnehmen. Sehr zum Bedauern vielleicht des einen oder anderen besonders frommen Katholiken, der diesen Freitag bebend in gerechtem Zorn die Zeilen Schönborns lesen musste.

Vielleicht kann man die heimliche Konversion Schönborns auch mit den sonstigen Verwirrtheiten erklären, die seine Kolumne enthält. Da schreibt er voller Begeisterung über Christkinder und Christkindlmärkte. Und dann stößt er sich am Kommerz: „Den Weihnachtsmann hat es nie gegeben. Den haben die Geschäftsleute erfunden!“ Was genau am Wortteil Markt im Christkindlmarkt in den Augen Schönborns im Widerspruch zum Wort Geschäftsleute steht, fragt sich vermutlich nicht nur ein frommer Katholik. Vielleicht ist er der einzige Mensch auf der Welt, der einen Markt als rein antikommerzielle Einrichtung interpretiert. Entweder ist er seit seiner heimlichen Konversion Prophet geworden oder der Heilige Geist hat ihn verlassen. Das müssen sich Protestanten und Katholiken untereinander ausmachen.

Christoph Baumgarten