Mehr als eine Sexualgeschichte des Christentums
Diarmaid MacCullochs Buch „Niedriger als die Engel“ ist eine umfassende Kultur- und Kirchengeschichte, die den Wandel christlicher Vorstellungen von Sexualität über zwei Jahrtausende nachzeichnet.
Gemälde: Johann König (ca. 1629) public domain
Der renommierte Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch holt weit aus. Im ersten Teil seines Buches beschreibt er die kulturellen Traditionen, die die Basis des frühen Christentums darstellen. Dann schildert er den Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion. Immer wieder verliert er sich dabei allerdings in ausgedehnten Exkursen über Kreuzzüge, Ablasshandel oder die Reformation. Diese Abschnitte sind zweifellos kenntnisreich und oft spannend, entfernen sich aber nicht selten vom eigentlichen Thema. Das Buch wirkt dadurch stellenweise langatmig und entfaltet eher den Charakter eines wissenschaftlichen Standardwerks als den einer flüssig erzählten Monografie.
Der Titel „Niedriger als die Engel“ bezieht sich auf den Hebräerbrief, in dem der Mensch als „ein wenig unter die Engel erniedrigt“ beschrieben wird. MacCulloch greift diesen Gedanken auf und verbindet ihn mit der jahrhundertelangen christlichen Auseinandersetzung über Körperlichkeit, Geschlecht und Sexualität – allesamt Themen, die in der Theologie von Beginn an umstritten waren.
Zwischen Kirchengeschichte und Sexualethik
Der Untertitel „Eine Sexualgeschichte des Christentums“ weckt unwillkürlich Erinnerungen an Karlheinz Deschner, der bereits 1974 mit „Das Kreuz mit der Kirche“ eine religionskritische „Sexualgeschichte des Christentums“ vorlegte, die vom Alibri Verlag 2021 neu aufgelegt wurde.
Wer nun eine ähnlich fundamentale Generalabrechnung erwartet, wird allerdings enttäuscht. MacCulloch ist trotz aller Kritik an den Kirchen Historiker und gläubiger Christ. Er möchte das Christentum nicht demontieren, sondern zeigen, wie wandelbar und widersprüchlich seine Vorstellungen von Sexualität im Laufe der Jahrhunderte gewesen sind.
Dass der in Oxford lehrende MacCulloch homosexuell ist und sich nach eigenen Angaben deshalb gegen eine Priesterlaufbahn entschied, prägt das Buch erkennbar. Fragen der Homosexualität nehmen breiten Raum ein und gehören zu den überzeugendsten Kapiteln. Seine zentrale These lautet, dass es die christliche Sexualmoral nie gegeben hat. Vorstellungen über Ehe, Keuschheit, Homosexualität oder die Rolle der Frau seien im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder verändert, neu interpretiert oder den gesellschaftlichen Verhältnissen angepasst worden. Besonders hebt er hervor, dass sich Jesus in den Evangelien weder zum Thema Homosexualität noch zur Masturbation oder der Rolle der Frau geäußert hat. Die kirchlichen Sexualnormen beruhen auf theologischen Konstruktionen späterer Epochen.
Zu den stärksten Passagen des Buches gehört MacCullochs Analyse der Schattenseiten kirchlicher Sexualmoral. Er scheut sich nicht, den Zölibat mit den Missbrauchsskandalen der katholischen Kirche in Verbindung zu bringen und beschreibt die jahrhundertelang nach außen hin zölibatäre, „klaustrophobisch gleichgeschlechtliche Welt des Klerus“ als einen Raum, der für manche homosexuelle Männer zu einem Zufluchtsort geworden sei. Der Missbrauch wird durch ein kirchliches System begünstigt, das Sexualität über Jahrhunderte tabuisiert und verdrängt hat.
„Niedriger als die Engel“ ist kein leicht zugängliches Buch. Sein akademischer Stil, die enorme Materialfülle und die zahlreichen Abschweifungen verlangen Geduld. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer außerordentlich kenntnisreichen Darstellung belohnt, die eindrucksvoll zeigt, wie wenig sich kirchliche Sexualnormen auf eine angeblich unveränderliche christliche Tradition berufen können. Gerade diese historische Einordnung macht das Buch trotz seiner Längen zu einer ausgesprochen lesenswerten Studie.