Beim Zukunftsforum bleiben wieder einmal Humanist:innen, Atheist:innen und Konfessionsfreie unsichtbar

Ein ORF für alle?

Der ORF soll reformiert werden. Beim Zukunftsforum in zehn Tagen sind 200 Teilnehmer:innen eingeladen, zusätzlich 400 zur Onlinekonsultation, allerdings keine Humanist:innen, Atheist:innen und Konfessionsfreie, während Religion durchaus ein Thema sein soll. Der Humanistische Verband Österreich hat daher eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt.

Urania Wien bei Nacht
Das ORF-Zukunftsforum findet unter anderem in der Wiener Urania statt.

Am 10. und 11. September findet im Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport bei der Wiener Urania das ORF-Zukunftsforum statt. Die von Medienminister Andreas Babler initiierte Veranstaltung bildet den Auftakt zu der im Regierungsprogramm vorgesehenen Gesamtreform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Rund 200 geladene Teilnehmer:innen aus Politik, Medien, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Sport, Kreativwirtschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung sollen über die Zukunft des ORF beraten. Für die Öffentlichkeit ist ein Livestream vorgesehen.

Dem Forum geht ein dreistufiger Beteiligungsprozess voraus. Knapp 400 Personen und Institutionen aus Medien, Wissenschaft, Kultur, Sport und Zivilgesellschaft wurden zu einer Onlinekonsultation eingeladen. Dabei wurden Erfahrungen, Einschätzungen und Vorschläge zur Zukunft des ORF erhoben.

Ergänzend fanden vier Fokusgruppen mit Bürger:innen aus unterschiedlichen Regionen Österreichs sowie ein Jugendworkshop mit Schüler:innen, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und jungen Medienschaffenden statt. Die Ergebnisse dieser Formate sollen beim Zukunftsforum vorgestellt werden und in die Beratungen einfließen.

Nach der Veranstaltung werden die Ergebnisse in einem Bericht zusammengefasst. Dieser soll die Grundlage für die anschließenden politischen Verhandlungen über die geplante Gesamtreform des ORF bilden.

Die fünf Themenbereiche

Im Mittelpunkt des Zukunftsforums stehen fünf Arbeitsgruppen:

  1. Öffentlich-rechtlicher Auftrag und Programm
  2. Jugend und Medienkompetenz
  3. Digitalisierung, Plattformen und Künstliche Intelligenz
  4. Strukturen, Governance und Repräsentanz des Publikums
  5. Kooperationen und Medienstandort Österreich

In der ersten Arbeitsgruppe soll geklärt werden, welche Leistungen der ORF künftig für die Öffentlichkeit erbringen und welche Rolle Information, Kultur, Wissenschaft, Religion, Unterhaltung und Sport im digitalen Zeitalter spielen sollen.

Die zweite Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit dem Medienverhalten junger Menschen, ihren Erwartungen an öffentlich-rechtliche Angebote und der Stärkung von Medienkompetenz.

Die dritte Gruppe behandelt die Auswirkungen digitaler Plattformen und Künstlicher Intelligenz auf Medien und Öffentlichkeit. Dabei geht es auch um die Sichtbarkeit und Relevanz öffentlich-rechtlicher Inhalte.

In der vierten Arbeitsgruppe stehen Transparenz, Unabhängigkeit, Governance und die gesellschaftliche Verankerung des ORF im Mittelpunkt.

Die fünfte Gruppe befasst sich mit Kooperationen zwischen dem ORF und anderen österreichischen Medien sowie mit Medienvielfalt, Innovation und Qualität.

Das Programm

Das Forum beginnt mit einer Eröffnung durch Andreas Babler. Anschließend spricht die amtierende ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher unter dem Titel „Weichen stellen“. Die Kommunikationswissenschaftlerin Annika Sehl von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt behandelt die Rolle öffentlich-rechtlicher Medien im digitalen Umfeld.

Danach diskutieren die Mediensprecher:innen der Parlamentsparteien über ihre Erwartungen an das Zukunftsforum. Es folgt die Präsentation der Ergebnisse aus Onlinekonsultation, Fokusgruppen und Jugendworkshop. Anschließend beginnen die fünf Arbeitsgruppen.

Am Ende des ersten Tages findet das Panel „Ein ORF für alle?“ statt. Daran nehmen die Sängerin Anna Buchegger, die Kabarettistin Marina Lacković alias Malarina, Fußball-Nationalteamchef Ralf Rangnick, Kletterweltmeister Jakob Schubert und die Schriftstellerin Anna Weidenholzer teil.

Den zweiten Tag eröffnet Susanne Wille, Generaldirektorin der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, mit einem Beitrag aus der öffentlich-rechtlichen Praxis. Danach setzen die Arbeitsgruppen ihre Beratungen fort und präsentieren ihre Ergebnisse.

Nach einer Bilanz der Mediensprecher:innen spricht der designierte ORF-Generaldirektor Clemens Pig unter dem Titel „Ein ORF, dem Österreich vertraut“. Den Abschluss bilden ein Fazit und ein Ausblick von Andreas Babler. Die Gesamtmoderation übernimmt Sebastian Loudon. Das vorläufige Programm ist auf der Website des Ministeriums abrufbar.

Die geplante ORF-Reform

Das Regierungsprogramm sieht vor, den ORF schlanker, digitaler, transparenter, bürgernäher, regionaler und nachhaltiger zu gestalten. Sein demokratischer Auftrag, seine Objektivität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit sollen gestärkt werden.

Vorgesehen sind unter anderem eine stärkere Beteiligung des Publikums, eine Weiterentwicklung des öffentlich-rechtlichen Auftrags, Angebote zur Medien- und KI-Kompetenz sowie eine Reform der ORF-Gremien. Der Publikumsrat soll gestärkt und die Zusammenarbeit mit privaten österreichischen Medien ausgebaut werden.

Auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz spielt eine wichtige Rolle. Genannt werden die Erkennung von Deepfakes, mehr Transparenz bei KI-Anwendungen, gemeinsame technische Infrastrukturen sowie die Prüfung einer Kennzeichnungspflicht für KI in redaktionellen Inhalten. Diese Vorhaben sind im Regierungsprogramm 2025–2029 festgehalten.

Warum hat man schon wieder Humanist:innen, Atheist:innen und Konfessionsfreie vergessen?

Im veröffentlichten Programm wird ausdrücklich danach gefragt, welche Rolle Religion im digitalen Zeitalter spielen soll. Religion ist damit als eigener gesellschaftlicher Bereich gesetzt. Konfessionsfreie Menschen, nichtreligiöse Weltanschauungen, Atheismus oder Humanismus werden dagegen an keiner Stelle ausdrücklich genannt.

Das Ministerium hat weder die Liste der knapp 400 zur Onlinekonsultation eingeladenen Personen und Institutionen noch die vollständige Liste der rund 200 Teilnehmer:innen veröffentlicht.

Der Humanistische Verband Österreich hat deshalb beim zuständigen Ministerium eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz eingebracht. Darin ersucht er um Bekanntgabe der eingeladenen Personen und Organisationen, der Auswahlkriterien sowie um Auskunft darüber, welche Religionsgemeinschaften und welche konfessionsfreien, säkularen oder humanistischen Organisationen in den Beteiligungsprozess einbezogen wurden. Sobald die Antwort vorliegt, wird er darüber berichten.

Sicher ist bereits jetzt: Der Humanistische Verband Österreich hat weder eine Einladung zur Onlinekonsultation noch zum ORF-Zukunftsforum erhalten.

Schon die Sprache des Programms zeigt damit eine bekannte Schieflage. Religion wird als gesellschaftlich relevante Perspektive sichtbar gemacht. Nichtreligiöse Weltanschauungen verschwinden dagegen im allgemeinen Begriff der Zivilgesellschaft – sofern sie überhaupt mitgemeint sind.

Mehr als drei Millionen Konfessionsfreie

Dabei handelt es sich keineswegs um eine kleine Gruppe. Nach der aktuellen Hochrechnung der Statistikdatenbank der Konfessionsfreien leben in Österreich 3.134.187 konfessionsfreie Menschen. Das entspricht 34 Prozent der Bevölkerung.

Konfessionsfreie bilden damit nach der römisch-katholischen Kirche, der noch 48 Prozent der Bevölkerung zugerechnet werden, die zweitgrößte Gruppe nach weltanschaulicher beziehungsweise religiöser Zugehörigkeit.

Zum Vergleich: Der islamischen Religionsgesellschaft werden 805.551 Menschen oder 8,7 Prozent zugerechnet, den orthodoxen Kirchen 450.000 Menschen oder 4,9 Prozent und den evangelischen Kirchen 238.127 Menschen oder 2,6 Prozent. Andere christliche Gemeinschaften kommen zusammen auf rund 120.000, andere nichtchristliche Gemeinschaften auf etwa 50.000 Menschen.

Die Gruppe der Konfessionsfreien ist damit deutlich größer als sämtliche nichtkatholische Religionsgemeinschaften zusammen. Die Zahlen und ihre Berechnungsmethode sind in der Statistikdatenbank der Konfessionsfreien dokumentiert. Sie entsprechen dem Stand des dritten Quartals 2026.

Natürlich sind nicht alle dieser 3.134.187 Menschen Humanist:innen oder Atheist:innen. Manche sind religiös, ohne einer Religionsgemeinschaft anzugehören. Andere bezeichnen sich als agnostisch, säkular oder weltanschaulich ungebunden.

Gerade deshalb darf diese große und vielfältige Bevölkerungsgruppe nicht einfach als Abwesenheit von Religion behandelt werden. Konfessionsfreiheit ist keine leere Stelle. Auch nichtreligiöse Menschen haben Überzeugungen zu Würde, Verantwortung, Freiheit, Solidarität, Wissenschaft, Sterben, Zusammenleben und gesellschaftlicher Gerechtigkeit.

Religion ist nicht die einzige Weltanschauung

Wenn über den öffentlich-rechtlichen Auftrag gesprochen wird, geht es nicht nur darum, welche Religionen im ORF vorkommen. Es geht um die umfassendere Frage, wie die weltanschauliche Vielfalt Österreichs abgebildet wird.

Religiöse Gemeinschaften verfügen über klar erkennbare Institutionen, hauptamtliche Strukturen und über Jahrzehnte gewachsene Zugänge zu Politik und öffentlich-rechtlichen Medien. Konfessionsfreie Menschen sind dagegen nicht in einer einzigen Organisation zusammengefasst. Ihre Interessen werden deshalb leicht übersehen, obwohl sie zahlenmäßig längst zu den größten gesellschaftlichen Gruppen gehören.

Auch das ORF-Gesetz trägt zu dieser Wahrnehmung bei. Es verlangt ausdrücklich die angemessene Berücksichtigung der Bedeutung der gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften. Eine vergleichbar deutliche Verpflichtung zur Berücksichtigung nichtreligiöser Weltanschauungen findet sich dort nicht.

Kirchen und Religionsgesellschaften werden dadurch als organisierte gesellschaftliche Kräfte wahrgenommen. Konfessionsfreie erscheinen dagegen häufig nur als statistische Restkategorie: als Menschen, die nichts sind oder nirgendwo dazugehören. Damit wird ihnen gerade jene weltanschauliche Stimme genommen, die religiösen Gemeinschaften selbstverständlich zugestanden wird.

Ist das Methode?

Für eine bewusst geplante Ausgrenzung gibt es keinen Beleg. Aber es gibt ein institutionelles Muster: Religion wird aktiv gesehen, benannt und einbezogen. Nichtreligiosität soll sich mitgemeint fühlen. Kirchen gelten selbstverständlich als Gesprächspartnerinnen, während humanistische und säkulare Organisationen regelmäßig erst darauf hinweisen müssen, dass es sie gibt.

Dieses Muster ist auch im Programm des Zukunftsforums erkennbar. Dort stehen Religion und Wissenschaft ausdrücklich im Themenkatalog. Eine eigenständige Perspektive säkularer Ethik, des Humanismus oder nichtreligiöser Lebensauffassungen ist nicht vorgesehen.

Dabei gehören Fragen nach überprüfbarem Wissen, verantwortlicher Freiheit und einem Zusammenleben ohne Berufung auf religiöse Autoritäten zu den zentralen Themen eines modernen öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Es geht nicht darum, religiöse Inhalte aus dem ORF zu verdrängen. Religion ist gesellschaftliche Realität und muss journalistisch behandelt werden. Religionsgemeinschaften haben denselben Anspruch auf eine faire Darstellung wie andere Gruppen.

Ein weltanschaulich offener Rundfunk darf aber Religion nicht mit Weltanschauung gleichsetzen und Konfessionsfreiheit lediglich als Fehlen eines Bekenntnisses behandeln.

Ein ORF für alle muss auch Menschen erreichen und repräsentieren, die ihr Leben ohne Religion gestalten. Dazu gehören Beiträge über säkulare Lebensformen, humanistische Ethik, weltliche Feiern, Wissenschaft und Aufklärung ebenso wie eine kritische journalistische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen und politischen Einfluss von Religionsgemeinschaften.

Auch bei existenziellen Themen wie Geburt, Erziehung, Krankheit, Sterben und Tod darf Religion nicht als einzig verfügbare Sprache für Sinn, Trost und Verantwortung erscheinen.

Gerade ein Zukunftsforum wäre der richtige Ort, diese überkommene Einteilung zu korrigieren. Wenn über den künftigen öffentlich-rechtlichen Auftrag beraten wird, sollten nicht nur unterschiedliche religiöse Perspektiven, sondern auch Humanist:innen, Atheist:innen und konfessionsfreie Menschen beteiligt werden.

Erstveröffentlichung auf der Website des Humanistischen Verbands Österreich. Übernahme in leicht gekürzter Form.
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