Was die amerikanische Rentendebatte mit dem New Deal zu tun hat und warum sie auch für Deutschland interessant ist
Sozialversicherung: Ein überraschender Blick in die USA
Bernie Sanders, der Senator aus Vermont, will die amerikanische Rentenversicherung, die Social Security, langfristig finanziell absichern und zugleich ihre Leistungen verbessern. Dazu schlägt er vor, ihre Finanzierungsbasis zu verbreitern und insbesondere hohe Einkommen stärker heranzuziehen.
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Eine amerikanische Rentenversicherung? Wer hierzulande an die Alterssicherung in den USA denkt, hat vermutlich zunächst private Pensionsfonds, betriebliche Vorsorgeprogramme und kapitalgedeckte Sparmodelle vor Augen. Das ist durchaus berechtigt. Insbesondere die verbreiteten 401(k)-Pläne, häufig mit Arbeitgeberbeteiligung, spielen eine wichtige Rolle.
Weniger bekannt dürfte sein, dass daneben eine eigenständige, auf Bundesebene organisierte Rentenversicherung besteht, die im Wesentlichen nach dem Umlageverfahren finanziert wird und gesetzlich geregelte Leistungen gewährt.
Und diese Social Security ist keineswegs eine Randerscheinung. Ende 2025 bezogen rund 57 Millionen Amerikaner im Alter von mindestens 65 Jahren Leistungen aus dem System. Die durchschnittliche monatliche Altersrente eines ehemaligen Arbeitnehmers lag bei gut 2.000 Dollar. Für einen großen Teil der älteren Bevölkerung bildet die Social Security einen wesentlichen Bestandteil, häufig sogar die Grundlage ihres Alterseinkommens.
Die Vereinigten Staaten, die hierzulande häufig als Gegenbild zum europäischen Sozialstaat wahrgenommen werden, verfügen also über eine große, staatlich organisierte Rentenversicherung.
Und sie ist keineswegs eine neue Errungenschaft. Ihre Geschichte reicht mehr als 90 Jahre zurück.
Ein amerikanisches Sozialversprechen
Am 14. August 1935 unterzeichnete Präsident Franklin D. Roosevelt den Social Security Act. Das Gesetz gehörte zum New Deal, jenem umfassenden Reformprogramm, mit dem die amerikanische Regierung auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise reagierte.
Mit ihm wurde die Grundlage einer bundesstaatlichen Altersversicherung geschaffen, die sich über Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert. Hinzu kamen weitere sozialpolitische Regelungen, unter anderem zur Arbeitslosenunterstützung und zur Unterstützung besonders bedürftiger Bevölkerungsgruppen.
Das amerikanische System ist also keineswegs bloß eine staatlich geförderte private Altersvorsorge. Sein Kern ist eine gesetzlich organisierte Sozialversicherung mit laufenden Beitragseinnahmen und gesetzlich geregelten Leistungsansprüchen.
Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Social Security mehrfach erweitert und verändert. Heute gehört sie zu den beständigsten Institutionen des amerikanischen Sozialstaats.
Noch interessanter wird der Blick zurück allerdings, wenn man sich die politischen Vorstellungen vergegenwärtigt, die mit den Reformen der 1930Jahre verbunden waren.
Roosevelt und die Frage nach der wirtschaftlichen Macht
Der New Deal war weit mehr als ein staatliches Beschäftigungsprogramm oder eine Sammlung sozialpolitischer Hilfsmaßnahmen. In ihm spiegelte sich auch eine grundlegende Auseinandersetzung über die Verteilung wirtschaftlicher Macht.
Besonders deutlich wird das in einer Botschaft Roosevelts an den Kongress vom 19. Juni 1935, also nur wenige Wochen vor der Unterzeichnung des Social Security Act.
Darin befasste sich der Präsident mit der Besteuerung hoher Einkommen, großer Vermögen und umfangreicher Erbschaften. Er stellte die Frage, inwieweit die Konzentration wirtschaftlicher Macht mit den demokratischen Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft vereinbar sei. Roosevelt formulierte einen Gedanken, der bis heute nichts von seiner grundsätzlichen Bedeutung verloren hat: „Wealth in the modern world does not come merely from individual effort.“ (Wohlstand entsteht in der modernen Welt nicht allein durch individuelle Leistung.)
Wirtschaftlicher Erfolg, so erläuterte Roosevelt, beruhe vielmehr auf dem Zusammenwirken individueller Anstrengungen mit den Leistungen der Gesellschaft, innerhalb derer er möglich werde. Damit begründete er die besondere Verantwortung großer Vermögen gegenüber der Allgemeinheit.
Auch die Vererbung wirtschaftlicher Macht betrachtete er kritisch. Sie sei mit den Idealen seiner Generation ebenso wenig vereinbar wie die Vererbung politischer Macht mit den Idealen der amerikanischen Gründergeneration.
Das war für die Vereinigten Staaten eine bemerkenswerte politische Positionsbestimmung.
Noch wenige Jahre zuvor hatte Finanzminister Andrew Mellon, selbst ein außerordentlich vermögender Industrieller, eine Steuerpolitik vertreten, die auf eine deutliche Senkung der Spitzensteuersätze zielte. Roosevelts Botschaft markierte gegenüber dieser Richtung einen grundlegenden Perspektivwechsel.
Dabei sollte man zwei Dinge auseinanderhalten: Die Social Security wurde nicht durch die von Roosevelt geforderte stärkere Besteuerung großer Vermögen finanziert. Ihre Altersversicherungsleistungen beruhten von Anfang an auf einem eigenen Beitragssystem. Doch die sozialpolitischen Reformen und die steuerpolitische Debatte gehörten zu einer umfassenderen politischen Neuorientierung.
Die Frage lautete nicht nur, welche Leistungen sich der Staat unter gegebenen finanziellen Bedingungen leisten könne. Zur Diskussion stand ebenso, wie die wirtschaftlichen Lasten einer Gesellschaft verteilt werden sollten und welche Verantwortung aus wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit erwächst.
Es sei daran erinnert, dass diese Überlegungen nicht aus der europäischen Sozialstaatsgeschichte stammen. Sie wurden 1935 von einem amerikanischen Präsidenten vor dem Kongress der Vereinigten Staaten vorgetragen.
Neunzig Jahre später: eine alte Institution, eine neue Reformdebatte
Die Social Security hat zahlreiche politische und wirtschaftliche Umbrüche überstanden. Ihre langfristige Finanzierung ist allerdings keineswegs gesichert. Die demografische Entwicklung und das Verhältnis von Beitragseinnahmen zu Leistungsansprüchen stellen das System vor erhebliche Herausforderungen.
Die amerikanische Debatte darüber ist nicht neu. Seit Langem werden die künftigen Einnahmen und Ausgaben regelmäßig versicherungsmathematisch untersucht. Dass die Finanzierung unter den bestehenden gesetzlichen Bedingungen auf Schwierigkeiten zusteuert, ist bekannt.
Vor diesem Hintergrund steht die Initiative von Bernie Sanders. Sein 2025 eingebrachter Social Security Expansion Act verfolgt zwei miteinander verbundene Ziele: Die Leistungen sollen verbessert und die Finanzierung auf eine breitere Grundlage gestellt werden.
Ein wesentlicher Ansatzpunkt ist die bisherige Begrenzung der beitragspflichtigen Erwerbseinkommen. Oberhalb einer jährlich festgelegten Einkommensgrenze werden keine weiteren Beiträge zur Social Security erhoben. Sanders will insbesondere sehr hohe Einkommen stärker in die Finanzierung einbeziehen und darüber hinaus bestimmte Kapitalerträge heranziehen.
Die Reform soll also nicht allein durch Veränderungen auf der Leistungsseite oder durch höhere Beiträge innerhalb der bisherigen Bemessungsgrenzen finanziert werden. Sie setzt ausdrücklich bei der Frage an, welche Einkommen überhaupt zur Finanzierung der sozialen Sicherung beitragen.
Die politische Durchsetzbarkeit dieses Vorschlags steht auf einem anderen Blatt. Er ist keine beschlossene Reform und repräsentiert keineswegs einen allgemeinen amerikanischen Konsens.
Für den Blick aus Deutschland ist jedoch schon die Richtung der Überlegung aufschlussreich: Die langfristige Finanzierung einer Sozialversicherung soll verbessert werden, indem ihre Einnahmebasis erweitert wird. Gleichzeitig wird eine Leistungsverbesserung angestrebt.
Und die deutsche Rentendebatte?
In Deutschland konzentriert sich die Diskussion über die Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung seit Langem auf die Entwicklung der Beitragssätze und die Stabilisierung des Rentenniveaus. Auch die aktuellen Reformüberlegungen bewegen sich weitgehend innerhalb dieses Rahmens.
Dabei gewinnt eine zusätzliche kapitalgedeckte Rentenkomponente an Bedeutung. Sie soll langfristig zur Sicherung des Rentenniveaus beitragen. Allerdings muss der dafür erforderliche Kapitalstock erst aufgebaut werden. Während dieser Übergangsphase entstehen zusätzliche finanzielle Belastungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, denen zunächst noch keine entsprechenden Rentenleistungen aus dem angesparten Kapital gegenüberstehen. Die laufenden Renten müssen unterdessen weiterhin finanziert werden.
Das ist kein grundsätzliches Argument gegen Kapitaldeckung. Es macht jedoch deutlich, dass auch sie zusätzliche Mittel erfordert und das Finanzierungsproblem nicht einfach beseitigt.
Zwar wird inzwischen auch eine Erweiterung des Versichertenkreises vorgeschlagen. An der grundsätzlichen Beschränkung der Beitragsbemessung auf Erwerbseinkommen innerhalb festgelegter Grenzen soll jedoch festgehalten werden.
Gerade hier liegt der interessante Unterschied zur amerikanischen Reforminitiative von Bernie Sanders: Sie setzt ausdrücklich bei der Frage an, welche Einkommen zur Finanzierung der Sozialversicherung herangezogen werden sollen.
Damit rückt eine Überlegung in den Mittelpunkt, die in der deutschen Diskussion vergleichsweise wenig Raum einnimmt: Nicht nur die Leistungen einer Sozialversicherung lassen sich verändern, sondern auch die Grundlagen ihrer Finanzierung.
Die Grenzen sind nicht naturgegeben
Der Vergleich zwischen der amerikanischen und der deutschen Reformdiskussion erlaubt keine einfachen Schlussfolgerungen.
Die Systeme unterscheiden sich historisch, institutionell und in ihrer Einbettung in die jeweiligen Gesellschaften. Auch Sanders' Vorschläge beantworten nicht sämtliche Fragen nach der langfristigen Tragfähigkeit der Social Security. Und die deutsche Rentenpolitik lässt sich nicht auf eine einzige Reformrichtung reduzieren.
Dennoch macht der amerikanische Blickwinkel etwas sichtbar, das in der deutschen Diskussion leicht aus dem Bewusstsein gerät.
Die Finanzierungsbasis einer Sozialversicherung ist keine naturgegebene Größe. Sie beruht auf politischen Entscheidungen darüber, welche Einkommen herangezogen werden, wie Lasten verteilt werden und welche Aufgaben gemeinschaftlich abgesichert werden sollen.
Solche Entscheidungen lassen sich verändern.
Das war bereits eine der grundlegenden Einsichten jener amerikanischen Reformperiode, aus der 1935 die Social Security hervorging. Roosevelt und seine Zeitgenossen behandelten die wirtschaftliche Ordnung nicht als unveränderlichen Rahmen, innerhalb dessen Sozialpolitik lediglich das noch Finanzierbare verteilen durfte. Sie stellten auch die Regeln dieses Rahmens selbst zur Diskussion.
90 Jahre später knüpft Sanders mit seiner Initiative nicht einfach an das damalige Reformprogramm an. Die gesellschaftlichen Verhältnisse und die konkreten politischen Vorschläge sind zu unterschiedlich. Aber die Frage, ob die bestehenden Grenzen sozialer Sicherung tatsächlich unverrückbar sind, verbindet beide Debatten.
Vielleicht liegt gerade darin der interessanteste Impuls aus Amerika.
Wir sind gewohnt, darüber zu diskutieren, wie die Leistungen der Sozialversicherung an ihre finanziellen Grenzen angepasst werden müssen.
Seltener fragen wir, ob diese Grenzen selbst noch angemessen gezogen sind.
- National Archives: Social Security Act von 1935
- Franklin D. Roosevelt: Botschaft an den Kongress zur Steuerreform, 19. Juni 1935
- US-Kongress: Social Security Expansion Act, S. 770 (2025)
- Social Security Administration: Statistische Angaben zur Social Security
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