Ressourcenverknappung führt bei Schimpansen nicht zu mehr Aggression

Der Krieg der Affen blieb aus

Schimpansen im Berliner Zoo
Schimpansen im Berliner Zoo

BERLIN. (hpd) In erbitterten Streit auszubrechen um knapper werdende begehrte Ressourcen liegt nicht in der Primatennatur. Das ergaben von S.E. Calcutt, E.V. Lonsdorff und anderen Forschern vom Yerkes Primate Research Center im Lincoln Zoo von Chicago gemachte Experimente. In einem Schimpansengehege plazierten sie einen künstlichen Termitenhügel mit einer abnehmenden Zahl von Ketchup-Bechern darin. Die Schimpansen arrangierten sich wider Erwarten und blieben friedlich.

Von den Affen haben sie es jedenfalls nicht, wenn Mitglieder einer Familie sich um eine knapp ausgefallene Erbschaft streiten oder Kita-Kinder um die letzten Spekulatius vom Weihnachtsfest.

Zwar haben Christophe Boesch und seine Kollegen im Taï-Nationalpark schon beobachtet, dass es bei geringer werdenden Ressourcen sogar bis hin zu tödlich endenden Kämpfen zwischen verschiedenen Schimpansengruppen kommen kann. Calcutt und seine Mitarbeiter beobachteten im Lincoln Zoo jedoch ganz anderes.

Im Laufe eines dreiviertel Jahres reduzierten sie, so schreibt Sarah Calcutt in der Zeitschrift "Behaviour" die Anzahl von Ketchupbechern in einem von Menschenhand geformten "Termitenhügel" sukzessiv von acht auf schließlich nur noch einen. Beobachtet wurde eine Schimpansengruppe von sieben Mitgliedern, zwei davon Mütter mit kleinen Kindern.

Das Ergebnis: Es fanden sich miteinander einträchtig um die würzigen Termitenhügel die Individuen, die auch sonst freundschaftliche Beziehungen miteinander durch ausgedehnte Fellpflege unterhielten. Geduldet wurde auch ohne Fellpflege auf der Basis von Gegenseitigkeit immer auch der Nachwuchs, selbst wenn er wie in einem Fall schon erwachsen war. Neue Allianzen wurden nicht geschmiedet, aber mit dahin schrumpfenden Ressourcen nahm die hingebungsvolle Fellpflege sogar noch zu. Was auch der Tatsache geschuldet sein mag, dass weniger Zeit darauf verwendet werden konnte, mit Blättern die begehrte Sauce aus den künstlichen Erdhügeln aufzutunken, wie die kleine Truppe es vorher gemacht hatte.

Gegen das Experiment mag man einwenden, dass es nichts darüber sagt, was geschehen würde, wenn die Tiere unter bedrohlichen Nahrungsmangel litten. Allerdings handelte es sich um eine von ihnen außerordentlich begehrte Speise. Jeweils befreundete Schimpansen nahmen gemeinsam rund um die Nahrungsquelle Platz "bei Tisch", die anderen "standen Schlange". Gute Beziehungen zu pflegen, lohnt sich unter Schimpansen.

Kommentare (1)

Claudia (nicht überprüft)

Do. 18 Jun 2015 - 12:43

Gegen das Experiment kann (und muß) man auch einwenden, dass das Verhalten von in Zoos gefangengehaltenen Schimpansen allenfalls etwas über das Verhalten von Schimpansen in Zoogefangenschaft aussagt, und nichts über ihr Verhalten im Freiland. Das ist so, als würde man aus dem Verhalten von lebenslänglich Strafgefangenen in einem Hochsicherheitstrakt anthropologische Folgerungen über das "Wesen des Menschen" herleiten. Derlei Experimente sind mehr als fragwürdig.

Simone Guski

Die Autorin ist gelernte Philosophin, arbeitete viele Jahre lang als Kulturjournalistin mit dem Schwerpunkt Kunst im In- und Ausland für Tageszeitungen und Magazine. Sie war langjährige Kulturberichterstatterin für DIE WELT in Madrid und unterrichtete später philosophische Anthropologie und Ästhetik an der Universidad de la Comunicación in Mexiko-City. Schließlich spezialisierte sie sich journalistisch auf die Themen Anthropologie, Primatologie und Tierrechte.

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