Bei der "SkepKon" gab es diesmal einen Überraschungsgast. Hinter diesem Vorgehen standen sicherheitsrelevante Gründe. Hautnah konnten die Besucher erleben, was es bedeutet, wenn man unter Polizeischutz leben muss. Unser Autor schildert eindrücklich, wie er die Podiumsdiskussion und ihre Vorkehrungen erlebte.
Es ist Samstag, der 16. Mai 2026. Die SkepKon in Regensburg ist fast vorbei. Drei Tage geballtes Programm: viele neue Perspektiven, interessante Gesprächspartner und noch mehr kritisches Denken. Doch ein Highlight steht noch an: eine zweistündige Paneldiskussion unter dem Titel: "Extremismus und offene Gesellschaft".
Wer gleich auf dem Podium sitzen wird? Dazu schweigt sich das Programm aus. Bereits das ist ungewöhnlich. Doch noch ungewöhnlicher ist, was als Nächstes passiert: Die SkepKon-Besucher werden gebeten, den Raum zu verlassen. Nach kurzem Warten werden die Türen wieder geöffnet. Wir dürfen wieder rein. Doch Taschen müssen draußen bleiben. Und an allen Ecken des Raums stehen schwarz gekleidete Männer. Polizeibeamte des LKA Berlin. Ihre Blicke scannen den Raum.
Ich setze mich und schaue gespannt nach rechts auf die Bühne. Von dort aus werden die Panelteilnehmer gleich den Saal betreten. Es ist Punkt 11:15 Uhr. Im Raum ist es still. Dann hört man Schritte. Vier Personen betreten die Bühne: Judith Faessler, die stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), der forensische Psychiater Frank Urbaniok und Rebecca Schönenbach, Beraterin im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Der Vierte im Bunde ist der israelisch-deutsche Psychologe, Autor und Islamismusexperte Ahmad Mansour. Er ist der Stargast der Veranstaltung. Alle wissen, wer gerade den Saal betreten hat.
Ahmad Mansour ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und unangenehme Tatsachen offen anzusprechen – insbesondere im Bereich der Extremismusprävention. Dafür steht er seit Jahren unter Polizeischutz. Doch gleich zu Beginn der Diskussion stellt er klar, dass er sich darauf nicht reduzieren lässt. Er sei viel mehr als der Mann, den man bewachen muss. Dennoch: Bevor auch nur ein Argument ausgetauscht wurde, zeigen die Umstände der Veranstaltung sehr eindrücklich, worum es heute geht. Es geht um die freie Debatte, um den Preis, den diejenigen zahlen, die sie verteidigen — und um eine Organisation, die prinzipientreu genug ist, genau dafür einen Raum zu schaffen.
Damit ist der Rahmen gesetzt. Die GWUP gibt hier keine Vereinsmeinung vor. Sie tut etwas Wichtigeres: Sie schafft einen Raum, in dem über schwierige Fragen gestritten werden kann, ohne dass Streit in Lagerdisziplin, Einschüchterung oder moralische Erpressung kippt.
Streit als demokratische Lebensform
Mansour erzählt seinen Weg knapp. Aufgewachsen in einer patriarchalen Familie, in der abweichende Meinungen bestraft wurden, teils körperlich. Dann die andere Erfahrung in Tel Aviv: Demokratie bedeutete dort nicht Harmonie, sondern leidenschaftlichen Austausch von Argumenten – "Streit", ein Wort, das im Deutschen einen schlechten Beiklang hat. 2004 kam Mansour nach Deutschland. Auf dem Flug notierte er, was er in Deutschland suchte: Freiheit, Sicherheit, Wohlstand. Hier fand er eine offene Diskursatmosphäre vor, die, so seine Beobachtung, um 2016/17 kippte. Dass ausgerechnet jemand mit dieser Hoffnung heute unter Polizeischutz über Freiheit sprechen muss, ist die bittere Pointe des Vormittags.
Es gehe nicht in erster Linie um Extremisten am Rand, sagt Mansour. Vielmehr erodiere gerade unsere gemeinsame Wirklichkeit. Fakten zählten weniger als Emotionen. Aggressive Algorithmen, Echokammern und eine veränderte Art, sich zu informieren und miteinander zu reden, prägten unsere Kultur.
Ein kritisch-aufklärerischer Dialog braucht Realitätskonsens: die gemeinsame Bereitschaft anzuerkennen, dass 2 plus 2 gleich 4 ist. Wer für sich eine eigene Wirklichkeit reklamiert, verlässt den Boden, auf dem man überhaupt diskutieren kann. Mansour sagt, wenn jemand wider jede Evidenz behauptet, niemand wandere in das deutsche Sozialsystem ein, dann erodiert die Basis für jedes weitere Gespräch.
Die heiklen Themen, ungeschönt
Das Podium meidet keine wunden Punkte. Rebecca Schönenbach, Diplom-Volkswirtin und Expertin für Extremismusfinanzierung, kam über die Kölner Silvesternacht zu ihrem Thema. Ihre Beobachtung damals: Die Debatte über die Gewalt an Frauen wurde verdrängt. Aus Rücksicht auf eine Tätergruppe verschwanden die Opfer aus dem Blick. Über solche Gewalt zu sprechen, ist kein Generalverdacht gegen Migranten oder Muslime. Es ist die Voraussetzung dafür, Frauenrechte ernst zu nehmen. Schönenbach nennt die Freiheit von Frauen einen Gradmesser für die Freiheit einer Gesellschaft – und beschreibt das rhetorische Manöver, das ihr die Arbeit erschwert: das "Aber". "Aber nicht alle Migranten…", "aber auch deutsche Männer…", "aber, aber, aber…". Nicht immer dient dieses Aber der Differenzierung. Oft dient es der Vermeidung einer ehrlichen Diskussion.
Frank Urbaniok, forensischer Psychiater mit nach eigener Angabe rund 5.000 Fällen in 33 Jahren, formuliert es nüchtern: Es gebe zwei Arten, mit Problemen umzugehen. Man kann behaupten, es gebe sie nicht – oder sie ansehen und lösen. Die erste Variante habe den Vorteil, dass das Problem kurz zu verschwinden scheine. Es kehre dann aber mit größerer Wucht zurück. Sein Reizwort heißt kulturelle Prägung. Es ist, sagt er, eine Banalität: Wo bestimmte Vorstellungen weit verbreitet sind und viele Menschen von dort kommen, sind diese Vorstellungen auch hier präsent – nicht in allen Köpfen, aber in vielen.
Prägung statt Herkunft
Mansour betont, er habe nie von Herkunft oder Hautfarbe gesprochen, sondern von Sozialisation und Erziehungsmethoden. Es gehe ihm um Straftaten und um Milieus, die sie begünstigen. Marokkanische Einwanderer seien in den USA bestens integriert, wirft Moderatorin Judith Faessler ein. Doch in anderen Ländern ergebe sich ein anderes Bild. Es gehe eben nicht um den Pass, sondern um Prägung, Schicht, Normen und das Verhältnis zum Rechtsstaat.
Urbaniok zieht die Grenze präzise: nicht zwischen Inländern und Ausländern, sondern zwischen denen, die sich integrieren wollen und können, und denen, die es nicht wollen. Gerade die gut integrierten Zugewanderten würden in denselben Topf gerührt, wenn man Probleme tabuisiert. Wer Kritik an einem Milieu zur Kritik an allen Migranten umdeute, betreibe keine Differenzierung, sondern verhindere sie. Die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, sei keine Tugend. Auch dann nicht, wenn es sich moralisch gut anfühle.
Die Angst der Vernünftigen
Der wiederkehrende Befund des Vormittags ist die Angst der Vernünftigen. Mansour berichtet von Kriminologen, die ihn anrufen und sagen, er habe recht – aber öffentlich würden sie das niemals zugeben, weil sie sonst nicht mehr arbeiten könnten. Urbaniok bestätigt denselben Befund in Wissenschaft und Politik, spricht von "weicher Zensur". Schönenbach beschreibt, wie die stärksten Stimmen gegen die Probleme – Wissenschaftler aus genau den betroffenen Milieus – nicht gehört werden, weil sie nicht ins Bild passten.
Die offene Gesellschaft wird hier nicht nur von Extremisten bedroht. Sie wird auch von sozialem Druck, moralischer Selbstgewissheit und dem Verlust der gemeinsamen Wirklichkeit geschwächt. Dafür braucht es kein Verbot. Es reicht, wenn immer mehr Menschen lernen, welche Themen man besser meidet, welche Fragen man besser nicht stellt und welche Personen man besser nicht einlädt. Der Kaiser ist nackt. Doch keiner sagt es.
Wissenschaft ist eine Methode, keine Ersatzreligion
Ein Satz Mansours bleibt bei mir besonders hängen: Wissenschaft sei vielerorts zur Ersatzreligion geworden, mit der man andere Meinungen pauschal delegitimiere. "Die Wissenschaft" habe bewiesen. Punkt. Ende der Debatte. Auch das holt mich ab, denn genau diese Haltung ist zutiefst unwissenschaftlich. Denn Wissenschaft erhebt keinen Absolutheitsanspruch. Sie ist ein Prozess, keine Sammlung letztgültiger Gewissheiten, und alle Erkenntnis steht unter Irrtumsvorbehalt. Ihr Kern ist eine Triade aus Kritik, Diskurs und empirischer Prüfung.
Ihre eigentliche Voraussetzung aber ist Beirrbarkeit: die Bereitschaft, sich durch Fakten und Argumente irritieren zu lassen. In einer Religion gilt Unbeirrbarkeit als Tugend. In der Wissenschaft wäre sie ein Übel. Wer Wissenschaft als Bannspruch benutzt, um Kritik zu beenden, verwechselt sie mit dem, wogegen sie einmal angetreten ist. Wir brauchen keine Dogmen und Tabus, sondern den Mut, sie zu hinterfragen. Genau dafür wirbt Mansour — und genau darin liegt die skeptische Haltung, die eine Organisation wie die GWUP verteidigen muss, auch wenn man in allen Sachfragen, die man mit dieser Haltung diskutiert, beherzt streiten darf.
Warum dieser Vormittag zur neuen GWUP passt
Genau hier schließt sich der Kreis zur GWUP. Zwei Tage zuvor hatte der Vorsitzende André Sebastiani die Konferenz eröffnet und betont, die GWUP habe keine Vereinsmeinung. Die stellvertretende Vorsitzende Judith Faessler machte zum Auftakt des Panels noch einmal klar, was das praktisch bedeutet: Die GWUP ist eine Plattform für vernünftigen, durchaus kontroversen Dialog. Nicht, weil sie vorgibt, was zu denken ist. Sondern weil sie die Regeln verteidigt, unter denen wissenschaftlich respektabler Streit stattfinden kann.
Das ist die Linie, mit der sich die GWUP zu ihren Ursprüngen zurückbewegt: freie Debatte statt Lagerdisziplin. Früher standen klassische Parawissenschaften im Zentrum: Homöopathie, Astrologie, Wünschelruten, Spuk, Kryptozoologie. Heute kommen neue, eminent wichtige Konfliktfelder hinzu, in denen dieselbe skeptische Haltung gebraucht wird. Im Panel waren das: Islamismus, Migration, Frauenrechte, Wissenschaft und offene Gesellschaft. Die Methode bleibt dieselbe: Behauptungen prüfen, Personen respektieren, ideologische Vereinnahmung abwehren – und: die Dinge beim Namen nennen.
Die neue GWUP zeigt sich mit dem Panel von ihrer besten Seite: als "Safe Space" für den Diskurs zwischen Personen, nicht für ihre Ideen. Denn Ideen werden hart und unnachgiebig geprüft. Leicht sei dies nicht, warnt Faessler eindrücklich. Denn wir seien nicht die Nachfahren von Kopernikus und Galilei, sondern der "tugendhaften" Menge, die sie verurteilte und canceln wollte.
Ein historischer Moment
Das Panel erinnert mich daran, warum ich vor zehn Jahren in die GWUP eingetreten bin: nicht, um mich in einer Gemeinschaft von Gläubigen wiederzufinden. Sondern um kritisches Denken zu praktizieren – und zwar gerade dort, wo es unbequem wird. An diesem Vormittag war die GWUP genau das: ein Ort für angewandtes kritisches Denken und wissenschaftliche Aufklärung. Ein Ort für Menschen, die sich im besten Sinne durch Fakten "beirren" lassen, die differenzieren statt zu pauschalisieren, die Personen respektieren und Ideen hart prüfen – und ein Saal voller Zuhörer, von denen viele jung waren und einen Beruf vor sich haben, in dem genau diese Fragen über Karrieren entscheiden.
Auf die Publikumsfrage, was man heute als Einzelner tun könne, antwortete Mansour mit zwei Wörtern: Haltung zeigen. Für Skeptiker heißt das nicht, eine bestimmte Position zu übernehmen. Es heißt, die Werte zu verteidigen, die einen ehrlichen, vernünftigen Streit über solche Positionen erst möglich machen: Offenheit, Sachorientierung, Ideologiefreiheit, Respekt vor Personen und Härte gegenüber ungerechtfertigten Behauptungen. Online, offline, in der Familie, am Arbeitsplatz – und mit dem Mut, dafür Widerspruch einzustecken.
Das kostet etwas. Aber wer morgens in den Spiegel sehen will, sollte sich sagen können, dass er es versucht hat. Dieser abschließende Gedanke von Ahmad Mansour zeigt, warum es heute so wichtig ist, Organisationen wie die GWUP zu stärken. Nicht jeder kann allein auf die Bühne gehen, ein Panel ermöglichen oder öffentlichen Druck aushalten. Aber viele können eine Organisation tragen, die solche Räume schafft. Je mehr Menschen sie unterstützen, desto wirksamer wird sie – und desto geringer werden die Kosten für jeden Einzelnen. Mut, Zeit, Geld, Öffentlichkeit und Widerspruch verteilen sich dann auf viele Schultern.
Solche Räume entstehen nicht von selbst, und sie halten sich nicht von selbst. Sie brauchen Menschen, die hingehen, mitdenken und mittragen. Ich habe an diesem Vormittag wieder verstanden, warum ich dabei bin. Es sollten mehr sein.







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