Senatswahl in den USA
Ein demokratischer Kandidat mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft?
Abdul El-Sayed aus dem progressiven Lager könnte Senator von Michigan werden. Vorwürfe einer Nähe zum Umfeld islamistischer Organisationen und israelfeindliche Positionen werfen Fragen auf.
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Am 3. November, im Zuge der Midterms, wird in den USA ein neuer Kongress bestimmt. Senat und Repräsentantenhaus sollen neu besetzt werden. Um einen Senatssitz für Michigan konkurriert der demokratische Kandidat Abdul El-Sayed mit dem Republikaner Mike Rogers. Das republikanische Lager wirft El-Sayed Verbindungen zur islamistischen Muslimbruderschaft vor. Auch mit Israelhass und der Verharmlosung von Terrorismus sei El-Sayed in Erscheinung getreten. Diese Vorwürfe werden nicht nur von der politischen Gegenseite erhoben werden.
Eine Wahl von Gewicht
In Unterstützerkreisen gilt El-Sayed als Mamdani Michigans. Mehr noch: Barack Obama und Kamala Harris werben für ihn. Manche sagen ihm nach, er werde in die Fußstapfen Obamas treten. Schließlich war auch für diesen der Einzug in den Senat das SprunDgbrett für seine spätere Präsidentschaft.
Mamdani ist Muslim und Bürgermeister der linksliberalen Metropole New York City. Ein Muslim, der einen ganzen Bundesstaat im US-Senat vertritt, wäre hingegen ein Novum in der amerikanischen Geschichte. Zwar sitzen mit Ilhan Omar und Rashida Tlaib bereits zwei muslimische Abgeordnete der Demokraten im Repräsentantenhaus, die mit Islamismus-Relativierung und Israelfeindschaft auffallen. Doch der Senat hat eine besondere Tragweite. Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht das: Das Repräsentantenhaus hat 435 Mitglieder, der Senat lediglich 100. Während das Repräsentantenhaus alle zwei Jahre neu gewählt wird, beträgt die Amtszeit eines Senators sechs Jahre.
Sollte El-Sayed zum Senator von Michigan gewählt werden, könnte er die US-Politik bei der nationalen Gesetzgebung, in der Außenpolitik und bei der Kontrolle der Regierung maßgeblich mitgestalten. Angesichts der Vorwürfe wegen Beziehungen zu islamistischen Organisationen und einer israelfeindlichen Agenda wäre das politisch besonders brisant.
In aktuellen Umfragen im Swing State Michigan liegt der progressive Kandidat Abdul El-Sayed knapp vor seinem republikanischen Herausforderer Mike Rogers (Stand: 27. Oktober 2026, 18:12 Uhr).
Die Muslimbruderschaft im Wahlkampf
Erst zu Beginn dieses Jahres hatte die US-Regierung unter Donald Trump mehrere Zweige der Muslimbruderschaft – den ägyptischen, den jordanischen, den libanesischen und den sudanischen – als Terrororganisationen eingestuft.
Anfang August dann, als El-Sayed offiziell als demokratischer Kandidat für die US-Senatswahl feststand, wurden Vorwürfe über seine Nähe zur Muslimbruderschaft laut. Schon am nächsten Tag gab sein Kontrahent Rogers eine Stellungnahme ab, in der er betonte, El-Sayed habe „der Muslimbruderschaft seine Unterstützung zugesagt“.
Mitte Oktober eskalierten die Anschuldigungen dann merklich, als Trump El-Sayed als „bösartigen, gewalttätigen Dschihadisten“ titulierte. Trump lastete El-Sayed direkt an, ein Mitglied der Muslimbruderschaft zu sein, das „Juden und Schwarze und Amerikaner hasst“. Außerdem spottete Trump über El-Sayeds zweiten Vornamen Mohamed.
Doch was liegt gegen El-Sayed vor – und wie reagiert er?
Spuren zur Familie
Im Mittelpunkt der Vorwürfe stehen ältere Online-Beiträge von El-Sayeds Halbschwester Iman Abdelhadi aus dem Jahr 2012. Darin schrieb sie, ihre „Familie gehöre schon lange der Muslimbruderschaft an“, sie habe jedoch „schon immer das Gefühl gehabt, dass die Organisation politisch ungeschickt und destruktiv agiert“. In einem weiteren Tweet schrieb sie, sie habe ein „wunderbares Gespräch“ mit ihrer Mutter über deren „Aktivismus innerhalb der Muslimbruderschaft in den frühen 1970er-Jahren während ihrer Studienzeit“ geführt.
El-Sayed wurde in Rochester Hills (Michigan) als Sohn ägyptischer Einwanderer geboren. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er drei Jahre alt war. Seine Mutter verließ den Bundesstaat, und El-Sayed wuchs bei seinem Vater und seiner Stiefmutter auf.
In den Zitaten der Schwester ist die Rede von El-Sayeds leiblicher Mutter, Frau Elkomy. Laut der New York Times lebte sie zunächst in Ägypten und später in Missouri, wo sie für eine Wohltätigkeitsorganisation namens Islamic American Relief Agency arbeitete. Die US-Regierung stuft die Organisation als Unterstützerin terroristischer Gruppen, darunter al-Qaida, ein. Im Jahr 2004 wurde die Organisation wegen Verbindungen zum Terrorismus geschlossen.
Mit diesen Indizien konfrontiert, antwortete El-Sayed laut Washington Post lediglich: „Ich habe keine Verbindungen. Wir haben keine Verbindungen (...) Ich habe diese Gespräche nie mit meiner Mutter geführt. Ich bin nicht bei meiner Mutter aufgewachsen. … Sie verwenden Hörensagen aus einem Tweet als Beweismittel. Das ist einfach nicht seriös.“
Doch es geht nicht nur um El-Sayeds leibliche Mutter. Auch sein Schwiegervater steht im Verdacht, Verbindungen zu islamistischen Organisationen zu unterhalten.
Bei einer Ausschusssitzung des US-Senats im August 2026 über Allianzen zwischen Demokraten und Islamisten mit dem Titel „Hidden in Plain Sight“ („Verborgen vor aller Augen“) warfen Experten El-Sayeds Schwiegervater vor, Führungspositionen in der Islamic Society of North America (ISNA) und dem North American Islamic Trust (NAIT) innegehabt zu haben. Beide Organisationen wurden in historischen US-Justizdokumenten aus dem Verfahren gegen die Holy Land Foundation von 2007/2008 wegen Terrorismusfinanzierung als „nicht angeklagte Mitverschwörer“ aufgeführt. An ihrer Gründung sollen Mitglieder der Muslimbruderschaft beteiligt gewesen sein, um eine subversive, politisch-islamische Infrastruktur in den USA aufzubauen.
Die Demokraten boykottierten die Sitzung geschlossen und bezeichneten sie als „Freakshow“. Sie warfen den Initiatoren vor, Muslime pauschal zu verleumden und El-Sayeds Wahlkampf torpedieren zu wollen.
El-Sayeds Unterstützung für Mursi
Nun könnte man entgegnen: „Familie sucht man sich nicht aus“. Doch wie steht es um El-Sayed selbst?
Im Jahr 2012 unterzeichnete El-Sayed einen offenen Brief ägyptischstämmiger Amerikaner, in dem diese die „revolutionären Entscheidungen“ des ägyptischen Präsidenten Mohamed Mursi, der der Muslimbruderschaft entstammte, begrüßten. Der Brief enthielt die Forderung an Mursi, die Polizei und die Medien von verbliebenen Anhängern der Diktatur Hosni Mubaraks zu bereinigen.
Mursi war ein hochrangiger Funktionär der Muslimbruderschaft. Er wurde 2012 zum Präsidenten gewählt, ein Jahr, nachdem die Aufstände des Arabischen Frühlings Mubarak zum Rücktritt gezwungen hatten.
Laut der Washington Post forderten die Unterzeichner des Briefes, dass amerikanische und europäische Politiker sich nicht länger gegen Mursis Regierung positionieren sollten. Zugleich erklärten sie, geschlossen hinter Mursi zu stehen.
El-Sayeds Wahlkampfteam lehnte laut Washington Post eine Stellungnahme zu dem Brief ab.
Bereits ein Jahr vor der Unterzeichnung dieses Briefes hatte El-Sayed in einem Beitrag für die HuffPost die Vereinigten Staaten aufgefordert, die Proteste des Arabischen Frühlings zu unterstützen. Befürchtungen, eine Machtübernahme der Muslimbruderschaft in Ägypten könne das Land in einen zweiten Iran verwandeln, hielt er für übertrieben.
Ebenfalls nach Angaben der Washington Post war El-Sayed während seines Studiums an der University of Michigan Vizepräsident und Präsident des Campus-Chapters der Muslim Students Association. Zu den Gründern der Muslim Students Association im Jahr 1963 gehörten anderem Mitglieder der Muslimbruderschaft.
Gelder aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft
Anfang August wurde zudem publik, dass der demokratische Spitzenkandidat El-Sayed 175.000 Dollar Unterstützung von einem politischen Fonds erhalten hatte, der mit CAIR, dem Council on American-Islamic Relations, verbunden war. Auch CAIR wurde in dem bereits genannten Verfahren von 2007 als nicht angeklagter Mitverschwörer im Fall gegen die Holy Land Foundation (HLF) aufgeführt. Die HLF war damals die größte muslimische Wohltätigkeitsorganisation der USA und wurde wegen der Übermittlung von Millionen Dollar an die Hamas geschlossen.
Der fowid-Autor Carsten Frerk zeichnet in mehreren Beiträgen nach, wie CLAIM, die hiesige umstrittene Allianz gegen „antimuslimischen Rassismus“, im Jahr 2018 als Ergebnis einer USA-Reise hervorging, zu der auch ein Treffen mit CAIR gehörte. Geleitet wurde die Reise von Lydia Nofal, einer Konvertitin und SPD-Politikerin; die beiden an der Reise beteiligten deutschen Organisationen – Inssan und der muslimische Jugendverband JUMA – weisen laut Frerk Bezüge zur Muslimbruderschaft auf.
El-Sayed, CAIR und die Hamas
Die im HLF-Verfahren dokumentierten Erkenntnisse legen laut dem US-amerikanischen Portal UnHerd nahe, dass CAIR aus einem „Palästinensischen Komitee“ hervorging, das Anfang der 1990er-Jahre mehrere in den USA ansässige Zweigstellen der Muslimbruderschaft koordinierte. Eines der Ziele des Komitees bestand darin, die finanzielle und politische Unterstützung für die Hamas – den militanten und terroristischen Arm der Muslimbruderschaft im Gazastreifen – zu erhöhen.
Ein FBI-Agent, der am HLF-Verfahren beteiligt war, bezeichnete CAIR laut UnHerd im Jahr 2016 als „Vorfeldorganisation der Hamas“. Laut der Recherche von UnHerd bestehen bis heute ideologische und finanzielle Bezüge zur Hamas. Als Indizien führt das Portal unter anderem die Freude eines CAIR-Sprechers über die Terrorinvasion vom 7. Oktober, eine Trauerbekundung zum Tod des Hamas-Führers Ismail Haniyeh und Andeutungen über mögliche finanzielle Beziehungen zur Hamas an.
Auf solche Vorwürfe angesprochen, reagieren El-Sayed und sein Team mit Abwehr. Statt sich mit den konkreten Vorwürfen auseinanderzusetzen und Verstrickungen aufzuarbeiten, stellen sie diese als rassistisch und islamfeindlich motivierte Kampagne dar. Gegenüber Fox News distanziert sich El-Sayed folgendermaßen: „I have never been a member of the Muslim Brotherhood and never will be.“
Juden sind beunruhigt
Hinweise auf El-Sayeds Verbindungen zur Muslimbruderschaft kamen bislang vor allem von republikanischer Seite. Doch auch ehemalige demokratische Wähler und Parteikollegen El-Sayeds sind angesichts seiner israelfeindlichen Haltung und seines Umgangs mit der Verharmlosung des islamistischen Terrorismus beunruhigt.
Eine Reportage der FAZ begleitet Asher Lopatin, den Rabbiner einer kleinen modern-orthodoxen Gemeinde in Michigan. Eigentlich wählt er seit Langem das progressive Lager. El-Sayeds israelfeindliche Haltung bereitet ihm jedoch erhebliche Sorgen. Damit dürfte er unter Juden in Michigan nicht allein dastehen. Allerdings, räumt Lopatin ein, werde die Wahl nicht von ihrer Stimmabgabe abhängen. Er verweist auf die demografischen Verhältnisse im rund zehn Millionen Einwohner zählenden Bundesstaat: Dort leben etwa 130.000 Juden und 250.000 Muslime. Letztere konzentrieren sich vor allem im Großraum Detroit. In Dearborn, einem Vorort Detroits, stellen Muslime die Mehrheit der Bevölkerung. Die Stadt weist den höchsten arabischen Bevölkerungsanteil außerhalb des Nahen Ostens auf.
Ein Publizist bezeichnete Dearborn 2024 im Wall Street Journal als „Amerikas Dschihad-Hauptstadt“. Politiker und Imame hätten in den elf Moscheen der Stadt die Verbrechen der Hamas verharmlost. Dass Israel, der Gazastreifen und der Krieg gegen den Iran in El-Sayeds Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen, verwundert vor diesem Hintergrund nicht.
El-Sayed betrachtet bereits die Existenz eines explizit jüdischen Staates als illiberal. Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten, stellt er als Widerspruch zu den Menschenrechten dar. Eine im Nahost-Thinktank Mena-Watch erschienene Analyse fasst El-Sayeds Position so zusammen: „Als er letzten Monat von CNN gefragt wurde, ob es möglich sei, gleichzeitig Zionist und progressiv zu sein. antwortete er: ‚Jede Definition eines jüdischen Staates läuft letztlich auf die Äußerung illiberaler Werte hinaus, ausnahmslos.‘ Er sagte außerdem, ‚Geld‘ sei ‚der einzige Grund‘, warum Demokraten, die ‚an Menschenrechte glauben‘, Israel unterstützen würden.“
El-Sayed wirft Israel zudem einen „Genozid“ an den Palästinensern vor und beschuldigt den jüdischen Staat, gegenüber den Palästinensern ein „Apartheidregime“ errichtet zu haben.
Zugleich fordert El-Sayed ein Ende der militärischen Unterstützung Israels durch die USA. Den Krieg gegen das Mullahregime im Iran lehnt er entschieden ab und bezeichnet ihn gegenüber Fox News als „illegal“.
„Hurt people hurt people“
Nach Recherchen der FAZ verlor El-Sayed unter jüdischen Wählern weiter an Vertrauen, als er im Frühjahr 2026 zunächst mit verständnisvollen Worten auf einen Terrorangriff auf eine Synagoge reagierte. Ein bewaffneter Mann libanesischer Herkunft rammte sein Auto in die Temple-Israel-Synagoge in West Bloomfield, eröffnete das Feuer und erschoss sich schließlich selbst. Als bekannt wurde, dass der Täter eine Woche zuvor vier Familienmitglieder bei einem israelischen Luftangriff im Libanon verloren hatte, kommentierte El-Sayed den Anschlag mit den Worten: „Hurt people hurt people“. Der Demokrat entschuldigte sich später für diese Äußerung.
El-Sayeds laxer Umgang mit der Verharmlosung von Terrorismus ist kein Einzelfall. Im Wahlkampf trat er gemeinsam mit dem umstrittenen, linksgerichteten US-amerikanisch-türkischen Podcaster Hasan Piker auf. Piker war einer derjenigen, die Israel jüngst ohne Belege für die Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta verantwortlich gemacht haben. Auch zum 7. Oktober fand Piker relativierende Worte: Er bezeichnete die Terrorinvasion als Akt des „palästinensischen Widerstands“ und die Hamas als „tausendmal besser als Israel“. Zudem bewertete er die Anschläge vom 11. September als verdiente Rache an den Vereinigten Staaten.
Nur wenige Demokraten distanzieren sich öffentlich von El-Sayeds radikalen Äußerungen und seinem Umfeld. Der demokratische Senator John Fetterman kritisierte jedoch ausdrücklich dessen Kontakte zu Piker. Sinngemäß warnte Fetterman, man müsse am Jahrestag des 11. September – wenn der Opfer der Terroranschläge gedacht werde – auch daran erinnern, dass womöglich bald ein Senator ins Amt einziehe, der sich die mediale Bühne mit jemandem teile, der die Anschläge gutheiße. Fettermans Stellungnahme erfolgte vor dem Jahrestag.
Konspirative Organisationen verraten nicht, wer zu ihnen gehört
Die Muslimbruderschaft verteilt keine Mitgliedsausweise. Ihre Erkennungszeichen sind begrenzt, und die wenigsten Muslimbrüder oder Muslimschwestern bekennen sich öffentlich zu ihr. Sie ist eine Geheimorganisation. Um Beobachtungen zu entgehen und gesellschaftlich anschlussfähig zu bleiben, bestreiten Anhänger konsequent ihre Verbindungen. In westlichen Gesellschaften agiert sie gezielt im Verborgenen und hat ein weitreichendes Netz aus Dachverbänden, Moscheen, NGOs, Fundraising-Strukturen und Schlüsselpersonen in Parteien, Medien und Kultur gesponnen. Ihr Ziel ist eine Graswurzelrevolution, die die Gesellschaft von innen heraus nach islamistischen Vorstellungen umgestalten soll.
Die Muslimbruderschaft ist damit weniger als zentral gesteuerte Struktur zu verstehen denn als Aktionsform: als Prinzip einer dezentralen, schrittweisen Unterwanderung. Folgerichtig warnte die US-amerikanische Terrorismusexpertin Lara Burns auf der bereits erwähnten Konferenz „Hidden in Plain Sight“ davor, die islamistische Bedrohung allein auf militanten Terrorismus und Gewaltakte zu reduzieren: „Terrororganisationen überleben nicht allein durch Gewalt. Sie überleben durch Netzwerke, die Geld beschaffen, Narrative prägen, Unterstützer rekrutieren und Extremismus legitimieren.“
Ihre Kollegin Arielle F. Klepach legte bei der Ausschusssitzung nach: „Sie bringen unseren Kindern bei, 9/11 sei unsere Schuld gewesen, legitimieren Terrorismus als gerechtfertigten Widerstand und missbrauchen unsere Rechtsordnung, um Kritiker zum Schweigen zu bringen.“