Ilse Aigner und das höchste Staatsamt

Wie viel Christentum verträgt die Bundespräsidentschaft?

Die CSU möchte Ilse Aigner als Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue sehen. Die katholische Politikerin bekennt offen, wie sehr ihr Glaube ihr Leben und ihre politischen Entscheidungen prägt. Das ist ihr gutes Recht. Doch wie steht es um die weltanschauliche Neutralität eines Staatsoberhauptes, das auch die Hälfte der Bevölkerung repräsentieren soll, die keiner Religion angehört?

Ilse Aigner
Ilse Aigner (2026)

Keine Frage: Ilse Aigner gehört zu den Politikerinnen der CSU, die auch über die Parteigrenzen hinaus geschätzt werden. Die Präsidentin des Bayerischen Landtags ist zwar keine begnadete Rednerin und keine politische Intellektuelle, gilt aber als empathisch und den Menschen zugewandt. Im Gegensatz zu CSU-Chef Markus Söder pflegt sie einen eher zurückhaltenden politischen Stil. Und es war der bayerische Ministerpräsident, der sie als Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier ins Gespräch brachte. Ob aus echter Überzeugung oder aus parteipolitischem Kalkül sei dahingestellt. Immer wieder wurde vermutet, Söder wolle eine mögliche Konkurrentin um den CSU-Vorsitz auf diese Weise aus dem Weg räumen. Wie auch immer: Eine fundierte Begründung, warum sich seine Parteifreundin Aigner als Bundespräsidentin eignet, ist Söder bislang schuldig geblieben.

Friedrich Merz zögerte lange, aber der Druck wuchs. Inzwischen hat sich auch der Bundeskanzler dafür ausgesprochen, dass erstmals eine Frau das höchste Staatsamt übernehmen soll. Auf eine Kandidatin hat er sich allerdings noch nicht festgelegt. Die Entscheidung innerhalb der Union steht daher noch aus.

Eine überzeugte Katholikin im Schloss Bellevue?

Aigner ist überzeugte Katholikin und macht aus ihrem Glauben keinen Hehl. In einem Interview mit der Bild-Zeitung erklärte sie, der christliche Glaube habe ihr ganzes Leben geprägt. Besonders bemerkenswert ist eine andere Äußerung aus demselben Gespräch: „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man an nichts glaubt. Da muss man ja wahnsinnig viel Angst haben.“ Sie bezog sich dabei auf die Frage nach dem Glauben an Gott und nach dem Umgang mit dem eigenen Tod.

Wenn Ilse Aigner tatsächlich Bundespräsidentin werden möchte, müsste sie auch nicht-religiöse Menschen vertreten, die keine Kirche brauchen, um mit den Fragen des Lebens oder mit dem Tod umzugehen. Aigners Bemerkung zeigt, wie fremd ihr offenbar solche Lebensentwürfe sind.

Aigner beruft sich häufig auf das „christliche Menschenbild“ und sagt offen, dass ihr Glaube auch ihre politischen Entscheidungen beeinflusst. 2023 sprach sie sich dagegen aus, den Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Auch die Legalisierung der Sterbehilfe nach dem Vorbild anderer Länder lehnte sie mit Verweis auf ihre christlichen Überzeugungen ab. In beiden Fragen vertritt sie damit Positionen, die sich gegen die von der Mehrheit der Bevölkerung gewünschte Selbstbestimmung des Einzelnen wenden.

Auch Aigners Umgang mit religiösen Symbolen im staatlichen Raum ist aufschlussreich. Als Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ließ sie in einem Besucherraum ihres Ministeriums ein Kruzifix aufhängen. 2012 protestierten Politiker der Grünen und forderten, dass ein öffentlich zugänglicher Raum eines Ministeriums weltanschaulich neutral gestaltet sein solle. Aigner verteidigte die Präsenz des Kreuzes in ihrem Amt. Genau diese Trennung von persönlichem Glauben und staatlichem Amt sowie das Bewusstsein dafür sind aber für ein säkulares Staatsverständnis entscheidend.

Dabei ist Aigner keineswegs eine unkritische Verteidigerin kirchlicher Strukturen. Sie hat sich mehrfach zu Frauenordination, zum Pflichtzölibat und zum Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen geäußert. Das verdient Anerkennung. Wer kirchliche Missstände kritisiert, stellt damit nicht automatisch die gesellschaftliche Sonderstellung der Religion infrage.

Wer repräsentiert die Konfessionsfreien?

Mit Ilse Aigner würde erstmals eine Frau ins Bundespräsidialamt einziehen. Das wäre ein historischer Moment. Zugleich wäre sie nach Heinrich Lübke und Christian Wulff das dritte katholische Staatsoberhaupt. Alle anderen Bundespräsidenten waren Protestanten, darunter der bibelfeste Johannes Rau („Bruder Johannes“) und mit Joachim Gauck sogar ein ehemaliger Pfarrer. Der aktuelle Amtsträger Frank-Walter Steinmeier ist Mitglied einer evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in Berlin und hat bis dato für säkulare Themen keinerlei Verständnis gezeigt.

Die religiöse Zugehörigkeit eines Bundespräsidenten ist selbstverständlich kein Ausschlusskriterium. Das Grundgesetz (Artikel 33, Absatz 3) garantiert ausdrücklich, dass staatsbürgerliche Rechte und der Zugang zu öffentlichen Ämtern unabhängig vom religiösen Bekenntnis sind. Der Staat ist aber auch verpflichtet, sich gegenüber Religionen und Weltanschauungen neutral zu verhalten und sollte die gesellschaftliche Realität abbilden. Ende 2025 waren laut Daten der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) 48 Prozent der Bevölkerung konfessionsfrei. Die beiden großen Kirchen machten zusammen rund 44 Prozent aus. Dennoch waren die bisherigen Bundespräsidenten ausschließlich Angehörige der großen christlichen Konfessionen. Eine konfessionsfreie Person hat das höchste Staatsamt noch nie bekleidet.

Es geht nicht darum, Ilse Aigner ihren katholischen Glauben vorzuhalten. Aber es wäre an der Zeit, bei der Wahl des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin durch die Bundesversammlung endlich andere Perspektiven einzubeziehen. Ob eine Frau oder ein Mann das Amt übernimmt, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist, dass auch jemand eine Chance bekommt, der keiner Religionsgemeinschaft angehört.

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Ralf Nestmeyer

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller (zu seiner Website geht es hier). Er hat zahlreiche Reiseführer, Sachbücher und Krimis geschrieben und gehört zu den Gründungsmitgliedern von PEN Berlin.

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