Das ungesehene Leid von Menschen mit Behinderung im Sudan
Dem Sudan steht in El Obeid eine weitere humanitäre Katastrophe bevor. Besonders bedroht sind unter anderem Menschen mit Behinderung. Vergangene Berichte zeigen mit welcher eliminatorischen Verachtung die RSF gegen Betroffene vorgeht.
Foto: Albert González Farran / UNAMID via Flickr CC BY-NC-ND 2.0
Bereits seit 18 Monaten werden Hunderttausende Menschen in der Stadt El Obeid von Milizen der Rapid Support Forces (RSF) belagert. Nun warnen Ermittler des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen (UN) vor gleichen Gewaltexzessen, wie sie bereits in Al-Faschir dokumentiert worden sind. Nach dem Fall der Großstadt wurden dort durch die RSF Massenmorde, systematische Entführungen und Gruppenvergewaltigungen begangen. Die UN sprechen von deutlichen Merkmalen eines Völkermords.
Im Verhältnis zu seinem Ausmaß ist die Berichterstattung über den Bürgerkrieg im Sudan eher überschaubar. Eine Gruppe erhält dabei besonders wenig Aufmerksamkeit, obwohl sie auf ganz spezielle Art von Menschenrechtsverletzungen betroffen ist: Menschen physischer und geistiger Behinderung.
Körperlich Versehrte unter Generalverdacht
Ein Bericht von Human Rights Watch (HRW) aus dem vergangenen Februar legt nahe, mit welchen Konsequenzen Menschen mit Behinderung in El Obeid rechnen müssen, falls die Stadt von der RSF eingenommen wird. Er basiert auf Aussagen von Überlebenden und Zeugen, hauptsächlich aus Al-Faschir, aber auch aus anderen Teilen des Landes. Menschen mit Behinderung seien gezielt ins Visier genommen, misshandelt und getötet worden.
Ein 33-jähriger Mann auf Krücken berichtet, wie er und ungefähr 50 andere Personen, darunter Frauen und Kinder, auf der Flucht von den RSF gefangen genommen wurden. Die Kämpfer hätten sie verhört und jeden mit fehlenden Gliedmaßen als versehrten feindlichen Soldaten angesehen. Danach seien zehn Gefangene, die meisten davon mit physischen Behinderungen, vor dem Rest der Gruppe erschossen worden. Er selbst sei nur mit dem Leben davongekommen, weil seine Familie Lösegeld zahlen konnte. „Du bist ohnehin schon schwach und zerbrochen, deine Familie will dich sowieso nicht mehr“, soll einer der Kämpfer gesagt haben.
Keine Gnade für die Schwächsten
RSF-Milizionäre hätten einen jungen Mann mit Downsyndrom als „irre Person“ bezeichnet, beschreibt eine 29-jährige Krankenschwester aus Al-Faschir. Seiner Schwester, die ihn auf dem Rücken trug, sei befohlen worden ihn auf den Boden zu legen, wo er schließlich ermordet wurde. Danach soll sie gefesselt und verschleppt worden sein. Eine weitere Frau habe einen blinden Jungen im Teenageralter getragen. Auch ihr wurde befohlen, ihn abzusetzen. „Sie sagte: ‚Er kann nicht sehen.‘ Sie schossen ihm sofort in den Kopf.“
Zainab Salih, ehemalige Leiterin der Association of People with Disabilities in South Darfur, erzählt von einem Gespräch mit einem Vater, dessen körperlich behinderter 14 Jahre alter Sohn exekutiert wurde, nachdem RSF-Kämpfer seinen Rollstuhl beschlagnahmt und behauptet hatten, der Junge würde „andere aufhalten“. Weitere Aktivisten nennen ähnliche Fälle, in denen Familienangehörigen der beeinträchtigten Personen gesagt worden sei: „Lasst uns euch helfen, sie loszuwerden.“
„Man konnte ihnen einfach nicht helfen“
Viele Menschen mit Behinderung werden zurückgelassen. Oft fehle jegliches Fortbewegungsmittel, da die RSF selbst Schubkarren von Familien stehle, mit denen Angehörige transportiert werden. Ein Mann berichtet, wie er ohne seinen körperlich behinderten Bruder habe fliehen müssen: „Mein Bruder sagte zu uns: ‚Ich bin verloren, ich werde hier sterben. Bitte geht einfach mit euren Kindern und lasst mich hier zurück.‘ Wir konnten ihn nicht mitnehmen, es gab keine Autos, keine Kamele.“
Es werden Fluchtszenen geschildert, bei denen körperlich Beeinträchtigte von Angehörigen über weite Strecken getragen werden. Andere sollen versucht haben sich kriechend in Sicherheit zu bringen. „Es lagen Verletzte am Boden, Menschen, die Gliedmaßen verloren hatten und um Hilfe baten und man konnte ihnen einfach nicht helfen.“
Die größte Flüchtlingskrise weltweit
Vor mehr als drei Jahren war im Sudan ein Machtkampf zwischen der Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces zu einem Bürgerkrieg eskaliert. Die Brutalität trifft die Zivilbevölkerung mit großer Wucht. Mit fast 14 Millionen Vertriebenen handelt es sich um die größte Flüchtlingskrise weltweit. Knapp 20 Millionen Sudanesen sind von Ernährungsunsicherheit betroffen.
Laut Handicap International leben mindestens 4,6 Millionen Menschen mit Behinderung im Sudan. Das entspricht etwa 16 Prozent der Bevölkerung. Durch den Konflikt schwer verletzte, traumatisierte und chronisch kranke Personen sind in dieser Zahl noch nicht enthalten. Die gemeinnützige Organisation betont, dass es für Betroffene besonders schwierig sei an Hilfsgüter und medizinische Versorgung zu gelangen. Inklusive Hilfsmaßnahmen und spezialisierte Angebote würden nahezu vollständig fehlen. Zudem sei die Sterblichkeitsrate von Menschen mit Behinderung in Krisensituationen zwei- bis viermal höher als bei Menschen ohne Behinderung.
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