Linken-Politikerin fordert Ende aller Rüstungsexporte in die Türkei
"Nicht tatenlos zusehen"
Foto: Screenshot eines Videos: https://www.youtube.com/watch?v=px-hynKnRTY
Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Helin Evrim Sommer, fordert angesichts der türkischen Offensive gegen kurdische Milizen in Nordsyrien einen sofortigen Stopp aller Rüstungsexporte in die Türkei sowie einen Abzug der Bundeswehr vom Nato-Stützpunkt in Konya. "Waffen und Panzer, auch aus Deutschland, werden vom türkischen Staat immer wieder gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, ganz besonders gegen die kurdische. (…) Wer das unterstützt, macht knallharte Geschäfte auf dem Rücken der Kurden und der türkischen Opposition", erklärte Sommer im Interview.
Sommer, die selbst kurdischer Abstammung ist und deren Eltern 1980 aus der Türkei nach Deutschland geflohen sind, sprach sich außerdem für ein Rüstungsexportgesetz aus. Die bisher geltenden Richtlinien hätten zu viele Schlupflöcher, sie ermöglichen immer wieder Waffengeschäfte mit Ländern wie Saudi-Arabien, dem Jemen und der Türkei.
Frau Sommer, im Kampf gegen die Kurden im Norden Syriens setzt die Türkei Kampfpanzer ein, die Deutschland ihr in den 1990er Jahren ohne größere Auflagen geliefert hat. Muss die Bundesregierung nun tatenlos zusehen, wie mit Hilfe ihrer Waffen der Syrien-Konflikt weiter eskaliert?
Nein, sie darf nur nicht länger die Zuschauerrolle einnehmen. Das Vorgehen gegen die Kurden in der Provinz Afrin ist ein klarer Völkerrechtsbruch, ein Angriffskrieg auf die Bevölkerung eines anderen Staates. Die Bundesregierung muss das endlich offen sagen und klar verurteilen. Außerdem sollte sie ab sofort alle Rüstungsexporte in die Türkei stoppen. Waffen und Panzer, auch aus Deutschland, werden vom türkischen Staat immer wieder gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, ganz besonders gegen die kurdische. Da werden Dörfer plattgewalzt und Proteste blutig niedergeschlagen. Wer das unterstützt, macht knallharte Geschäfte auf dem Rücken der Kurden und der türkischen Opposition.
Nun ist die Türkei aber Nato-Mitglied. In aller Regel genehmigt die Bundesregierung Lieferungen an Bündnispartner, sonst ergibt eine solche Partnerschaft doch wenig Sinn.
Als Linken-Politikerin bin ich ohnehin keine Befürworterin der Nato, die gehört aufgelöst. Aber ungeachtet dessen ist es doch so, dass die Türkei die Regeln und Standards der Nato mit Füßen tritt. Deshalb sollte ihre Mitgliedschaft suspendiert werden.
Grundlage für die Waffenausfuhr in Deutschland sind seit dem Jahr 2000 die sogenannten Rüstungsexportrichtlinien. Viele Parteien, auch ihre, fordern jetzt eine gesetzliche Regelung. Was soll das ändern?
Ein gesetzliches Verbot wäre verbindlicher. Wir sollten ausschließen, dass Rüstungsgüter in Länder geliefert werden, in denen bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen und die demokratische Opposition niedergeschlagen wird. Das wäre ein klares Signal an Länder wie Saudi-Arabien, Jemen und die Türkei. Am besten wäre natürlich ein grundsätzliches Verbot, das sämtliche Waffen- und Rüstungsexporte untersagt. Die aktuellen Richtlinien haben zu viele Schlupflöcher, sie ermöglichen immer wieder Waffengeschäfte mit solchen Ländern, ohne dass die Bundesregierung mit Konsequenzen rechnen muss – auch weil die Öffentlichkeit kaum davon erfährt. Das muss sich ändern.
Stichwort Bundeswehreinsätze: Beobachter fürchten, dass die Lagebilder, die auch deutsche Soldaten bei Aufklärungsflügen über Syrien für die internationale Anti-IS-Koalition erstellen, von der Türkei für ihre Offensive gegen die Kurden missbraucht werden könnten. Die Flüge starten vom türkischen Nato-Stützpunkt Konya aus. Teilen Sie diese Sorge?
Ausdrücklich ja. Deshalb sollte die Bundeswehr sofort alle Soldaten aus der Türkei abziehen. Wir sollten nicht das Risiko eingehen, Teil dieses Krieges gegen die Kurden zu werden.
Die türkische Armee hat ihre Offensive praktisch im Alleingang ausgerechnet gegen jene Kurdenmilizen in Nordsyrien gestartet, die den "Islamischen Staat" (IS) erfolgreich mitbekämpft haben. Warum werden gerade sie jetzt zur Zielscheibe?
Mit der Offensive will der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan von den großen innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen im Land ablenken. Vor allem aber will er damit die Stimmen der Nationalisten gewinnen, ohne die er 2019 die Präsidentschaftswahlen nicht für sich entscheiden kann. Er hat die YPG-Milizen im Norden Syriens deshalb zu externen Feinden und Terroristen erklärt. Insgesamt sind ihm die demokratischen Entwicklungen in der Region ein Dorn im Auge. Er fürchtet, dass die mehr als 15 Millionen Kurden in der Türkei sich daran ein Beispiel nehmen könnten. Um das zu verhindern, hat Erdoğan sich mit syrischen islamistischen Terrormilizen verbündet, die als seine Bodentruppen die Kurden bekämpfen. Er exportiert damit den islamistischen Terror, anstatt ihn zu bekämpfen.
Was macht die Gegend um Afrin aus Sicht Erdoğans so bedrohlich?
Direkt an der türkischen Grenze ist dort im Zuge des Syrienkriegs ein de facto autonomes Kurdengebiet entstanden, in dem Werte wie Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit gelebt werden. Diese sozial fortschrittlichen Bestrebungen sind exakt das Gegenteil von dem, was Erdoğan in der Türkei durchsetzen will.
Fakt ist aber auch, dass nicht nur die Türkei, sondern auch der deutsche Verfassungsschutz die YPG-Milizen in Syrien als Schwesterorganisation der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK einstuft. Splittergruppen der PKK haben in den vergangenen Jahren in türkischen Städten blutige Anschläge verübt. Was entgegnen Sie Türken in Ankara oder Istanbul, die sich vor weiteren Attentaten fürchten und die Offensive Erdoğans deshalb unterstützen?
Um es klar zu sagen: Gewalt ist immer zu verurteilen, egal von welcher Seite sie kommt. Aber die Türkei war nie ein befriedetes Land. Es hat drei Militärputsche gegeben, seit 35 Jahren herrschen im Land bürgerkriegsähnliche Situationen. Ursache für den Kurdenkonflikt ist die strukturelle Gewalt des türkischen Staates. Meine Eltern sind 1980 aus der Türkei geflohen, weil sie auf der Todesliste der türkischen Militärjunta standen – nur weil mein Vater Gewerkschafter war und Kurde. Noch nie hat es eine türkische Regierung geschafft, die Kurdenfrage politisch zu lösen. Die Menschen haben es satt! Die Mehrheit der türkischen Kurden will keinen Terror, keine Gewalt, sie will endlich Frieden und Demokratie. Anstatt das türkische Regime mit Waffen zu stützen, sollte die Bundesregierung sich endlich für diesen demokratischen und progressiven Teil der Opposition einsetzen.
Die USA sind mit dem YPG-Milizen im Kampf gegen den IS verbündet und betreiben eine Ausbildungsbasis in der syrischen Stadt Manbidsch – in die Erdoğan seine Offensive nun ausweiten will. Droht eine direkte Konfrontation der Nato-Partner USA und Türkei auf syrischem Boden?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Türkei sich ernsthaft in einen Konflikt mit den USA begibt. Das ist für Erdoğan eine Nummer zu groß. Verlierer werden bei alldem – wie schon so oft in der Geschichte – die Kurden sein. Schließlich geht es jetzt in Syrien darum, eine Nachkriegsordnung aufzubauen. Die Großmächte – Russland auf der einen und die USA auf der anderen Seite – kämpfen um ihren künftigen Einfluss in der Region, die Kurden geraten zwischen die Fronten. So haben die Russen den türkischen Angriff mit ermöglicht, indem sie ihre Militärbeobachter von der Grenze zurückgezogen und den syrischen Luftraum für türkische Kampfflugzeuge freigegeben haben.
Und das syrische Regime? Ist es vorstellbar, dass die Türkei dort derart massive Angriffe durchführt, ohne Zustimmung oder wenigstens Billigung des Regimes in Damaskus?
Diktator Baschar al-Assad war noch nie ein Kurdenfreund, ihm kommt sicher sehr gelegen, dass die Türkei im Norden für ihn die Kurden bekämpft. Umso dringlicher ist es, dass die internationale Gemeinschaft endlich eine Lösung für die Kurdenfrage findet. Andernfalls wird es dort keinen Frieden geben. Das heißt nicht unbedingt, dass die Kurden einen eigenen Staat beanspruchen. Aber das Mindeste ist, dass man ihre kulturelle Identität, das Recht auf die eigene Sprache, anerkennt und ihnen politische Selbstverwaltungsrechte einräumt im Rahmen eines föderalen Staatsaufbaus.
Das Gespräch führte Johanna Metz für die heutige Ausgabe der Wochenzeitschrift "Das Parlament".
Kommentare (6)
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"ein de facto autonomes
"ein de facto autonomes Kurdengebiet entstanden, in dem Werte wie Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit gelebt werden"
Das wage ich doch noch etwas zu bezweifeln.
Doch, die
Doch, die Geschlechtergerechtigkeit gibt es bei der YPG/YPJ auf jeden Fall: Ob 12- 15jährige Kinder nun männlichen oder weiblichen Geschlechts sind- zwangsrekrutiert werden alle!
Zynismus hin oder her und
Zynismus hin oder her und manchmal passend - hier wirkt er eher aufgesetzt und unpassend.
Jetzt aber mit Sachte Frau
Jetzt aber mit Sachte Frau Sommer. Warum erklären Sie nicht als erstes, warum Ihre Eltern im Jahre 1980 aus der Türkei floh? Nun ja, ab den 70iger Jahren herrschte in der Türkei blutige Auseinandersetzung zwischen extrem linken Terrororganisation wie die Dev-Yol, TIKKO, DHKP-C,.. & zwischen den nationalisten wie die Grauen Wölfe. Pro tag starben immer ein dutzend Menschen auf beiden Seiten. Bis das türkische Militär im Jahre 1980 sich an die Macht putschte. Daraufhin flohen sehr viele linke Terroristen ins Ausland, vor allem nach Deutschland u. beantragten politischen Asyl wegen Verfolgung des türkischen Staates. Wie kann es sich um einen Völkerrechtsbruch handeln, wenn es bei Syrien, um ein von Bürgerkriegs zerrütteltes Land handelt. Wo diverse Terroristenorganisationen wie die ypg/pyd oder IS-Miliz Ihr Untrieben machen. Somit es es auch kein Angriffskrieg (der Beschuss ging von kurdischen terroristen aus) auf eine andere Bevölkerung von einem Land. Wie kann das sein, wenn die Türkei gezielt gegen die kurdische Terrororganisation vorgeht. Das ist eine Unterstellung, mehr nicht. Frau Sommer bitte die Wahrheit sagen u. die Türkei geht nicht gegen Ihre eigene Bevölkerung vor. Sondern bekämpft die kurdische Terrororganisation pkk, welches seit mehr als 30 Jahren blutige Anschläge in der Türkei verübt. Falsch ist, dass kurdische Dörfer plattgewalzt werden, korrekt ist das die Türkei die Bewohner von diversen Dörfern in die Städte in neuen Wohnungen umgesiedelt wurden sind. Der Grund ist, dass immer die pkk Terroristen sich nachts in die Dörfer schlichen u. mit gewalt proviant, Nachwuchsterroristen,..etc. mitnahmen. Das wollte die Türkei unterbinden. Auch will ich daran erinnern, dass Deutschland an die kurdische Terrororganisation ypg/pyd deutsche Waffen geliefert hat. Sehr viele Waffen kamen auch in die Hände der pkk. Das die Türkei innerpolitische u. wirtschaftliche Probleme hätte, ist frei erfunden. Erst vor kurzem hat die Türkei eine neuen Tunnel in Istanbul eröffnet, oder Bau des grössten Flughafen in Istanbul geht zügig weiter, der Kanalausbau in Istanbul geht auch weiter,...Wie kann man von demokratischen Entwicklungen in Nordsyrien sprechen. Wenn die kurd. Terrororganisation die anderen ethnien wie Turkmenen, araber,..etc. vertrieben hat. Ich erinnere nur an die grossen Flüchtlingsströme nach Europa u. in die Türkei. In der Türkei leben bis zu 4 Mio. Flüchtlinge die gerne wieder zurück nach syrien/Heimat möchten. Noch dazu die ungerechtigterweise Gebietsgewinne, die kurden von Vertrieben sich angeeignet haben. Die genaue Anzahl der kurden weltweit sind ca. bis zu 20-22 Mio. und in der Türkei leben ca. bis 9-11 Mio. kurden mehr auch nicht. Hier merkt man das die Frau Sommer die Unwahrheit sagt. Die türkische Streitkräften kämpfen zusammen, mit der Freien Syrischen Armee und nicht mit der IS-Miliz oder ähnlichem. Da kann ich nur müde lachen, die türkischen Streitkräfte haben in besetzten Dörfern, Bilder, Konterfei, ... vom pkk führer Öcalan gefunden. Das mit Geschlechtergerechtigkeit bezieht sich auf die kurden selber. Die Frauen werden vor allem im Südosten der Türkei, wo die kurden leben zwangsverheiratet. Egal wie alt das Mädchen ist und wievielte Ehefrau des Mannes wird. Deshalb flüchten auch sehr viele junge Mädchen zur Terrororganisation pkk, pyd oder ypg um sich als Terroristen auszubilden. Werden in Karl Marx u. Lenin theorien eindoktriniert. Soviel zur Demokratieverständnis. Die kurden in der Türkei haben die gleiche Rechte wie die Türken selber. Auch werden Sie nicht systematisch Unterdrückt. Wenn das so wäre, dann würde es keine kurdische Prominente wie der Sänger Ibrahim Tatlises, der Sänger (Produzent, Regisseur) Mahsun Kirmizigül, der Schauspieler Yilmaz Erdogan, die Sängerin Yildiz Tilbe,...u.v.m in der Türkei geben. Genau genommen gibt es keine kurdenfrage, sondern eher ein Terrorproblem. Die pkk wurde gegründet mit dem Ziel ein eigenes sozialistisches Land zu gründen. Die pkk möchte offen Landraub begehen von Ihr geträumtes Land zu erschaffen. Mehr auch nicht. Deshalb sabotiert die pkk seit mehr als 30 Jahren im Südosten der Türkei die Investitionen die Türkei tätigt. Wenn Assad kein kurden Freund ist, warum haben dann die kurden in syrien den Assad zu hilfe gerufen?
Deutschland lieferte nie
Deutschland lieferte nie Waffen an die YPG, sondern an die irakischen Peschmerga. Nicht verwechseln!
Die Forderung, die Türkei
Die Forderung, die Türkei nicht mehr zu unterstützen, unterstütze ich voll und ganz, unabhängig davon, ob in den Kurdengebieten demokratische Strukturen vorhanden sind oder nicht. Deutsche Soldaten gehören schon längst aus der Türkei abgezogen. Im übrigen könnten ja auch die Kurden mit entsprechenden Waffen versorgt werden, damit eine gewisse Waffengleichheit hergestellt wird. Das ist zwar keine gute Lösung, aber eine bessere als nichts zu tun.