Kolumne: Sitte & Anstand

Keingotthase

Til Schweiger wird jetzt spirituell. Wenn er es schafft. Hat er zuletzt wissen lassen. Ob es ihm gelingen wird, das weiß er noch nicht.

Das klingt ein bisschen so wie: Ich lerne jetzt Urdu. Oder: Beim Bouldern mal bis ganz unter die Decke – das wär's! Seine Arbeitskollegin Heike Makatsch, so erfahren wir, sekundiert mit der erleuchteten Erkenntnis: Nicht der kurze Zeitraum, den wir Menschen auf dem Erdball herumliefen, sei entscheidend, sondern es gebe "noch größere Kreisläufe". Wobei ja, will man streng sein, der Erdball eher Kugel- statt Kreisläufen gebietet. Aber das ist sicher zu beengt gedacht.

Til Schweiger (2018), Foto: © Blanka Borová (Karolína Černá), CC BY-SA 4.0
Til Schweiger (2018), Foto: © Blanka Borová (Karolína Černá), CC BY-SA 4.0

Leute wie Til Schweiger braucht so ein Land. Er führt das Denken in ganz neue Sphären, er reißt Mauern ein, macht den Weg frei. Er sagt, vieles wäre einfacher, wenn man an etwas Höheres glauben würde, und damit hat er dann wohl das Geheimnis der Spiritualität auf den Punkt gebracht. Spiritualität – check? Jo Mann Digger! Zack, wird man richtig dolle veredelt, auch der Dümmste und Verschwitzteste noch, es gibt eine Unsterblichkeit aufs Leben oben drauf, und die Nervenruhe, die mit ihr einhergeht. Man muss eben nur fleißig trainieren. Man muss gewissermaßen eine Delle ins Hirn boxen, in die der Glaube noch reinpasst. Ob Til diese Aufgabe meistern wird?

Wir haben wenig Zweifel daran. Eine Vorstellung von der Hölle hat er schon: Nämlich während einer Pandemie zu Hause zu sein (Elbnähe), ohne arbeiten zu können. Biophysikalischen Götzendienern wie Christian Drosten oder dem Robert-Koch-Institut tritt er gern mal vors Knie.

Und dem Intensivchristen und Verschwörungsdurchschauer Xavier Naidoo ist er schon öffentlichkeitswirksam zur Seite gesprungen.

Man kann sagen: Er fängt an, sich von den Fesseln dieser materiellen Welt, von Wissenschaft und Logik zu lösen. Wundervoll! Einen Film, den Til Schweiger dann in ein, zwei Jahren über seine Erweckung dreht, würde man wirklich sehen wollen, in der Kategorie: beste Komödie.

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Kommentare (7)

Roland Fakler (nicht überprüft)

Mi. 14 Okt 2020 - 13:55

Künstlern, und nicht nur ihnen, fällt es manchmal schwer zwischen Spiritualität = Fantasie und Realität zu unterscheiden. Während uns die Fantasie grenzenlose Möglichkeiten bietet, erinnert uns die Wirklichkeit gnadenlos an die ehernen Gesetze der Natur. Bleibt die Frage, auf welchem Weg wir das Leben eher meistern. Im Vollrausch mag mancher glücklich sein, aber auch leichter gegen Laternenpfähle laufen.

Konrad Schiemert (nicht überprüft)

Mi. 14 Okt 2020 - 15:14

Viele Leute benutzen die Corona-Krise die "große Bühne" zu betreten, um sich zu profilieren oder einfach in die Schlagzeilen zu kommen. Till Schweiger hätte so etwas nicht nötig. Es ist nicht seine Baustelle.

Christian Meißner (nicht überprüft)

Mi. 14 Okt 2020 - 16:58

Auf der Klaviatur der Emotionen spielt Til Schweiger stets die Töne an, die Dissonanzen erzeugen - um dann später wieder ins Harmonische zu wechseln. Damit verdient er sein Geld. Meiner Meinung nach ist das keine Frage von "Sitte und Anstand", sondern schlicht des individuellen Geschmacks. Das ist wie bei jeder anderen Musik: Kann man hören, kann man analysieren, kann man auch kritisieren. Man kann ebenso einen großen Bogen darum machen. Ganz wie es beliebt.

Rene Goeckel (nicht überprüft)

Mi. 14 Okt 2020 - 17:02

Habe 50,- gewettet, das er der nächste Aluhut wird.

David See (nicht überprüft)

Do. 15 Okt 2020 - 10:25

mal off Topic. ich frage mich wieso die CDU nicht die Bischöfe und ZDK zum umgang mit der corona-krise befragen und dann folgen, die wissen doch sonst auch immer alles für jede Lebenslage.

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