Die evangelikale Aktion "Weihnachten im Schuhkarton"

Missionierung in Geschenkpapier

In der Weihnachtszeit macht man gern Geschenke und spendet bereitwillig für einen guten Zweck. Als geschickte Verbindung von beidem inszeniert sich die Aktion "Weihnachten im Schuhkarton", veranstaltet von einer Organisation namens "Samaritan's Purse". Alljährlich ruft sie dazu auf, kleine Präsente wie Kleidung, Hygieneartikel, Stofftiere und Spielzeug, Schulmaterial oder Süßigkeiten in eine Schuhschachtel zu packen und an einer Sammelstelle abzugeben.

An der Aktion beteiligen sich Kitas, Schulen Kirchengemeinden, aber auch Unternehmen. Die Sammlungen finden in zahlreichen Ländern statt.Nach Angaben von "Samaritan‘s Purse" hat die Aktion seit den Anfängen 1993 über 178 Millionen Kinder in mehr als 150 Ländern weltweit erreicht. 2019 sollen 10.569.405 Schuhkartons weltweit gepackt worden sein, davon 326.491 in Deutschland. Hinzu kommen 7.507 Online-Kartons aus Deutschland. In diesem Jahr gehen die Sendungen schwerpunktmäßig nach Osteuropa.

"Samaritan's Purse" feiert die Aktion gern als nachhaltig. Wer mitmacht und liebevoll einen Karton zusammenstellt, darf also hoffen, dass seine gute Tat sich über längere Zeit stark auswirkt. Wie in der Erzählung vom barmherzigen Samariter, der für Unterkunft und medizinische Versorgung eines Verletzten aufkommt und als Sinnbild für aktive Hilfeleistung bekannt ist.

Wer genauer wissen möchte, was sich die zeitgenössischen, selbsternannten "Samariter" unter Nachhaltigkeit vorstellen, muss schon ein wenig recherchieren. Auf Faceboook verrät die Organisation es: "Nach einer Schuhkartonverteilung werden die Kinder eingeladen, am Kurs 'Die größte Reise' teilzunehmen." Den Kindern (und oft auch deren Familien) erzählt man, "dass Gott sie liebt und es Hoffnung für ihr Leben gibt. Sie entdecken ihr Potenzial und bekommen neue Perspektiven für ihre Zukunft." Wie man sich dieses Potenzial genau vorzustellen hat, wird nicht verraten. Von Entwicklungszusammenarbeit und Bildungsangeboten jedenfalls keine Spur. Umso eindeutiger ist der Verweis auf bloße Wohlfühlgeschichten.

Seit 1996 läuft das Projekt in Deutschland, zuerst unter der Ägide der "Billy Graham Evangelistic Association", seit 2002 wird es von der Organisation "Samaritan's Purse" (früherer Name: "Geschenke der Hoffnung") getragen.

Aber wer steckt eigentlich hinter "Samaritan's Purse"? Präsident der Organisation ist der evangelikale US-Pastor Franklin Graham. Der Sohn des berüchtigten Predigers Billy Graham sorgte zuletzt im Frühjahr 2020 für einen Eklat, als er von Ärzt:innen und Pflegekräften im Corona-Behelfskrankenhaus der Organisation in New York City eine Art Glaubensbekenntnis verlangte. Da überrascht es nur wenig, dass bei "Weihnachten in Schuhkarton" "Hexerei- und Zaubereiartikel" sowie "Glücksspielkarten" (z.B. Skat) als Geschenke ausdrücklich verboten sind.

Weitaus schlimmer als der Verzicht auf Zauberkästen und Harry-Potter-Merchandise werten Beobachter die Tendenz zur Missionierung für einen rückständigen Glauben. Selbst Kirchenleute warnen in Deutschland vor der Aktion, so wird in der katholischen Kirche teils offen von der Teilnahme abgeraten.

Ein anderer Kirchenmann, der Pastor Uwe Schmidt-Seffers aus Nienhagen (Mecklenburg-Vorpommern), weist kritisch auf die Verbindungen zwischen "Samaritan's Purse" und Donald Trump hin. Schmidt-Seffers: "Ich weiß, dass Menschen, die die Aktion 'Weihnachten im Schuhkarton' unterstützen, nur das Beste wollen, aber auf diese Weise macht man sich zum Helfershelfer einer Organisation, die ein Christentum vertritt, das spaltet statt zu versöhnen!"

Dass sich das bevorstehende Fest vorzüglich ohne fromme Märchen feiern lässt, darauf weist der KORSO-Vorsitzende Dr. Rainer Rosenzweig hin. Wer dazu beitragen will, die Lebensbedingungen von Menschen weltweit zu verbessern, dem oder der stehen viele Möglichkeiten offen. "Ein Großteil der heutigen Menschen wartet nicht auf das Jesuskind, sondern auf Problemlösungen", ist Rosenzweig überzeugt.

Unterstützen Sie uns bei Steady!

Kommentare (3)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Di. 22 Dez 2020 - 16:03

Davon habe ich, ganz ehrlich, noch nie zuvor gehört. Liegt vllt. daran, dass ich nicht ins Beuteschema der Aktion passe.
Als penetranter empfinde ich jetzt die Bettelbriefe - immer ab ca. 10. Dez. im Postkasten. Das hat seit Jahren wohl verifizierte Methode, die bei mir jedoch nicht anschlägt.

Giordano Bruno (nicht überprüft)

Mi. 23 Dez 2020 - 13:11

Diese Leute lassen nichts aus um uns zurück in mittelalterliche Strukturen zu führen, deren Machtbedürfnis ist so ausgeprägt, dass diese vor keiner Schandtat halt machen, genau die Denkungsart eines Donald Trump.
Mit Geschenken locken und dabei Kinder missionieren, hinterhältiger gehts´nimmer.

Assia Harwazinski (nicht überprüft)

Di. 29 Dez 2020 - 08:33

Es ist ganz einfach, im Bekannten- und Freundeskreis klar zu sagen, ob und - wenn ja - was man evtl. braucht, wenn man selbst gerade keine Möglichkeiten dazu hat, sich etwas zu beschaffen, aus welchen Gründen auch immer. Wer Freude und Spass am Schenken hat, kann entsprechend nachfragen, bevor es Verlegenheitsgaben gibt, die dann zu Aktionen wie "Schrottwichteln" führen oder gleich in den Müll wandern (wobei "Schrottwichteln" als kurzweiliges, lustiges Gesellschaftsspiel gestaltet werden kann). Was man selbst nicht braucht, kann man weiterverschenken. Man sollte/muss jemanden schon etwas kennen, auch etwas besser, um nicht falsch zu liegen, und Nachfragen kostet nichts. Hilfe für Bedürftige geht einfach: Man kann Tüten voll Lebensmittel oder brauchbare Sachen an Mädchen-, Männer- und Frauenwohnheime abgeben, an Obdachlosenunterkünfte oder ähnlich gelagerte Einrichtungen.

Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

Weitere Artikel der Autorin
Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel