Es gibt Fußballgötter wie Toni Turek, Pelé oder Diego Maradona. Das sind Menschen, die Außergewöhnliches im Fußball geleistet haben und deshalb von ihren Fans verehrt werden. Und dann gibt es den Gott des deutschen Nationalspielers Felix Nmecha, der offenbar nicht mehr damit zufrieden ist, nur sonntags in der Kirche angebetet zu werden, sondern neuerdings auch bei Länderspielen verherrlicht werden will.
Für manche Menschen ist Fußball eine Religion, für andere ein Religionsersatz. Beides kann man seltsam finden, aber wenigstens bleibt es im Stadion. Problematisch wird es, wenn überzeugte Christen den Fußballplatz zunehmend als Missionsbühne missbrauchen.
Felix Nmecha gehört zu dieser Kategorie. Der Mittelfeldspieler der deutschen Nationalmannschaft steigt demonstrativ mit der Bibel unter dem Arm aus dem Mannschaftsbus, kniet nach Toren auf dem Rasen nieder und legt symbolisch eine imaginäre Krone für Jesus Christus ab. Eine Aktion zum Fremdschämen. Nun kann jeder glauben, was er möchte. Doch Nmecha belässt es nicht bei seinem persönlichen Glauben. Er versteht sich erkennbar als Träger einer religiösen Botschaft, die möglichst viele Menschen erreichen soll, weshalb er auch beständig seine Mitspieler in Dortmund zum Kirchgang auffordert.
Bibelkreis mit dem Gegner
Nach Ende des mit 7:1 gewonnenen Auftaktspieles rief Nmecha seine Mitspieler und seine Gegner auf, gemeinsam zu beten. Jonathan Tah und fünf Fußballer aus Curaçao folgten der Einladung und bildeten mit verschränkten Armen betend einen Kreis. Im anschließenden Interview in der ARD darauf angesprochen, erklärte Nmecha seine Motivation: "Im Spiel sind wir Gegner, aber nach dem Spiel sind wir alle Christen, wir sind Brüder. Dann haben wir einfach ein kleines Gebet zusammen gemacht. Wir sind immer noch sehr dankbar, vom Ergebnis her ist es natürlich schön für uns. Im Ganzen glauben wir alle, dass Jesus verherrlicht wird durch das Spiel. Deswegen sind wir zusammengekommen und haben mal kurz gebetet."
Spätestens an diesem Punkt wird es theologisch interessant. Wenn Jesus durch einen Kantersieg gegen Curaçao verherrlicht wird – wer ist dann für Eigentore, verschossene Elfmeter und grobe Fouls zuständig? Der Teufel? Und wenn Jesus durch ein Fußballspiel verherrlicht werden kann, funktioniert das auch durch Golf, Triathlon oder Skispringen?
Natürlich ist Nmecha nicht der einzige Fußballer mit religiösen Überzeugungen. Brasiliens Neymar läuft regelmäßig mit der Aufschrift "100 Prozent Jesus" herum, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi bekreuzigen sich nach Toren. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Dortmunder Bundesligaprofi Teil eines freikirchlichen Netzwerks ist, das den Sport gezielt als Missionsfeld begreift. Mit Projekten wie "Fußball mit Vision" oder "Ballers in God" sollen insbesondere Kinder und Jugendliche erreicht und an eine freikirchliche Ausprägung des Christentums herangeführt werden. Der Übergang zwischen Jugendarbeit, Mission und ideologischer Einflussnahme ist dabei mitunter fließend. Das Ganze ist auch ideologisch problematisch: "Ballers in God"-Gründer John Bostock ist eng mit dem evangelikalen Prediger Ben Fitzgerald ("Awakening Europe") befreundet, der Homosexualität mit Gebeten heilen will.
Deshalb ist es befremdlich, wenn Politiker wie der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Konstantin von Notz solche Gebetsaktionen begeistert in sozialen Medien verbreiten. Würde nach jedem Spiel eine andere Religionsgemeinschaft versuchen, Spieler und Publikum für ihre Glaubensüberzeugungen zu gewinnen, wäre die Irritation vermutlich deutlich größer.
Felix Nmecha wird sich auch künftig als gläubiger Christ präsentieren. Das kann er in seinem privaten Umfeld gerne machen. Das ist sein gutes Recht. Doch genauso legitim ist die Frage, ob Nationalspieler Fußballstadien für religiöse Werbung nutzen sollten. Fußball lebt von Pässen, Dribblings und Toren, aber nicht von Bekehrungsversuchen. Bayern-Spieler Jonathan Tah hat angekündigt, dass es nach den nächsten DFB-Spielen ähnliche Szenen geben wird, um die eigenen Werte zu vermitteln. Man muss befürchten, dass bald der erste Spieler (Antonio Rüdiger?) bei der WM seinen Gebetsteppich ausrollt…
Bundestrainer Julian Nagelsmann sollte dem Treiben Einhalt gebieten. Der Fußballplatz ist kein Gotteshaus. Und das Stadion kein Missionsgebiet. Die Fans kommen, um ein Spiel zu sehen, nicht um Teil eines Bibelkreises zu werden. Die Trennung von Sport und Religion ist ebenso wichtig wie die Trennung von Staat und Religion.






Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.