Veranstaltungsbericht
Rechtsruck und Souveränität: Politische Philosophie im Praxistest
Vorgestern war Prof. em. Ulrich Steinvorth bei den Skeptics in the Pub Hamburg zu Gast. Steinvorth war lange Jahre Professor für Praktische Philosophie an der Universität Hamburg und gehört zu Deutschlands profiliertesten politischen Philosophen. An diesem Mittwochabend widmete sich sein Vortrag der Frage, ob ein Mehr an Souveränität ein geeignetes Mittel sei, den weithin zu beobachtenden Rechtsruck zu bekämpfen, und welche Antworten die politische Philosophie zu diesem Thema beizutragen hat.
Foto: © Sebastian Schnelle
Steinvorth bemerkte, dass sich erstaunlicherweise kaum philosophische Stimmen zu aktuellen Krisen äußerten, obwohl es der Anspruch der politischen Philosophie sein müsse, auch etwa zum Krieg in der Ukraine, zwischen Israel und Palästina oder anderen Konfliktherden gute Begründungen zu liefern. Denn darum müsse es in der Philosophie gehen: nicht nur Positionen zu verkünden, sondern auch zu begründen. Ausgehend von den Vorstellungen Jean Bodins entwickelte Steinvorth Überlegungen dazu, was heute einen Staat legitimiere. Die Vorstellungen des Absolutismus, wo Souveränität ein uneingeschränktes Recht auf Gesetzgebung des modernen Monarchen darstellte, seien nur bürgerlich transformiert worden, in der Form der Volkssouveränität, wie sie sich auch im Grundgesetz in Artikel 20 wiederfindet.
Diese Vorstellung vom Volk als uneingeschränktem Souverän kann jedoch in eine Tyrannei der Massen führen. Entsprechend entwickelten sich historisch gesehen Vorstellungen von Naturrechten, die jedem Menschen qua Menschsein zustehen. Diese Naturrechte, die heute in der Form der Menschenrechte auch verbrieft sind, stehen in einem Spannungsverhältnis zur Volkssouveränität als absolutem Recht auf Gesetzgebung. Es sei wichtig, zu verstehen, dass Selbstbestimmung als Selbstbestimmung des Individuums über seine eigenen Belange in der Form der Menschenrechte etwas anderes sei, als die Selbstgesetzgebung des Volkes als Souverän. Aus Sicht Steinvorths sollten die Bemühungen bei einer Bekämpfung des überall stattfindenden politischen Rechtsrucks mehr auf die Sprache der Menschenrechte als auf die Sprache der oft beschworenen Volkssouveränität, als “unserer” Demokratie, setzen.
Die Skeptics in the Pub sind eine weltweite Bewegung, die Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft niederschwellig in die Bevölkerung tragen will, um dieses Wissen der Gesellschaft zugänglich zu machen. Die Treffen finden öffentlich in Pubs und Bars statt, wo man bei einem kühlen Getränk Vorträgen lauschen kann, die sonst eher in gediegener Atmosphäre stattfinden. Anschließend besteht die Möglichkeit, den Vortragenden Fragen zu stellen und mit anderen Gästen zu diskutieren. Mit diesem Konzept sollen breitere Bevölkerungskreise angesprochen werden, als es im universitären Umfeld der Fall ist. Die Themen reichen von der Wissenschaftskommunikation naturwissenschaftlicher Erkenntnisse aus Biologie, Physik und anderen Fachbereichen über geistes- und sozialwissenschaftliche Befunde bis zu eher humorigen Themen, wie beispielsweise der Frage, ob sich die Wahrscheinlichkeit berechnen lässt, mit der im schottischen Loch Ness tatsächlich ein Monster lebt. Gruppen existieren in Deutschland unter anderem in Hamburg, München und Berlin. Auch in Österreich existiert eine verbundene Gruppe in Wien.
Die Hamburger Skeptics in the Pub treffen sich jeweils − mit Ausnahme einer kurzen Sommer- und Weihnachtspause − am dritten Mittwoch im Monat in der “Mathilde Bar” in Hamburg-Ottensen, der Eintritt ist frei. Weiter geht es am 16. September mit einem Vortrag des Donaldisten Hans von Storch über Entenhausen.