Glosse
Willkommen in der Hölle
Die Hitzewelle von Ende Juni hat europaweit historische Temperaturrekorde gebrochen und eine fünfstellige Zahl an Menschen getötet. Laut Robert-Koch-Institut starben in Deutschland innerhalb von zwei Wochen über 6.000 Menschen an der Hitze. Gut, dass wir die Dringlichkeit der Situation mittlerweile alle begriffen haben. Haben wir nicht? Tragisch – aber immerhin gut für die Rentenkasse.
Foto: Matt Hrkac via Flickr CC BY 2.0
Kleine Quizfrage vorweg: Welches war das tödlichste Naturereignis in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg?
Tsunami? Erdbeben? Ausbruch des Vesuv? Nichts da. Es war der „Jahrhundertsommer“ von 2003. Mehr als 70.000 Menschen starben in 16 europäischen Staaten an den Folgen der Hitze, davon schätzungsweise 7.000 in Deutschland.
Zeitsprung ins Jahr 2026. Es ist der 29. Juni und Deutschland schwitzt nicht einmal mehr, so schwül ist es. Was sich da über Europa gebildet hat, ist ein „Heat Dome“ (über die deutsche Übersetzung wird noch verhandelt). Dieses Phänomen wirkt wie ein Druckkessel auf die betroffenen Gebiete und führte unter anderem in Deutschland, Spanien, Ungarn und der Schweiz zu Temperaturrekorden.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt1 die Zahl der Hitzetoten in Deutschland bis einschließlich 5. Juli auf – Trommelwirbel bitte – 6.830. 810 Personen bis Kalenderwoche 25, 4.310 Personen in Kalenderwoche 26 und nochmal 1.710 Personen in Kalenderwoche 27. Und laut meiner Uhr ist 2003 noch kein Jahrhundert her.
An der Heiden M., Zacher B., RKI-Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke M, Bremer V: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 25/2026 vom 02.07.2026; Robert Koch-Institut | DOI: 10.25646/14288
An der Heiden M., Zacher B., RKI-Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke M, Bremer V: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 26/2026 vom 09.07.2026; Robert Koch-Institut | DOI: 10.25646/14292
An der Heiden M., Zacher B., RKI-Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke M, Bremer V: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 27/2026 vom 16.07.2026; Robert Koch-Institut | DOI: 10.25646/14295
Keine Punchline, keine auflockernde Pointe. Das ist, was die linksgrünversifften Klimaspinner meinen, wenn sie sagen: Die Klimakrise kommt nicht, sie ist da. Sie hat uns längst die Tür eingetreten, das Schnapsfach leergesoffen und auf den Teppich…naja. Jetzt dürfen wir die Suppe ausschwitzen.
Lebensbedrohliche Hitzewellen sind kein Ausnahmezustand mehr
Es war 2003 bereits offensichtlich, dass lebensbedrohliche Hitzewellen kein Ausnahmezustand mehr sein werden. Kein Kuriosum, über das man staunt, sondern Regelmäßigkeit, an die wir uns gewöhnen müssen. Trotzdem haben wir in den letzten 20 Jahren lediglich homöopathischen Klimaschutz betrieben, von Anpassung ganz zu schweigen. Und so ringen wir acht Jahre nach der Hitzewelle von 2018 (mit knapp 8.000 Toten in Deutschland) erneut mit an Unbewohnbarkeit grenzenden Asphaltwüsten, beschönigend „Städte“ genannt.
Sehen Sie, ich habe Yoga in Südindien gelernt. Ich stand bei 42 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit minutenlang auf einem Bambusboden auf meinen Händen. Und das geht klar, weil die Bausubstanz kaum Wärme speichert und die Gebäude hervorragend belüftet sind. Der Körper mag für ein paar Stunden die Kühlgrenztemperatur überschreiten, kommt aber in den Abendstunden wieder runter.
Gebäude und Städte allerdings funktionieren so nicht mehr. Sie sind die perfekten Wärmespeicher – so haben wir sie schließlich auch konstruiert, mit Heizkoeffizient, Stadtautobahn und allem drum und dran. Was dazu führt, dass die Kühlgrenztemperatur nicht nur für ein paar Stunden erreicht wird, sondern für Tage. Wir rösten uns in selbstgebauten Backöfen.
Eine direkt im Anschluss an den Heat Dome durchgeführte Untersuchung der World Weather Association führt die Vehemenz der Hitzewelle direkt auf den menschengemachten Klimawandel zurück. Eine vergleichbare Hitzewelle wäre 1976 tagsüber 3,5 Grad Celsius und nachts 2,4 Grad Celsius kühler gewesen. Im Jahr 2003 wäre die Temperatur tagsüber 2 Grad Celsius und nachts 1,3 Grad Celsius niedriger gewesen: „Der Temperaturanstieg war so dramatisch, im Klima von 1976 hätten wir das niemals so beobachten können. Selbst vor 23 Jahren, im Jahr 2003, wäre die Wahrscheinlichkeit dafür sehr, sehr gering gewesen“, so Leadautor Theodore Keeping vom Imperial College London.
Von allen Kontinenten erwärmt sich Europa am schnellsten, was im wahrsten Sinne des Wortes sonnige Aussichten sind. Aber Probleme sind ja bekanntermaßen nur dornige Chancen. 83 Prozent der vom RKI geschätzten Todesfälle sind Personen über 75. Und nachdem das Coronavirus die Sozialversicherungen nicht sanieren konnte, macht das jetzt halt die Klimakrise. Oder glauben Sie allen Ernstes, die Aktionär*innen genehmigen freiwillig Klimaanlagen in privatisierten Pflegeheimen? Denken Sie doch mal an die Marge, der Trend geht zum Drittporsche! Unangenehm, aber so haben Millenials und Gen Z wenigstens wieder Aussicht auf Arzttermin und Alterssicherung. In diesem Sinne: Drill, Baby, Drill!
1 Wöchentlich aktualisierter Bericht zur hitzebedingten Mortalität. Archiv abrufbar hier.
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