Glosse
Kardinal Marx freut sich über 22 neue Leichtmatrosen und manche Medien feiern mit
Am vergangenen Sonntag gab es in München eine „Weltpremiere“: Kardinal Marx feierte zum ersten Mal einen eigenen Taufgottesdienst. Medial flankiert von der Süddeutschen Zeitung und dem Bayerischen Rundfunk wurden 22 neue Mitglieder an Bord des leckgeschlagenen Ozeandampfers „HMS Unfehlbarkeit“ begrüßt.
Foto: © Frank Schulenburg, WIkipedia CC BY-SA 4.0
Feierlich trat der sturmerprobte Kapitän Reinhard Marx am letzten Sonntag in der Jesuitenkirche St. Michael mit einem vergoldeten Kelch vor den Altar, um neue Besatzungsmitglieder an Bord zu nehmen. Statt Champagner, wie bei einer Schiffstaufe, gab es nur geweihtes Taufwasser.
Besonders erfreulich: Nach 11 im Vorjahr haben dieses Mal 22 neue Leichtmatrosen angeheuert. Sie hatten zuvor in München spezielle Segel- beziehungsweise Taufkurse absolviert, um den von zahlreichen Skandalen erschütterten Ozeandampfer „HMS Unfehlbarkeit“ vor dem drohenden Untergang zu bewahren. Erwachsene Seeleute anzuheuern, ist bekanntlich schwer, und so war Kapitän Marx froh, Konvertiten sowie unerfahrene Landratten aus der Türkei, Bulgarien, Portugal, Marokko, Kroatien, Russland und Indien an Bord des altersschwachen Schiffes begrüßen zu können.
22 Taufen und ein großes Medienecho
So weit, so gut. Verwunderlich ist allerdings, welchen Aufwand manche Medien für dieses Ereignis betrieben haben. Die katholische Kirche konnte sich über eine Berichterstattung freuen, die aus einer überschaubaren Zahl von Taufen eine kleine Erfolgsgeschichte machte. Für die Einordnung hilft ein Blick auf die Statistik: 2025 kehrten 25.149 Menschen im Erzbistum München und Freising der katholischen Kirche den Rücken. Im selben Jahr ließen sich dort 164 Menschen ab 14 Jahren taufen. Die 22 Taufen vom Sonntag sind also durchaus erwähnenswert für die Kirche, ändern aber wenig an der Größenordnung des Mitgliederschwunds.
Irritierend ist vor allem, wie viel Aufmerksamkeit das Thema nicht nur beim kirchennahen Bayerischen Rundfunk (auf der Homepage wie im Radio in den Programmen BR24 und BR3), sondern auch in der Süddeutschen Zeitung erhielt. Ernsthaft: Ist es relevant, dass sich 22 Menschen taufen lassen? Nein – es ist eine Petitesse, und es mag Medien wie katholisch.de oder diverse Münchner Kirchenblätter freuen, aber es ist keine Nachricht mit überregionaler Bedeutung. Ist es zu viel verlangt, dies objektiv einzuordnen?
Besonders viel Platz räumte die Süddeutsche Zeitung ihrer Autorin Annette Zoch ein. Bereits Tage vor dem Taufgottesdienst berichtete sie im Politikteil (!) unter der Überschrift „Und plötzlich war es da: ihr Bedürfnis, sich taufen zu lassen“ über die 33-jährige Münchnerin Antonia Sophie Urbas-Ulbrich, die als Erwachsene zum Glauben gefunden hat und sich auf den Taufgottesdienst freut. Gleichzeitig erschien in der Münchner Abendzeitung ein Artikel von Maja Aralica über die bevorstehende Taufe von Frau Urbas-Ulbrich und auch der Bayerische Rundfunk versorgte seine Hörer mit belanglosen Details über ihren Weg zu Gott.
Natürlich darf über Menschen berichtet werden, die sich für eine Taufe entscheiden. Aber warum erhält eine persönliche Glaubensgeschichte so viel journalistische Aufmerksamkeit, während die deutlich größere Zahl der Kirchenaustritte nur als statistische Notiz abgehandelt wird? Wenn 22 Menschen an Bord gehen, ist das eine kleine Geschichte. Wenn Zehntausende das Schiff verlassen, ist das eine bedeutende Information, die eine große Hintergrundrecherche verdient.
Schiff ahoi!
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