Analyse

Die "Evolutionspädagogik": eine Pseudowissenschaft

Die Evolutionspädagogik behauptet, auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu agieren, wirksame Heilmethoden in der Beratungs- und Therapiepraxis entfalten zu können und der „herkömmlichen“ Pädagogik überlegen zu sein. Doch diese Versprechen kann sie nicht halten.

Kinder

Vor ein paar Wochen kam ich bei einem Spaziergang auf dem Markt zufällig mit einer älteren Dame ins Gespräch, die als Lehrerin an einem Gymnasium Biologie unterrichtet. Nach kurzem Smalltalk kamen wir schließlich auf die Evolutionstheorie zu sprechen, und sie berichtete mir von einem pädagogischen Ansatz einer ihr bekannten Erzieherin, die auf „evolutionärer Basis“ Kinder „therapieren“ würde. Die Rede war von der „Evolutionspädagogik“. Was das genau ist, konnte sie mir leider nicht beantworten.

Als klinischer Psychologe kenne ich mich im (psycho-)therapeutischen Bereich in der Regel ganz gut aus, sodass mir gängige Behandlungskonzepte geläufig sind oder ich zumindest schon davon gehört habe. Habe ich allerdings noch nie von einem bestimmten Verfahren gehört, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass jemand mal wieder mit sehr viel Fantasie am Werk war. Quod erat demonstrandum – so war es auch diesmal.

Rahmenbedingungen und Versprechen

Der Erfinder der Evolutionspädagogik und Gründer des zugehörigen „Ausbildungsinstituts für Praktische Pädagogik in München“ (I.P.P.) ist der im Jahr 2020 verstorbene Ludwig Koneberg. Laut eigener Aussagen habe das I.P.P. in 34 Jahren über 1.800 Menschen in Evolutionspädagogik ausgebildet, hätte in fünf Ländern insgesamt 27 Ausbildungsorte und kenne über 800 Praxen, in denen Evolutionspädagogik eingesetzt werde. Die komplette Ausbildung in Evolutionspädagogik kostet schlappe 7.500 Euro und wäre in allen Ländern, außer der Schweiz, gleich.

Laut der Infoseite zur Evolutionspädagogik des I.P.P. scheint das Geld allerdings gut angelegt zu sein, denn es werde ein Bogen „zwischen neurologischen Erkenntnissen und der Wissenschaft von Bildung und Erziehung“ gespannt, der die Evolutionspädagogik in die Lage versetze, „positive Ergebnisse“ zu erzielen, die „in der herkömmlichen Pädagogik nicht gelungen“ seien. Dabei verspricht der Webauftritt nicht gerade wenig, denn dieser „pädagogische Ansatz“ gehe über „die Wissenschaft“ hinaus und werde zum „Handwerk“, das zu „breit angelegte[n] Kommunikations- und Interventionsmöglichkeiten“ führe.

Schenkt man einer Praxis Glauben, dann ist das Einsatzgebiet der Evolutionspädagogik sogar so breit, dass sich damit Schulversagen, Lernblockaden, Streit bei den Hausaufgaben, ADHS, Lese-Rechtschreibschwäche, Mobbing, Beziehungsprobleme, Aggressivität und vieles mehr behandeln lassen. An anderer Stelle lasse sich Evolutionspädagogik auch zur „Potenzialentfaltung“ und Förderung „individueller Fähigkeiten“ einsetzen.

Die Konzeption der Evolutionspädagogik

Die Evolutionspädagogik behauptet, „Wissen aus der Evolution mit den Erkenntnissen der Gehirn-, Verhaltens- und Lernforschung“ zu kombinieren und tritt damit als ein System mit wissenschaftlichem Anspruch in Erscheinung.

Die Prämisse ist, dass jeder Mensch sieben Evolutionsstufen durchmachen würde, die mit verschiedenen Attributen gekoppelt wären. Zuerst würde das Gehirn die „Fischstufe“ durchlaufen, die dann in die Amphibien-, Reptilien-, Säugetier-, Affen-, Urmensch- und schließlich Menschenstufe übergehen würde. Was genau mit den bereits überwundenen Stufen passiert, erschließt sich aus der Onlinepräsenz nicht, wobei es so scheint, als ob die Evolutionspädagogik davon ausginge, dass alle Stufen weiterhin im Hintergrund „aktiv“ bleiben. Für diese Annahme spricht, dass Evolutionspädagogen bei aufkommenden Problemen herausfinden müssen, welche Evolutionsstufe eine „Blockade“ beherbergt. Diese Blockaden seien durch „Stress“ ausgelöst worden und würden zu einem „Ungleichgewicht“ führen. Dieses Ungleichgewicht würde wiederum im Gehirn den kommunikativen Austausch verhindern, wie eine Evolutionspädagogin in einem YouTube-Video erklärt. Da Evolution mit Bewegung einhergehe, könne man die Blockaden im Gehirn mit Bewegungsübungen wieder lösen. Hätte man beispielsweise eine Blockade auf der Affenstufe, müsse man dann springen und Geräusche machen wie ein Affe, um die Blockade zu lösen.

Jetzt bleibt allerdings noch die Frage offen, wie der kreative Evolutionspädagoge die blockierte Evolutionsstufe überhaupt identifiziert. Eine Möglichkeit könnte sein, dass von dem Problem auf die Evolutionsstufe geschlossen wird. So würde ADHS und Bettnässen mit einer Blockade auf der Reptilienstufe einhergehen, während Unsicherheiten bei den eigenen Werten auf der Urmenschstufe gelöst werden müssten. (Für eine detaillierte Übersicht über die Evolutionsstufen nach der Evolutionspädagogik siehe hier.)

Eine beliebtere Möglichkeit zur Identifikation der Blockaden besteht in der Anwendung von „kinesiologischen Muskeltests“. Demnach würden „Meridiane und Organe des Körpers mit jeweils bestimmten Muskeln in Verbindung“ stehen, die zu unterschiedlichen Spannungszuständen in der Muskulatur führen würden. Mittels eines „Armtests“ und spezifischer Ja-Nein-Fragen zu den Evolutionsstufen könne man die Blockade ausfindig machen. Hierzu streckt der Patient einen Arm seitlich ab und soll ihn anschließend unter Spannung halten. Der Evolutionspädagoge stellt dann spezifische Fragen zu den Evolutionsstufen und drückt gleichzeitig mit seiner Hand gegen den Arm des Patienten. Je weniger Widerstand der Patient bei den Fragen in seinem Arm aufbringen kann, desto eher würde das für eine Blockade sprechen. Denn dort, wo das Leben beeinträchtigt sei, wäre weniger Kraft vorhanden.

Insgesamt könnte man die Evolutionspädagogik also wie folgt zusammenfassen: Bestimme die Evolutionsstufe mit der Blockade durch Muskeldrücken und lasse die Kinder anschließend nach deinem Gusto Bewegungsübungen ausführen.

Einschätzung

Für die aufmerksam Lesenden dürfte das nun Folgende nicht sonderlich überraschend sein: Die Evolutionspädagogik folgt den klassischen Merkmalen einer Pseudowissenschaft. Sie greift auf wissenschaftliche Theorien (z.B. Evolution) und etablierte Fachdisziplinen (Neurologie/Hirnforschung) zurück und nutzt deren Termini zur Plausibilisierung ihrer eigenen Existenz und Methoden.

Die Einteilung in sieben Gehirnentwicklungsstufen ist willkürlich und entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Plausibilität. Das Gehirn des Menschen durchläuft weder einen Fisch noch ein Säugetier noch einen Affen, bis es vollständig entwickelt ist. Unplausibel ist auch die Unterscheidung von „Säugetier“ und „Affe“, da beide eine Teilmenge der Säugetiere darstellen.

Zusätzlich erscheint es mir nicht zufällig, dass ausgerechnet von sieben Gehirnentwicklungsstufen die Rede ist. Die Zahl sieben ist in einigen spirituellen und esoterischen Lehren magisch aufgeladen, weshalb Pseudo- und Parawissenschaften sich numerologisch gerne auf sie fixieren. Beispielsweise interpretiert auch die Anthroposophie Rudolf Steiners die Zahl Sieben als „Zahl der Vollkommenheit“ sowie als „Zahl der Vollendung“.

Auffallend ist zudem, dass die Vertreter der Evolutionspädagogik kaum etwas von dem, was sie tun, erklären können und sich häufig in Worthülsen wie „Blockade“, „Stress“, „Ungleichgewicht“, „Gehirn“ oder „Bewegung“ verlieren. Skeptisch sollte man zudem werden, wenn dieselben Therapiemethoden auf ein irrwitzig weites Feld an Problemstellungen angewendet werden, die inhaltlich überhaupt keine Überschneidungen aufweisen (z.B. Bettnässen und Werte).

Am deutlichsten stechen die pseudowissenschaftlichen Elemente der Evolutionspädagogik bei der Kinesiologie hervor, die schon seit Langem für ihre pseudowissenschaftlichen Methoden bekannt ist.

Die Evolutionstheorie ist eine der wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften unserer Zeit, die wir gar nicht genug wertschätzen können. Jedoch verlieren wir nichts, wenn wir bei der Evolutionspädagogik eine Ausnahme machen – die braucht wirklich niemand.

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Alexander Wolber

Der Autor studierte Psychologie in Marburg. Im Anschluss arbeitete er als Psychologischer Psychotherapeut i. A. in einer psychosomatischen Klinik in Nordhessen. Seit 2020 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Konstanz.

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