Im Vorwort seines Sachbuchs verspricht der Autor Michael Jachan, promovierter Elektrotechniker und Mitglied der internationalen Skeptiker*innenbewegung: "Dieses Buch kann eure Geldbörse entlasten, eure Gesundheit vor unwirksamen und manchmal sogar gefährlichen Therapien schützen und eure geistige Freiheit vor totalitären Ansichten bewahren." Ein Versprechen, das Jachan tatsächlich einlöst.
Selbst erfahrene, wissenschaftlich geschulte Skeptiker*innen gewinnen hier neue Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden. Doch vor allem kommen Geschichtsinteressierte auf ihre Kosten, denn das Buch verbindet gekonnt historische Fakten und Anekdoten mit statistischen Analysen und nachvollziehbaren Experimenten, die sowohl unterhaltsam als auch lehrreich sind und wertvolle Argumentationshilfen bieten.
Der Autor hat sein Sachbuch in zwei Teile untergliedert, die er mit "Die allgemeine Verwirrung" und "Pseudowissenschaften" betitelt. Näher an der inhaltlichen Struktur liegt es allerdings, zwei zentrale, sehr unterschiedliche Themenkreise zu unterscheiden: "Geschichte und Geschichten" sowie "Statistik und Experimente".
In den historischen Ausführungen werden Protagonisten der Geschichte des kritischen Denkens und der Pseudowissenschaften vorgestellt, ergänzt durch unterhaltsame Anekdoten und Bonmots.
Die Gelehrten und großen Denker werden vom Autor nicht eindimensional verklärt wie Heilige oder Propheten, sondern mitsamt ihren Schwächen und mitunter heute absurd wirkenden Ideen dargestellt. So erfahren wir, dass Thomas Edison (1847–1931) von der Idee besessen war, mittels eines Radioapparats eine Kommunikation mit dem Jenseits herstellen zu können. Der recht "dunklen Seite" von Isaac Newton (1643–1727) ist ein eigenes Subkapitel gewidmet. Nach der Lektüre dieser Passagen fragt man sich fast, ob Newton wirklich nur ein Apfel auf den Kopf gefallen ist – oder doch ein ganzer Apfelbaum.
Kritisch ist anzumerken, dass die Anekdoten, die Eingang in das Sachbuch gefunden haben, offenbar nicht immer vom Autor auf ihre Richtigkeit oder zumindest auf Widerspruch in der Fachwelt überprüft wurden. Nun ist sicher nicht zu verlangen, dass ein Laie in den Originalquellen nachliest, doch Behauptungen über angebliche Aussagen historischer Personen sollten in einem Sachbuch nicht unreflektiert und damit als gesichert präsentiert werden. Beispiel: Die Anekdote über den genialen Mathematiker Jakob Bernoulli (1655–1705), wonach dieser angeblich den Weltuntergang bei Erscheinen eines Kometen prognostiziert habe. Bernoulli hat zwar die Bahn des Kometen Kirch falsch berechnet, doch den Weltuntergang wollte er keineswegs vorhersagen. Im Gegenteil: Er war gegen den Aberglauben an Endzeitthesen eingestellt, musste sich aber gegenüber seinen religiösen Zeitgenossen rechtfertigen, dass seine Berechnungen nicht ausschließen, Gott könne ein Zeichen senden (Was er schrieb, lässt sich hier auf S. 139 nachlesen).
Wissenschaftsaffine Menschen sind ergebnisoffen. Der zweite große Themenbereich umfasst Anleitungen für Experimente, die Leser*innen selbst durchführen können, wenn sie mit Menschen konfrontiert werden, die über übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen behaupten. Natürlich ist es nicht möglich, wie Jachan zutreffend ausführt, die Nichtexistenz von etwas zu beweisen, sehr wohl aber zu testen, ob behauptete Effekte feststellbar sind.
Für die neugierige und wissenschaftlich aktive Leserschaft hat der Autor Versuchsdesigns für vermeintliche Radiästhet*innen, Geistheiler*innen, Menschen mit angeblicher Elektrosensibilität sowie Tests für paranormale Fähigkeiten und "energetisiertes" Wasser entwickelt. Wer es besonders ernst nimmt, wird bei den Doppelblindversuchen sogar eine Notarkraft hinzuziehen. Überraschend wird es kaum sein, wenn die Proband*innen den Test nicht bestehen – keiner der in diesem Buch vorgestellten Versuche konnte bislang unter wissenschaftlichen Bedingungen erfolgreich absolviert werden.

Doch die aus den Experimenten gewonnenen Daten richtig zu interpretieren, erfordert gewisse Grundkenntnisse der Statistik, da es sonst leicht zu Fehlschlüssen kommt. Denn jedes Huhn, ob blind oder nicht, findet einmal ein Korn. Selbst eine stehengebliebene Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit. Statistik kann zur Zahnfeewissenschaft verkommen, wenn Forscher so lange nach Effekten suchen, bis sie statistisch auftauchen – ohne dass überhaupt belegt wäre, ob die Zahnfee jemals Geld unter das Kopfkissen legt (also das der Untersuchung zugrunde liegende Phänomen tatsächlich existiert). Jachan liefert daher einen Crash-Kurs, den er "Basispaket Statistik für kritisch denkende Bürger*innen" nennt. Mit diesem statistischen Handwerkszeug ausgerüstet, sollen Interessierte Doppelblindversuche nach den vorgegebenen Designs durchführen und statistisch korrekt auswerten können.
Wiederholte Anspielungen auf das Star-Trek-Universum dienen dem Buch als roter Faden und sorgen bei vielen Leser*innen für einen Wiedererkennungswert, der beim Lesen für Schmunzeln sorgt, ohne die Sachlichkeit zu beeinträchtigen.
Das Buch überrascht immer wieder – zumindest Laien – mit verblüffenden Klarstellungen. So ist die Kraft, die wir alle kennen, aber kaum jemand wirklich versteht, die Gravitation. Newton beschrieb sie als ein Feld, Einstein als eine verzerrte Raumzeit. In der Quantentheorie taucht die Gravitation jedoch nicht auf: Ein Teilchen, das ihre Wirkung erklärt, wurde bisher nicht gefunden. "Es gibt also kein Graviton; vielleicht findet man es noch", sinniert Jachan. Mit einer beiläufigen Randbemerkung, dass es auch kein Teilchen gebe, das die Wirkung von Homöopathie, Erdstrahlen oder PSI-Kräften übertragen könnte, liefert der Autor aber unfreiwillig ein scheinbares Argument für Esoteriker: Wenn es für die Gravitation (noch) kein Teilchen gibt, müsse man es auch für diese Kräfte nicht fordern. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch klar auf der Hand: Die Wirkung der Gravitation ist empirisch nachweisbar und messbar – sei es an fallenden Äpfeln, den Umlaufbahnen von Planeten oder in präzisen Experimenten. Bei Homöopathie, Erdstrahlen oder sonstigen außersinnlichen Wahrnehmungen hingegen existieren keine reproduzierbaren, messbaren Effekte.
Wissenschaft ist mehr als eine Sammlung von Wissen – sie ist der Weg, Wissen zu erlangen. Nicht überprüfbare Behauptungen sind wertlos. Es tut jedoch gut, sich immer wieder daran zu erinnern, dass eine Theorie nicht "bewiesen" werden kann, sondern sich lediglich bewährt. Auch die Relativitätstheorie ist nicht objektiv wahr – nur spricht bisher fast nichts gegen sie. Karl Popper (1902–1994) brachte es mit seinem Falsifikationsgebot auf den Punkt: Wissenschaftlerinnen sollen versuchen, eine Theorie mit Experimenten zu widerlegen. Es muss ja nicht unbedingt Charles Darwin (1809–1882) als Vorbild dienen, der 20 Jahre damit verbrachte, seine eigene Evolutionstheorie zu widerlegen, bevor er sein berühmtes Buch veröffentlichte. Jachan stellt fest: "Kein*e Pseudowissenschaftler*in würde auch nur im Traum daran denken, ein Experiment zu ersinnen, das danach trachtet, seine*ihre Theorie zu widerlegen."
Hier zeigt sich der zentrale Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaften, die Anhänger manchmal beschönigend als "Grenzwissenschaften" bezeichnen. Seriöse Wissenschaft verzichtet auf absolute Wahrheiten und strebt nach Erkenntnis. Alles gewonnene Wissen ist jedoch stets nur vorläufig. Kein seriöser Wissenschaftler würde Gegenteiliges behaupten – oder gar, wie der Papst, Unfehlbarkeit in seiner Disziplin beanspruchen. Tut er dies doch, vielleicht sogar als Nobelpreisträger, darf man ruhig von einer Nobelitis (Nobelkrankheit) sprechen.
Michael Jachan, "Paranormale Behauptungen auf dem Prüfstand – Von Wünschelruten, Elektrosmog und Parapsychologie", Springer-Verlag GmbH 2025, 233 Seiten 27,99 Euro, ISBN: 978-3-662-69898-3






