Eine Studie aus Italien

Kapitulation des liberalen Staates vor dem Faschismus

BONN. (hpd) Die italienische Historikerin Giulia Albanese legt mit "Mussolinis Marsch auf Rom. Die Kapitulation des liberalen Staates vor dem Faschismus" eine quellengestützte Darstellung zum Aufstieg des Faschismus und dem Scheitern der Republik vor. Die stark beschreibend angelegte Arbeit macht den Kontext von Schwäche der Demokratie und Stärke der Diktatur deutlich, man hätte sich aber noch mehr Ausführungen zu den Motiven der liberalen Elite und der Rolle der Repräsentanten der Wirtschaft gewünscht.

Damit eine Demokratie durch eine Diktatur abgelöst werden kann, bedarf es nicht nur einer Stärke der Diktatur, sondern auch einer Schwäche der Demokratie. Dies lernt man aus der deutschen Geschichte bezogen auf den Übergangsprozess von Weimarer Republik und "Drittem Reich". Bereits zuvor ereignete sich eine ähnliche Entwicklung in Italien, wo die Faschisten unter der Führung von Benito Mussolini 1922 in einer Krise des liberalen Staates an die Macht kamen. Dabei spielte auch der Einsatz von Gewalt eine bedeutende Rolle – bezogen auf die Anwender wie Dulder. Diesen Aspekt will die italienische Historikerin Giulia Albanese in ihrer Arbeit "Mussolinis Marsch auf Rom. Die Kapitulation des liberalen Staates vor dem Faschismus" untersuchen. Bereits im Vorwort stellt die Autorin fest: "Die faschistische Strategie war siegreich und von großer Auswirkung, vor allem deshalb, weil sie nicht behindert wurde" (S. 9). Dem liberalen Staat habe es angesichts der Bedrohung an der Bereitschaft zur Bewahrung seiner Grundprinzipien gemangelt.

Demnach fragt Albanaese, was den Marsch auf Rom ermöglichte und was sein politisches Ziel war. Sie will außerdem klären, warum die politische Führung sich der Gefahrendimensionen nicht bewusst war und nur einige Sicherheitskräfte auf sie reagierten. Und schließlich konzentriert sich die Autorin dabei auf die Aktivitäten der gewaltbereiten Gruppen und die Rolle der politischen Gewalt. Dies geschieht aus einer historisch-beschreibenden Perspektive heraus, rekonstruiert Albanese doch im Lichte der genannten Fragen die damaligen Ereignisse. Dabei dokumentiert sie die Auffassungen und Kommentare mit langen Zitaten. Es wird hierdurch deutlich, dass bereits seit 1919 über einen Aufstandsplan von “rechts” gegen die Republik gesprochen wurde: “Die Stimmen zur Vorbereitung des Staatsstreichs, die von den Faschisten in Umlauf gesetzt wurden, widersprechen einem der fundamentalsten Elemente, das die politische Theorie stets glaubte als Wesenszug eines Staatstreichs ausmachen zu können: dem der Geheimhaltung” (S. 74f.).

Am Beginn stand 1919 noch ein einschlägiges Projekt von einer Freischärlergruppe um Gabriele D’Annunzio, das aus heutiger Betrachtung als ein präfaschistisches Phänomen gelten kann. Danach bildete die aufstrebende faschistische Bewegung zu den entscheidenden Akteur. Akribisch schildert Albanese die Eroberung der Städte durch die Gewaltstrategie der Mussolini-Anhänger, aber auch deren offene Einforderung und Organisation des Staatstreichs. Deutlich wird dabei die abwartende und inaktive Haltung der politischen Elite, aber auch die in der Armee bestehende Komplizenschaft mit den Feinden der Republik. Bereits im Vorwort formulierte die Autorin als bilanzierende Erkenntnis ihrer Studie, "dass schon die erste Regierung Mussolini den Beginn der Diktatur in Italien und das Ende der liberalen Institutionen bedeutete. In den Tagen und Monaten, die dem Marsch unmittelbar folgten, war es in der Tat möglich gewesen, eine der wichtigsten Institutionen des Staates, das Parlament zu erschüttern, ohne dass die liberale Führungsschicht opponiert hätte" (S. 12).

Dies alles wird mit großer Aufmerksamkeit für Details dargestellt, womit die geringen Kenntnisse im deutschsprachigen Raum zum italienischen Faschismus erweitert werden. Allein von daher findet die Publikation einer Übersetzung großes Lob. Darüber hinaus macht Albanese die Bedeutung der Kombination der Schwäche von Demokraten und Stärke von Extremisten für den Niedergang einer Republik deutlich. Durch die Fixierung der Autorin auf historische Quellen schwindet aber leider die Aufmerksamkeit für analytisch interessante Gesichtspunkte: Warum nahm die politische Elite nur eine abwartende oder duldende Einstellung ein? Gab es dafür politische oder soziale Gründe? Hierzu hätte man ganz gern mehr gelesen. Auffällig ist darüber hinaus, dass die wirtschaftliche Elite nur ganz am Rande vorkommt. Angesichts der bereits frühen Kontakte zu den Faschisten verwundert diese thematische Lücke dann doch. Gleichwohl handelt es sich in der Beschreibung um eine gelungene Arbeit, die aber mehr Analyse zur Erklärung verdient gehabt hätte.


Giulia Albanese, Mussolinis Marsch auf Rom. Die Kapitulation des liberalen Staates vor dem Faschismus, Paderborn 2015 (Ferdinand Schönigh-Verlag), 304 S.