Hamed Abdel-Samad bei der AfD in Berlin

"...weil ich die Freiheit ernst nehme."

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Hamed Abdel-Samad, Eintrittskarte der Veranstaltung
Hamed Abdel-Samad

BERLIN. (hpd) Bereits im Vorfeld gab es teilweise sehr heftige Reaktionen auf die Ankündigung, dass Hamed Abdel-Samad bei einer Veranstaltung der Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) auftreten wird. Der Autor hat sich bei der Veranstaltung, die auch vom hpd besucht wurde, als aufrechter Demokrat und Humanist gezeigt.

Sicherlich kann man darüber diskutieren, ob ein Auftritt bei einer Veranstaltung des politischen Gegners diesem nicht mehr Reputation verschafft; sind doch alle Parteien darum bemüht, durch – echte oder vermeintliche – Fachleute ihr Renommee zu verbessern. Vor allem in Deutschland ist diese Art der Debatte – anders als im englischsprachigen Raum – nicht sonderlich verbreitet. Hierzulande ist es eher so, dass man sich in den "eigenen Kreisen" seines "Anders- oder Besserseins" versichert.

So gab es – nicht unerwartet – sofort Proteste auch aus den eigenen Reihen, als bekannt wurde, dass Hamed Abdel-Samad vor der AfD sprechen wird. "Wer daher meint, die AfD gehöre zu Hameds politischen Verbündeten, weiß einfach nicht, worüber er spricht" kommentierte Michael Schmidt-Salomon entsprechende Vorwürfe.

Zu Recht, wie der gestrige Abend zeigte. Bereits eingangs klärte Abdel-Samad: "Wir leben in bemerkenswerten Zeiten. Drei Menschen mit Migrationshintergrund haben in den letzten acht Tagen das Land zum Staunen gebracht. Vor acht Tagen hat Navid Kermani eine wunderbare Rede bei der Friedenspreisverleihung in Frankfurt gehalten, wo er um Verständnis für den Islam geworben hat aber auch den Muslimen nahelegte, das sie Selbstkritik üben sollten. Einen Tag danach hat ein Clown mit Migrationshintergrund in Dresden Muslime als 'Muselmüllhalde' bezeichnet.
Und jetzt kommt mein Vortrag und schon im Vorfeld gab es Protest. Dabei habe ich nur ein Buch geschrieben über einen Mann, der vor 1400 Jahren gestorben ist."

Er stellte klar, dass er überzeugt davon ist, dass insbesondere die Meinung der Anderen Geltung erhalten muss, wenn wir von Meinungsfreiheit reden. Deshalb, so Abdel-Samad, sei er vor der Veranstaltung zu den Gegendemonstranten gegangen und habe diese gebeten, in die Veranstaltung zu kommen, zuzuhören und sich selbst ein Bild zu machen.

"Ich bin kein AfD-Mitglied, ich werde die AfD auch in naher Zukunft nicht wählen, weil ich mit der Ausrichtung nicht einverstanden bin. Aber gerade deshalb komme ich ja; gerade deshalb müssen wir miteinander reden. Mit wem sollen wir sonst reden, wenn nicht mit den Leuten, die anderer Meinung sind?" Diese Haltung vertrat er bereits im hpd-Interview vor seinem ersten Vortrag bei der umstrittenen Partei.

Hamed Abdel-Samad begrüßte anwesende syrische Flüchtlinge, die – wie er betonte – nicht seine Haltung zum Islam teilen würden, aber mit ihm reden möchten. "Vielleicht können die Deutschen von den syrischen Flüchtlingen lernen, wie eine Streitkultur funktioniert. Wir sind gerade dabei, das Grundgesetz ins Arabische zu übersetzen, damit ihr versteht, wie Demokratie funktioniert." An die Flüchtlinge gewandt fuhr er fort: "Ich bin der Meinung, dass ihr uns das beibringen könnt." Auf einen Zwischenruf aus dem Publikum: "Warum sind die dann denn hier" antwortete Abdel-Samad: "weil sie die Freiheit schätzen."

"Wir Deutschen haben ein Problem mit der Meinungsfreiheit. Eine Meinung ist nur solange willkommen, wie sie belanglos ist oder in einen Mainstream hineinpasst." "Ich habe mich früher immer gefragt, weshalb die Deutschen hinter fast jedem Satz sagen: 'das ist nur meine Meinung'. Dieses 'nur' ist ein Ausdruck dafür, dass man seiner Meinung nicht so viel Gewicht beimisst." Und natürlich darf und soll man seine Meinung sagen. Aber "es ist ein Riesenunterschied zwischen einer Meinung und einer Anklage." Hier zu unterscheiden sei immens wichtig, "weil manche von Meinung sprechen und dabei ganze Menschengruppen anklagen."

"Man spricht von den Syrern, den Flüchtlingen, … von den Politikern. Aber die gibt es nicht." Mit solchem Schubladendenken und Vorurteilen könne man weder Politik machen, noch die Probleme des Landes lösen. In Deutschland sei es vor allem Angst, die die Debatte und auch das Handeln bestimme, so Abdel-Samad. "Auf der einen Seite gibt es die Angst vor 'Überfremdung', … auf der anderen Seite die, dass der 'Mann mit dem Schnurrbart' irgendwann wiederkehren könnte." Beide Ängste müsse man erst nehmen, doch man dürfe sich von der Angst auch nicht paralysieren lassen.

"Es gibt immer zwei Sorten von Angst. Angst, die uns animiert, etwas zu verändern und Angst, die uns lähmt oder die uns animiert, eine Dummheit zu begehen." Die gesellschaftliche Debatte sei derzeit von eben den lähmenden Ängsten vergiftet. "Man kann kaum eine Meinung sagen, ohne angegriffen zu werden, gerade, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht." Er kritisiere sowohl die, die aus Angst vor einer Diktatur überreagieren "aber auch die andere Seite, die auf dem Rücken von Menschen Politik macht, die sich nicht wehren können." Es könne der Gesellschaft nicht weiterhelfen, wenn "man über alle Flüchtlinge pauschal urteilt und ihre Menschenwürde dabei vergißt".

Das gilt auch für Reden wie die des Herrn Höcke, der Flüchtlinge darüber belehren will, dass sie in ihren Heimatländern besser aufgehoben wären, weil Deutschland den Deutschen gehöre.

Man müsse endlich damit beginnen, denen zu helfen, die sich in dieses Land integrieren wollen. Das dürfe keinesfalls den Islamverbänden überlassen bleiben. Oder den Salafisten, die vor den Flüchtlingslagern auf Opfer lauern. Später wies er darauf hin, dass für ihn – im Gegensatz zu den Äußerungen des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff und jüngeren Datums auch von der Kanzlerin – der Islam nicht zu Deutschland gehöre. "Die Muslime allerdings. Sie gehören zu Deutschland." Mehrfach machte er in der Folge darauf aufmerksam, dass es einen wichtigen Unterschied gäbe zwischen der Kritik an Religionen – die er für notwendig hält – und der an den Menschen, die dieser Religion anhängen.

"Es gibt kaum jemanden in diesem Land, der den Islam schärfer kritisiert als ich. Und das ist wichtig, denn Religionskritik gehört zum Humanismus. Zum Humanismus gehört aber auch, dass wir Menschen nicht pauschal verurteilen, dass wir nicht von den Muslimen sprechen. Die gibt es nicht. Den politischen Islam gibt es, aber die Muslime gibt es nicht!" 

"Wir können liberalen Muslimen dabei helfen, die radikalen Tendenzen anderer Muslime zu bekämpfen. Wenn wir alle vor den Kopf stoßen, wenn wir alle 'in einen Topf werfen', dann können wir keine gesunde Politik machen." Im Gegenteil würde das die Spaltung des Landes vertiefen. Hamed Abdel-Samad fordert deshalb, "in der Sache hart und gerecht [zu] bleiben, aber die Rhetorik und die Parolen" zu entspannen. "Ich halte diesen geistigen Bürgerkrieg in diesem Lande nicht mehr aus!" Deutschland sei in Gefahr, gespalten zu werden, warnte der Politologe.

Abdel-Samad sprach dann kurz über die Bedingungen, unter denen er derzeit leben muss. Dabei gehe es weniger um die beiden Fatwas aus Ägypten, sondern um eine viel konkretere Bedrohung, die dazu führt, dass er eine schuss- und stichsichere Weste tragen muss, von mehreren Bodyguards rund um die Uhr geschützt werden muss und in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs ist. Trotzdem, so betonte er, nehme er jeden Vortragstermin wahr. "Ich tue das, weil ich die Freiheit ernst nehme."

Er erinnerte daran, dass auch gute Freunde ihn in seiner derzeitigen Situation davon abrieten, auf Veranstaltungen – nicht nur wie bei der AfD – aufzutreten. "Ich habe viele linke Freunde, sozialdemokratische Freude und humanistische Freunde. Ich bin selber Mitglied im Beirat der Giordano Bruno Stiftung, die Humanisten und Atheisten eine Stimme verleiht in diesem Lande. Ich habe schwule und lesbische Freunde, die mit der AfD nicht einverstanden sind. Und viele von denen haben mir gesagt: 'Tu das bloss nicht! Das wird deinem Image schaden.'" Er antworte darauf dann: "Ich halte Vorträge und hab nicht mal Angst, mein Leben zu verlieren. Glaubt ihr, dass ich meine Prinzipien verraten werde, nur weil ich damit meinem Renommee oder meinem Image schaden könnte?' Nein! Ich stehe zum Prinzip der Meinungsfreiheit."

Einer Meinungsfreiheit, von der Salman Rushdie bei seiner Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse sagte, sie sei die "Mutter aller Freiheiten."

Den an die Einführung anschließenden Vortrag und Teile der Diskussion wird der hpd in den kommenden Tagen als Video veröffentlichen.

Heute Abend tritt Hamed Abdel-Samad in Graz /Österreich auf.