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Aktion 10^23 07.02.2011 · Nr. 11107

Nichts drin, nichts dran!


Foto: Frank Navissi

BERLIN/FRANKFURT. (hpd) Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) hatte im weltweiten Verbund der Skeptiker zu einem Aktionstag gegen Homöopathie aufgerufen und auch in Frankfurt am Main und in Berlin hatten sich wackere Skeptiker und Humanisten, um im Selbstversuch die Wirkungslosigkeit homöopathischer Mittel zu beweisen.


Frankfurt

Dass am Ende alle nach Hause oder auf den nahen Markt einen Apfelwein trinken gingen, war kein Wunder: Denn der einmalige Konsum von 10 Gramm Zucker schadet einem gesunden Menschen so wenig, wie er ihm nutzt – ganz gleich, ob er nun in Form eines Stücks Würfelzucker oder einiger Dutzend Globuli erfolgt.

„Globuli“ sind Kügelchen aus Milchzucker, die von der homöopathischen Medizin als Heilmittel eingesetzt werden. Vom Süßstoff zum Arzneimittel werden sie, indem sie mit einer Flüssigkeit besprüht werden, die zuvor nach dem in der Homöopathie üblichen Verfahren „potenziert“, also verdünnt wurde. Ihre Wirkung ist umstritten, unter anderem weil bis heute ungeklärt ist, wie so stark verdünnte Substanzen überhaupt eine Wirkung entfalten sollen.

Die Anhänger der Homöopathie ficht das nicht an; sie gehen davon aus, dass die Wirkung auf einem heute noch nicht bekannten Weg in der wässrigen Lösung „gespeichert“ wird. Entsprechend wird auf dem Beipackzettel von Strophanthus D30 zum Beispiel angegeben, es sollten bei Selbstmedikation nur fünf Kügelchen auf einmal eingenommen werden; bei „erheblicher“ Überdosierung solle ein Arzt konsultiert werden. Trotz solcher Warnhinweise hatte keiner der Beteiligten Bedenken, dass er den anstehenden Selbstversuch heil überstehen würde. Denn ab einer bestimmten Verdünnung kann sich (rein rechnerisch) kein einziges Molekül der angeblichen Wirksubstanz mehr in einem homöopathischen Heilmittel befinden. Da verlieren selbst Substanzen wie Quecksilber, Arsen oder Tollkirsche ihren Schrecken.

Um 10.23 Uhr öffneten die Versuchspersonen ihre Fläschchen, die jeweils 10 Gramm Streukügelchen „Mercurius solubilis Hahnemanni D 30“ oder ähnlicher homöopathischen Arzneimittel enthielten. Der gemeinsame Ausruf „Homöopathie – nix drin, nix dran!“ enthielt gewissermaßen die durch das Experiment zu stützende These: Wenn in einem Homöopathikum nichts mehr enthalten ist, was eine Wirkung entfalten könnte, dann darf auch eine offensichtliche Überdosierung für die Probanden keine Folgen haben. Und so wurden die Fläschchen auf ex geleert, ganze Monatsrationen an Globuli innerhalb weniger Sekunden zerkaut und geschluckt. Es passierte – nichts. (Nur einer der Teilnehmer verspürte leichte Zahnschmerzen, was Experten aber auf den intensiven Kontakt der Beißerchen mit den Zuckerkügelchen zurückführten.) (Fotos: GWUP)

 

Die Resonanz unter den Passanten vor Ort war eher gering, was vor allem daran lag, dass um die Uhrzeit noch nicht allzu viele Menschen in der Fußgängerzone unterwegs waren. Einige der Vorübergehenden fragten nach und erhielten ein Flugblatt, ein älterer Mann tat sein Missfallen kund und war zunächst nicht davon abzubringen, dass es sich bei der Aktion um eine von der Pharma-Industrie gesteuerte Kampagne handeln müsse. Aber da Video-Team in mehreren Städten filmten, können die gescheiterten Massenselbstmorde im Internet angeschaut werden und so über den Tag hinaus Wirkung entfalten.

Die Organisatoren äußerten sich zufrieden. Die Aktion habe auf anschauliche Weise dokumentiert, so Heiko Obermeit von den Säkularen Humanisten Rhein-Main, dass Homöopathie ganz offensichtlich nicht die behauptete Wirkung habe. Erfreut zeigte er sich, dass Leute aus Südhessen, Nordbaden und Unterfranken angereist waren, um bei dem Selbstversuch mitzumachen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die in Deutschland die Aktionen koordiniert hatte, verwies darauf, dass gerade vielen Eltern das hinter der Homöopathie stehende Konzept nicht bekannt sei. Oft werde sie als „sanfte“ Naturmedizin „ohne Chemie“ missverstanden. Wer sich für die passende Therapie für sich oder seine Kinder entscheiden muss, sollte aber über die fragwürdigen Grundlagen und die negativen Ergebnisse zahlreicher Studien Bescheid wissen.

Gunnar Schedel