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Die katholische Kirche und der (Homo-)Sex

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Fotos: Frank Mayer, gbs-köln

KÖLN. (hpd) Der Ex-Startheologe der katholischen Kirche, Dr. David Berger, plaudert aus dem Nähkästchen über „zölibatäre“ Katholiken und ihre „Cousins“, die Sündhaftigkeit aller Sexualität sowie andere Doppelmoralitäten einer „krank machenden“ Institution. In einer Podiumsdiskussion mit dem Diplom-Psychologen Frank Hichert.

Von Dominik Grottian

Im Veranstaltungsraum im Altenberger Hof des Bürgerzentrum Nippes führte Constanze Cremer für die gbs Köln als Moderatorin durch den kurzweiligen Abend zu einem humanistischen Klassikerthema: Die Katholische Kirche und der Sex.

David Berger, Ex-Jungstar der katholischen Theologie, Ex-Professor der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin, Ex-Ritter des polnischen Ritterordens der Gottesmutter von Jasna Góra, Ex- Religionslehrer und zugleich bekennender Katholik und Homosexueller, nahm Platz zur Linken der Moderatorin, während Frank Hichert, schwuler Psychotherapeut und Stifter des Jugendliteraturpreises JULIT, zu ihrer Rechten saß.

Berger skizzierte vorab sein bewegtes Doppelleben als einerseits stramm-konservativer Karrierist der katholischen Theologie und als homosexuell veranlagter Privatmensch andererseits. Auch durch den prägenden Einfluss der streng katholischen Großmutter kam in ihm früh der Wunsch auf, Priester zu werden, aber die Liebe zu seinem Partner machte ihm den Entschluss zum Zölibat unmöglich. Daher entschied er sich nach seinem Theologie-Studium für die rein akademische kirchliche Laufbahn. Diese führte ihn sehr schnell in die konservativsten Kreise der katholischen Kirche, bis in den Vatikan, wo man in ihm talentierten und ehrgeizigen Nachwuchs erkannte und dementsprechend förderte. Seine homosexuelle Veranlagung stand seiner rasanten Karriere nicht im Wege, solange er seinen Partner als seinen Cousin ausgab und den homosexuellen Lebensstil nur diskret praktizierte.

Genau dies sei, so führte er weiter aus, gängige Praxis in der katholischen Kirche, da, so seine Erfahrungswerte, 40-60 Prozent ihrer Zölibatären homosexuell veranlagt seien. Die katholische Kirche sei schon immer so etwas wie ein „Zufluchtsort“ für männliche Homosexuelle gewesen, da nur in dieser Institution die Möglichkeit gegeben sei, für die Unterdrückung der eigenen gesellschaftlich problematischen Sexualität belohnt zu werden: in Form von beruflicher Perspektive, Status und nicht zuletzt mit der für viel Homesexuelle besonders faszinierenden barocken Ästhetik.

Später plauderte Berger auch noch Brisanteres aus dem Nähkästchen, als er die Behauptung eines alten Kommilitonen des aktuellen Papstes kolportierte, wonach damals im Priesterseminar angeblich alle gewusst hätten, dass Joseph Ratzinger homosexuell veranlagt sei.

Diese Doppelmoral der katholischen Kirche, nach außen eher sexualfeindlich und eindeutig homophob, nach innen aber diskret und permissiv, habe Methode, und sei integraler Bestandteil des Machtgefüges der Hierarchie. Denn die tiefe Verinnerlichung der Sündhaftigkeit aller Sexualität, insbesondere der homosexuellen, mache die Menschen erpressbar und gefügig und diene somit dem Machterhalt der gesamten Institution.

Wie hält man das aus?

Die Frage der Moderatorin, wie man denn ein solches Leben aushalte, beantwortete Berger mit seiner damaligen spätpubertären Einstellung des „Das schaffst du schon!“ und einem schlichten Gewöhnungseffekt, der diese Spannung lange erträglich machte. Aber vor allem der „Reiz des Doppelten, des Hochstaplerischen“, des für ihn damals unwiderstehlichen Kontrastes zwischen dem „barocken Theater“ der Kirche und dem schwulen Privatleben - zwischen dem Leben in Rom und dem Leben in Köln - ließ ihn dabei bleiben.

Bis zum Beginn des Pontifikats Joseph Ratzingers im Jahre 2005. Dann, so Berger, nahm die zunehmende Homophobie der Katholischen Kirche für ihn allmählich unerträgliche Ausmaße an. Hinzu kam noch die Krise seiner Partnerschaft, sein Partner war nach 15 Jahren nicht länger gewillt, die Rolle des „Cousin“ weiterzuspielen. All das bewog ihn dazu, öffentlich sein Coming-Out zu inszenieren und bald darauf auch sein vielbeachtetes Buch „Der Heilige Schein“ zu veröffentlichen, dessen Abfassen für ihn einer „Therapie“ gleichkam.

Das brachte ihn natürlich in schärfsten Konflikt mit jenen reaktionären Kreisen der Kirche, die ihn bislang protegiert und gefördert hatten. Nicht die Tatsache seiner homosexuellen Veranlagung, sondern die Öffentlichmachung derselben, machte ihn für die Kirche zu einem Problem, und zuletzt zur Persona non grata. Berger verlor alle seine kirchlich-akademischen Titel, so wie ihm auch seine Lehrerlaubnis für katholische Religionslehre, er hatte zu dem Zeitpunkt an einem Gymnasium bei Köln unterrichtet, von Kardinal Meisner entzogen wurde.

An diesem Punkt konnte Frank Hichert einhaken und ein wenig Kontroverse an den Tisch bringen, wo man sich bislang doch ziemlich einig gewesen war. Als Therapeut habe Hichert schon viele Klerikale behandeln müssen. Deren Situation sei allerdings in der Regel weniger privilegiert als die Bergers: Der Durchschnittspriester oder -funktionär der katholischen Kirche komme erst nach einem Suizidversuch in die Therapie, und habe nicht die Möglichkeit, ein Buch zur Selbsttherapie zu verfassen oder öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, da er sonst seine gesamte Lebensgrundlage und Berufsperspektive mit einem Schlag zerstöre. Berger war auf Lebenszeit verbeamteter Lehrer, seine wirtschaftliche Existenz hing nicht von der Kirche ab.

Hichert bezeichnete das „Theater“ der katholischen Kirche als ein sehr schlechtes, da es die Menschen in einem krank machenden System festhalte, aus dem nur wenige Privilegierte wie Berger ausbrechen könnten. Schlimmer noch, die Leidtragenden des katholischen Systems würden selbst zu Trägern des Leid verursachenden Systems, da Menschen, die ihre Sexualität selbst massiv unterdrücken, dazu neigen, das auch von anderen einzufordern und bei Zuwiderhandlung auch dementsprechend zu sanktionieren.

"Besessenheit" und das Stockholm-Syndrom

Auf die Frage von Ingrid Matthäus-Maier, woher die „Besessenheit“ in der Homophobie der katholischen Kirche komme, antworteten Berger und Hichert unisono, sie wiesen auf den psychologischen Projektionsmechanismus hin, der dazu führt, dass man besonders das überall sieht und unbedingt verschwinden lassen will, was man selber nicht ausleben kann.

Joseph Ratzinger sei demzufolge, so Berger, auch nicht nur Täter, der die Homophobie deutlich durch sein päpstliches Wirken anheizt, sondern auch Opfer des katholischen Systems. Hichert fügte hinzu, dass das Stockholm-Syndrom – das Opfer sympathisiert und kooperiert mit dem Täter, um nicht mehr Opfer zu sein –  in der katholischen Kirche wohl zur Tagesordnung gehöre.

Auf die sich daraufhin aufdrängende, einem Humanisten aber Bauchschmerzen bereitende, weil vordergründig schwulenfeindliche, Frage, ob man dann nicht sagen müsste, dass die homosexuellen Geistlichen die „Wurzel allen Übels“ hinsichtlich der Fundamentalisierung der katholischen Kirche, ja vielleicht sogar der Religionen weltweit, seien, stellte Hichert klar, dass dies ein Fehlschluss sei: nicht sie, sondern die Unterdrückung der Frau und das Zölibat seien die Ursache! Wenn Frauen Priesterinnen werden und alle ihre Sexualität ausleben dürften, könnten sich gar nicht erst so viele unterdrückte Homosexuelle auf Machtpositionen der katholischen Kirche ansammeln. Betrachtet man die EKD, die sich viel weniger fundamentalistisch und menschenfeindlich, sondern wesentlich humaner zeigt, scheint diese These recht überzeugend.

Bei all den hoch interessanten Ausführungen Bergers stand aber immer noch die Frage im Raum, warum er sich, obwohl zwar aus der katholischen Kirche ausgetreten, noch immer als katholisch bezeichnet, und warum er bei all seiner massiven Kritik, die sich weitgehend mit den Ausführungen eines Karl-Heinz Deschners deckt, nicht auch den völligen Bruch mit der Glaubenslehre der, so Hichert, „krank machenden“ Institution wagt.

Entwaffnend, aber letztlich irgendwie nicht ganz überzeugend, erklärte er, dass für ihn der Bruch mit der Institution zwar vollzogen sei, aber auf der emotionalen Ebene des Glaubens nicht. Das ist umso erstaunlicher, als auch der Arbeitstitel seines nächsten Buches nicht schärfer gewählt sein könnte: „Katholiban im Homowahn“. Ralf König hätte es auch nicht besser formulieren können –  aber der ist ja auch kein Katholik.

Vielleicht erklärt es sich aus Bergers Grundannahme, die ganz zum Schluss der Veranstaltung noch einmal die Differenz zu seinem Kontrahenten Hichert deutlich werden ließ: Berger geht trotz aller berechtigten Kritik an den Religionen von einem spirituellen Grundbedürfnis aller Menschen aus, dessen Befriedigung religiöse Organisationen notwendig mache. Hichert bestritt diese Notwendigkeit vehement aus psychotherapeutischer Perspektive, konnte seinen Standpunkt aus zeitlichen Gründen aber nicht breiter ausführen.

Trotzdem nicht religionsfrei

David Berger gehört weiterhin zu den schillerndsten und schärfsten Kritikern der katholischen Kirche, gerade weil er Insider- bzw. Whistleblower-Status „genießt“ (Morddrohungen inklusive), der ihn von den vielen arrivierten Kirchenkritikern unterscheidet. Auch sein Engagement als Koordinator der Aktion stopptkreuz.net gegen die Hintermänner der katholischen Hetzseite kreuz.net zeigt, dass er noch immer den direkten Konflikt mit den erzreaktionären katholischen Milieus sucht.

Allgemein überrascht, wie weit Berger sich seit seiner Buchveröffentlichung "Der heilige Schein" weiterentwickelt hat: Er fordert: Abschaffung des konfessionell getrennten Religionsunterrichtes, kritisiert Volker Beck für dessen Arbeit im AK Religion, um dem Islam auch noch zu all den aus humanistischer Sicht unberechtigten staatlichen Privilegien und Finanzierungen zu verhelfen, statt den bisherigen Amtskirchen ihre unberechtigen Privilegien endlich wegzunehmen.

Berger hat sicherlich die Seiten gewechselt, plaudert viele gut behütete Interna aus und lüftet manch übel riechenden Schleier, doch gänzlich zum religionsfreien Spektrum zurechnen lässt er sich nicht. Berger spricht als katholischer Christ gegen das institutionalisierte katholische Christentum in seiner zunehmend vom Opus Dei und den Piusbrüdern dominierten Form. Dementsprechend spricht er sich auch nicht gegen die organisierten Religionen als solche aus, obwohl er dieselben als eine ergiebige Quelle der Homophobie (und auch der Diskriminierung von Frauen) wahrnimmt und dafür heftig kritisiert. Gelebte Widersprüche können bekanntlich produktiv sein, vielleicht entsteht aus diesen tatsächlich ein weiteres spannendes Buch über die „Katholiban im Homowahn“.

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