Gedenktage

Mexiko-Stadt 24.6.1943

Alice Rühle-Gerstel

(* 24. März 1894 in Prag; Δ 24. Juni 1943 in Mexiko-Stadt) war eine deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, Journalistin und Individualpsychologin, Sozialistin und Freidenkerin.

Die Tochter einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie war in den 20er und 30er Jahren eine der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands, wobei sie sich vor allem durch ihre individualpsychologischen und feministischen Ansätze einen Namen machte. Heute gehört sie zu den beinahe vergessenen Autorinnen. Dabei entwickelte sie eine Schule des Denkens, wie sie in ihrer Eloquenz nur noch bei Rosa Luxemburg und Simone de Beauvoir zu finden ist. Psychologie wird bei ihr auf die Ebene der Philosophie gehoben; die Tabus, von denen Frauen gewöhnlich am Denken gehindert werden, werden bei ihr durchbrochen.

Alice Gerstel besuchte das Mädchenlyzeum und ein Pensionat in Dresden, anschließend das Lyzeum und das deutsche Lehrerinnenseminar in Prag. Im Ersten Weltkrieg war sie als Krankenschwester im Einsatz. Von 1917 bis 1921 studierte sie in Prag und München Literaturwissenschaften und Philosophie und promovierte über Friedrich Schlegel. Während ihrer Studienzeit wurde sie mit der Individualpsychologie Alfred Adlers bekannt, dessen Schülerin sie bald wurde.

Schon zu ihrer Studienzeit bekannte sie sich als konfessionslos. 1921 heiratete sie den 20 Jahre älteren sozialistischen Politiker und Schriftsteller Otto Rühle mit dem sie zusammen den Verlag „Am anderen Ufer" in Buchholz-Friedewald bei Dresden gründete. Dort erschien 1924 ihr Buch „Freud und Adler. Elementare Einführung in Psychoanalyse und Individualpsychologie". Sie gab Monatsblätter für sozialistische Erziehung im Freidenkerverlag Leipzig heraus und später die Monatszeitschrift „Das proletarische Kind". Die Sorge um proletarische Familien, frauenspezifische Fragestellungen, Individualpsychologie und Marxismus dokumentieren ihr gesamtes schriftstellerisches Werk. Immer wieder dokumentierte sie die Ausbeutung der proletarischen Frauen. Mit ihrem Ehemann bildet sie den Kern der Dresdener Arbeitsgemeinschaft der marxistischen Individualpsychologen, die Marxismus und die Adlersche Individualpsychologie miteinander verknüpfen. Diesen Ansatz verbreitet sie in ihrer vieldiskutierten Schrift „Der Weg zum Wir", Dresden 1927. Die psychologische Analyse von bislang nur politisch erörterten Themen zieht sich als roter Faden durch ihre Publikationen wie „Selbstbewusstsein und Klassenbewusstsein" und ihre umfangreichste Schrift „Das Frauenproblem der Gegenwart. Eine psychologische Bilanz" (1932). In ihrem Buch „Die Frau und der Kapitalismus" (1932) zeigte Rühle-Gerstel sehr deutlich, dass auch die Arbeiterschaft und die Gewerkschaft nur marginales Interesse an der Gleichberechtigung der Frauen hatten. Es nimmt bereits vieles von dem vorweg, was viele Jahre später die neue Frauenbewegung aufgriff.

Die Gefahr des Nationalsozialismus erkannte sie frühzeitig und emigrierte daher schon 1932 mit ihrem Ehemann Otto Rühle in ihre Geburtsstadt Prag. 1933 kümmerte sie sich als Mitarbeiterin beim deutschsprachigen "Prager Tageblatt" um dessen Kinderbeilage, in der Kinder als Autoren ernst genommen wurden. Dort erschienen auch viele ihrer literarischen Artikel und Buchbesprechungen. 1936 wurden sie und ihr Mann nach Mexiko berufen. Sie arbeitete als Übersetzerin in einem Regierungsbüro und als Handelsjournalistin. In Mexiko schrieb sie dann ihren Roman "Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit", dessen Publikation sie nicht mehr erlebte.

Das Exil empfand sie immer auch als Isolation und aus Furcht vor der Einsamkeit nahm sie sich, nachdem ihr Ehemann einem Herzinfarkt erlag, noch am selben Tag das Leben.

Alice Rühle-Gerstel blieb jahrelang innerhalb der Literaturwissenschaft, Politologie, Individualpsychologie und Exilforschung weitgehend unbekannt. Erst im letzten Jahr erschien über sie eine umfangreiche Biografie von Marta Markova: Auf ins Wunderland. Das Leben der Alice Rühle-Gerstel.