Gottes langer Arm

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Kollage: F. Lorenz

WIEN. (hpd) Die katholische Kirche hat sich ein einflussreiches Medienimperium in Österreich geschaffen. Zwei große Tageszeitungen, zwei Radiosender, Österreichs größte Wochenzeitung – das ermöglicht eine effektive Kontrolle weiter Teile der öffentlichen Meinung. Und Gottes langer Arm reicht im Medienwesen der Republik wesentlich weiter als die direkte Eigentümerschaft katholischer Diözesen.

Vor allem im südlichen Österreich führt für Zeitungsleser kein Weg vorbei an katholischen Medien. Die „Kleine Zeitung“, je nach Messung die zweit- oder drittgrößte Tageszeitung des Landes, ist Marktführerin in den Bundesländern Steiermark und Kärnten. Und sie gehört der steirischen Diözese Graz-Seckau. Nicht direkt, sondern über den Umweg des Styria-Verlags, deren Eigentümerin die Diözese und eine ihr gehörende Stiftung ist. Immerhin Österreichs zweitgrößter Medienkonzern. Zur Styria gehören auch die „Presse“, das Flaggschiff der konservativen Presse, und das „Wirtschaftsblatt“ – zusammen macht das eine Reichweite von etwa 17 Prozent am Tageszeitungsmarkt. Nicht zu vergessen, dass die Styria bei Sat1 Österreich im Boot ist. Die beiden Styria-Radiosender „Antenne Kärnten“ und „Antenne Steiermark“ fallen vergleichsweise kaum mehr ins Gewicht. Nebenbei gehören dem kircheneigenen Konzern noch Kroatiens größte Tageszeitung 24sata, zwei weitere Tageszeitungen im EU-Beitrittsland, auch am slowenischen und am montenegrinischen Tageszeitungsmarkt ist man aktiv.

Die Diözese St. Pölten mag im Tageszeitungsbereich etwas nachstehen. Dafür hat ihr „Niederösterreichisches Pressehaus Verlag“ am Wochenzeitungsmarkt die Nase vorn. Die „Niederösterreichischen Nachrichten“ sind nach wie vor die meistgelesene wöchentliche Publikation Österreichs und haben mittlerweile auch ins Burgenland expandiert. Der Verlag ist auch am Fernsehmagazin „tele“ beteiligt, das sich als Gratisbeilage zahlreicher Zeitungen großer Beliebtheit erfreut.

Wobei die NÖN auf ihrem eigenen Terrain, in Niederösterreich, mittlerweile starke Konkurrenz hat. Die „Bezirksnachrichten“, eine Gratis-Wochenzeitung, haben dort Fuß gefasst und der NÖN einiges an Lesern abspenstig gemacht. Sorgen machen, dass das im kirchenfernen Bereich stattfindet, muss sich die örtliche Diözese nicht machen. Die „Bezirksnachrichten“ werden von der Moser Holding im Joint Venture mit der Styria-Gruppe herausgegeben.

Miteigentümer der Tiroler Moser Holding ist ein nicht ganz kirchenferner Akteur am Medienmarkt: Der Raiffeisensektor. Der spielt auf zwei Arten mit: Direkt, wie bei der Moser Holding, an der die Raiffeisenlandesbank Tirol beteiligt ist. Und indirekt über eine eigene Medienholding. Der gehört unter anderem der „Kurier“, eine überregionale Tageszeitung, und das „profil“, das renommierteste Nachrichtenmagazin des Landes. Und ganz nebenbei gehört auch die Mediaprint zum Raika-Imperium. Die organisiert Druck und Vertrieb unter anderem des Kurier und der „Kronenzeitung“, der mit Abstand größten Tageszeitung Österreichs mit etwa drei Millionen Lesern pro Tag. Christian Konrad, oberster Vertreter des Raiffeisen-Sektors, stellt gerne seine Frömmigkeit zur Schau. Unter anderem organisiert er Promi-Wallfahrten nach Mariazell und treibt Spendengeld für Kirchenrestaurierungen ein – sei es die Wallfahrtsbasilika von Mariazell oder der Wiener Stephansdom.

Kampagnen und Gratis-Werbung

Und Gottes langer Arm reicht weiter. Viel weiter. Dazu bedarf es in Österreich nicht einmal eines kirchlichen oder kirchennahen Miteigentümers. Die „Krone“ und das Gratisblatt „heute“ gewähren Kardinal Christoph Schönborn wöchentliche Kolumnen. In „heute“ lamentierte Schönborn etwa am Freitag die Rekordzahl an Kirchenaustritten und rang sich zur trotzig klingenden Aussage durch: „Die Frage nach Gott bleibt uns allen ins Herz geschrieben.“ Das Blatt kampagnisierte im Jahr 2009 etwa eine Woche lang gegen die damals anlaufende Atheisten-Buskampagne. Organisator Niko Alm wurde gar „üble Geschäftemacherei“ unterstellt. Worin die bestanden haben soll, wurde nie weiter ausgeführt. Breiter Raum wurde zuletzt diese Woche einem fehlerhaften Kalender im Auftrag der EU gewährt. Man hatte offenbar vergessen, Weihnachten und Ostern einzutragen. Was Leserbrief-Schreiber veranlasste, die „Islamisierung Europas“ durch die EU zu konstatieren. In den „Krone“-Leserbriefen wird regelmäßig das christliche Abendland beschworen. Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) durfte dort taxfrei per Schlagzeile ausrichten, dass in niederösterreichischen Schulen selbstverständlich die Kreuze hängen bleiben würden – da können der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte oder der Verfassungsgerichtshof meinen, was sie wollen. Auch Christoph Schönborn bekommt regelmäßig Schlagzeilen, wenn er tagespolitische Aussagen betrifft. Atheisten etwa kommen in der „Krone“ nicht vor.

Abgesehen von den Radio- und Fernsehbeteiligungen des Styria-Konzerns darf die katholische Kirche auch per Gesetz bei elektronischen Medien mitmischen. Laut ORF-Gesetz stehen Religionsgemeinschaften eigene Sendungen in Radio- und Fernsehsendern des Konzerns zu. Wovon vor allem die katholische Kirche profitiert, Protestanten und Israelitische Kultusgemeinde bekommen ein paar Brosamen ab. Anders als in Frankreich ist für Humanisten und Atheisten kein eigener Sendeplatz vorgesehen. Im Publikumsrat, einem der Aufsichtsorgane des Mediums, haben die Religionsgemeinschaften einen Fixplatz und müssen sich anders als andere Kandidaten keiner Wahl durch das Publikum stellen. Traditionell fällt der Platz der katholischen Kirche zu und traditionell wird der katholische Vertreter auch in den Stiftungsrat, das oberste Kontrollgremium des ORF entsandt. Und quasi nebenbei und ohne gesetzlichen Anspruch durfte Christoph Schönborn heuer auf dem Fernsehsender ORF Zwei eine Neujahrsansprache halten. Einen Tag vor der Neujahrsansprache des Bundespräsidenten. Und selbst das europaweit als Qualitätssender gelobte Ö1 kann sich einer gewissen Kirchennähe nicht ganz entziehen. In einer Diskussionssendung über die Kirchenaustritte diese Woche etwa kamen allein Vertreter der katholischen Kirche zu Wort.

Dagegen hebt sich manche Berichterstattung aus dem Raika-Sektor wohltuend ab. Der „Kurier“ räumt bei größeren Debatten trotz allgemeiner Kirchennähe auch mal den Stellungnahmen von Atheisten Platz ein. Das „profil“ kann als Speerspitze kritischer Kirchenberichterstattung gesehen werden. Das Magazin deckte seinerzeit den Missbrauchsskandal um Hans-Hermann Groer auf, heuer beschäftigte sich die Redaktion mit allen Facetten des aktuellen Skandals. „profil“-Herausgeber Christian Rainer lässt in seinen Leitartikeln regelmäßig keine große Abneigung gegen laizistische Ideen erahnen. Angesichts der Eigentümer-Strukturen ein hohes Ausmaß an Unabhängigkeit. Ganz durchgehalten scheint die nicht immer zu werden. Warum es etwa der Pfarrer des Stephansdoms, Toni Faber, mit einem Interview auf das Cover der letzten „profil“-Ausgabe 2010 brachte, ist nicht ganz nachzuvollziehen.


Christoph Baumgarten