Rezension

Essays eines antitotalitären Publizisten

Richard Herzinger war ein bekannter antitotalitärer und liberaler Publizist. An sein publizistisches Engagement erinnert jetzt ein Essay-Sammelband: „Letztes Wort: Freiheit. Essays 1992−2025“

 

Das Grab von Richard Herzinger
Das Grab von Richard Herzinger auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin

„Antiwestlertum“ wirkt wie ein politisches Schlagwort, ist aber auch ein analytischer Terminus. Gemeint ist damit eine Ablehnung westlicher Gesellschaften, denen lediglich Imperialismus und Kapitalismus unterstellt wird. Damit hat man es mit einer ähnlich schiefen Einstellung wie „Orientalismus“ zu tun, ist damit doch ein westliches Zerrbild in Bezug auf den „Orient“ gemeint. „Antiwestlertum“ ließe sich demgegenüber bei einer politischen Linken wie Rechten ausmachen, gleichzeitig einhergehend mit einer Frontstellung gegen Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit. Die Freiheit, die eigenen normativen Grundlagen zur Kritik der gesellschaftlichen Realität zu nutzen, fiel aus der Wahrnehmung heraus. Darauf wiesen Richard Herzinger und Hannes Stein  in einem gemeinsamen Buch hin: „Endzeit-Propheten oder die Offensive der Antiwestler“ (1995). Die Aktualität des Buchs ist heute offenkundig, man erhält es aber nur noch in Antiquariaten und nicht mehr auf dem Buchmarkt. Dafür erschienen aber Essays von Herzinger in einem Sammelband.

Cover

„Letztes Wort Freiheit“ ist das Werk überschrieben. Denn Richard Herzinger war ein Liberaler, der die politische Freiheit gegen autoritäre Versuchungen publizistisch verteidigte. Wie ein roter Faden zieht sich diese Grundauffassung durch seine Texte. Thierry Chervel, der Herausgeber, hat eine chronologische Reihung gewählt. Entsprechend beginnen die Beiträge 1992 und enden 2025. Dabei nimmt er die Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Denn aktuelle Ereignisse motivierten seinerzeit Herzinger zu seinen Reflexionen, welche von einer antitotalitären Haltung im aufklärerischen Sinne durchzogen waren. Gerade diese grundsätzliche Einstellung macht die alten Text heute noch lesenswert. Dabei kommen einige Fragestellungen immer wieder vor, wozu etwa die unkritische Einstellung mancher Intellektueller zählt, welche sie gegenüber autoritären Ideologien oder Ordnungsmodellen eingenommen haben. Gleiches gilt für die politische Nachgiebigkeit westlicher Politik gegenüber diktatorischen Systemen.

So finden sich in dem Band etwa ältere Essays, die bereits früh vor Russlands Ukraine-Politik warnten. Allein die Betitelung ist schon vielsagend: „Die Ukraine hält die Werte hoch, derer der Westen überdrüssig scheint“ (2014) oder „Das Unwissen über die Ukraine ist das Einfallstor für die russische Propaganda“ (2018). Es gibt auch bemerkenswerte Aussagen, welche innen- und außenpolitische Gesichtspunkte miteinander verbinden: „Es gilt offensiv herauszustellen, dass die AfD nicht nur eine aggressiv verfassungsfeindliche, völkisch-rechtsextremistische Partei ist, sondern zugleich als Einflussagentur des russischen Regimes fungiert“ (2023). Beachtenswert sind darüber hinaus immer wieder die kritischen Anmerkungen zur politischen Linken, etwa bezüglich deren Einstellung zur „Freiheit“, aber auch den Gründen für ihre „Identitätskrise“. Der Autor plädierte hierbei für eine „theoretische Generalrevision“, die sich insbesondere auf eine mehr marktwirtschaftliche Politik beziehen sollte. Er strebte er in seinen Texte eine „linke libertäre Politik“ an (1999).

Auch wenn der Autor dabei manchen „neoliberalen Einstellungen“ wie etwa denen von Friedrich August von Hayek gegenüber etwas unkritisch eingestellt war, so legen seine Essays nicht selten die sprichwörtlichen Finger in die Wunde. Indessen wurde Herzinger von der Linken kaum noch wahrgenommen. Dies machen auch die geänderten Orte für seine Publikationen deutlich: Während dazu Anfang der 1990er Jahre noch eher linke Medien gehörten, fand er ebendort ab den 2000er Jahre kaum noch ein Publikationsforum. Ähnlich erging es anderen (früheren) linken Autoren wie André Glucksmann oder Mannès Sperber, die auch Erinnerungsgegenstand für Herzingers Reflexionen waren. An ihnen hebt er ausdrücklich die antitotalitäre Dimension hervor, welche gegen Freiheitsfeinde nicht nur von rechts gerichtet war.

Bilanzierend betrachtet, hat man es demnach bei der Essaysammlung mit einem Lesebuch mit alten Texten zu tun, welche aber ihre Aktualität durch die Erörterung grundsätzlicher Fragen behalten haben. Richard Herzinger verstarb bereits 2025, seine Statements bleiben wichtig.

Richard Herzinger, Letztes Wort Freiheit. Politische Essays, 1992–2025, Berlin/Leipzig 2026, Hentrich & Hentrich, 357 Seiten, 27 Euro

Armin Pfahl-Traughber

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Jg. 1963, ist hauptamtlich Lehrender an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung mit den Schwerpunkten "Politischer Extremismus" und "Politische Ideengeschichte". Außerdem gibt er seit 2008 ebendort das "Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung" heraus.

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