Freikirchliche Pastoren glauben, Jesus zu sein

Religionen, Glaubensgemeinschaften, Kirchen und esoterische Meister haben einen gemeinsamen Nenner: Sie wollen möglichst schnell wachsen. Das Missionieren und Rekrutieren neuer Mitglieder gestaltet sich aber trotz des Internets schwierig, unterliegen doch die religiösen und spirituellen Gemeinschaften wie die gesamte Ökonomie weltlichen Kriterien: Es braucht große Aufmerksamkeit und ein attraktives Angebot, denn der Markt quillt in allen Bereichen über. Prediger behaupten deshalb, dass Gott bei Heilungsgottesdiensten Gläubige von schweren Krankheiten befreie.

Segen

Der Religionsmarkt funktioniert ähnlich wie die Konsumwelt. Es gibt ebenfalls ein Überangebot. Viele Anbieter kämpfen um einen beschränkten Kundenpool. Das verleitet vor allem radikale religiöse und sektenhafte Gruppen dazu, das Publikum mit überzogenen Versprechen anzulocken. Frei nach dem Motto: Wer am lautesten schreit, wird am ehesten gehört.

Weltliche Versprechen

Eine wirksame Strategie von fragwürdigen Glaubensgemeinschaften ist überraschenderweise nicht primär religiös oder spirituell, sondern weltlich: das Versprechen, Krankheiten bekämpfen und besiegen zu können. Auch schwere. Ähnlich wie es Geistheiler und esoterische Anbieter tun.

Es gibt allerdings einen markanten Unterschied: Geistheiler bemühen spirituelle Energien zur vermeintlichen Heilung, Freikirchen und fundamentalistische christliche Glaubensgemeinschaften stützen sich hingegen auf die Bibel. Ihre Theorie: Der Sohn Gottes hat schon vor 2.000 Jahren Kranke geheilt, Blinden das Augenlicht geschenkt und schon mal einen Toten zum Leben erweckt.

Die Pastoren verkünden deshalb, dass die göttliche Kraft auch heute noch Wunder bewirke. So tingeln auf Heilung spezialisierte Prediger und Pastoren von Freikirche zu Freikirche und führen Heilungsgottesdienste durch. Sie berufen sich bei ihrer fragwürdigen Seelsorge auf biblische Zeugnisse und die Geistesgaben des Heiligen Geistes, der als Mittler zwischen Gott und den Gläubigen wirken soll.

In Matthäus 9,22 heißt es beispielsweise: „Jesus aber wandte sich um, sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter! Dein Glaube hat dich gerettet. Und die Frau war geheilt von jener Stunde an.“

Wie das in der heutigen Praxis funktioniert, beschreibt die Freikirche Move Church auf ihrer Homepage so: „Mehrmals im Jahr feiern wir besondere Gottesdienste mit einem Fokus auf Heilung. Wir glauben, dass Gott heute noch heilt – und genau das erleben wir auch: Menschen berichten immer wieder von spontanen Heilungen, echter Veränderung und Wundern durch Gottes Kraft. (…) Wir sind überzeugt: Gott heilt auch heute – so wie er es schon zur Zeit der Bibel getan hat.“

Die christlichen Organisationen Ganzheitlechxund.ch und Läbeswärkstatt, die mit Freikirchen zusammenarbeiten, bieten in Gwatt (Kanton Bern) monatliche Heilungsgottesdienste an. Auf ihrer Homepage heißt es: „Jesus Christus ist Arzt, Berater und Helfer. Er liebt es, Menschen Gutes zu tun und wir lieben es, ihm dabei zu assistieren.“

„Wir erleben immer wieder Heilungen“

Der Prediger Andreas Herrmann leitet nicht nur Heilungsgottesdienste in der Schweiz, sondern ist auch bei deutschen Freikirchen ein gern gesehener Gast. In einem Video erklärt er: „Die tollen Heilungen, die wir immer wieder erleben, haben damit zu tun, dass Menschen ihren Glauben auf Gott ausrichten.“

Weiter erzählt er von der Heilung eines taubstummen Knaben. Seine Mutter soll ihm erklärt haben, dass Heilung möglich sei. Wörtlich: „Und dann legt er sich einfach selbst die Hände auf. Und hier in Deutschland betet irgendjemand. Und Gott schaltet die Zunge frei, Gott schaltet die Ohren frei.“ Danach habe der Knabe „Andreas“, den Vornamen des Predigers, und „Jesus“ sagen können, erklärt der Prediger.

Im Heilungsgottesdienst der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) Wil sagte der Prediger Joel Küng am 6. September: „Lass mich dir sagen, Angst ist ein Lügner. Der Teufel ist ein Lügner. Er redet kein Wort von Wahrheit. Selbst wenn er etwas Wahres sagt, ist es falsch. Falsch angewandt. (…) Wenn du in der Depression bist, versuch nicht selbst dagegen zu kämpfen, sondern komm zu Jesus. (…) Es bewirkt Wunder, wortwörtlich, wenn du beginnst, für jemanden zu beten.“ Schließlich sagte der Prediger: „Schrei zum Herrn.“

Der Theologe und ehemalige Jesuit Ignaz Reisenbichler spricht von neun Geistesgaben. Dazu gehören die Gabe des Heilens, Wunder zu bewirken, Prophezeiungen zu machen und in Zungen zu reden.

Der Heilige Geist wirkt bei Heilungen

Wie das funktioniert, erklärt Reisenbichler so: „Wir Menschen besitzen die Gaben nicht, sondern der Heilige Geist. Und er verteilt sie, wie er will, auch an uns alle. Jeder von uns hat spirituelles Potenzial in sich schlummern.“

Nüchtern betrachtet ist der Glaube an Wunderheilungen reine Spekulation. Die Widersprüche und Ungereimtheiten beginnen damit, dass es keine Belege für das wundersame Wirken von Jesus gibt. Auch die angeblichen Wunderheilungen bei Gottesdiensten gehören ins Reich der Mythen und Legenden, weil sie nicht medizinisch untersucht werden.

Es kann sein, dass durch die aufgeladene Stimmung sowie Hoffnung und Sehnsucht der kranken Gläubigen die Symptome für den Moment verschwinden, was dann vom Pastor als Heilung verkündet wird. Doch wenn die Euphorie abgeklungen ist, kommen die Schmerzen in aller Regel zurück.

Die Pastoren spielen somit auf fahrlässige Weise mit der Angst und der Sehnsucht der Kranken. Diese sind nach dem Gottesdienst überzeugt, zum Beispiel durch Gott von Krebs geheilt worden zu sein. Wenn nach ein paar Tagen die Krankheitssymptome zurückkommen, ist die Verzweiflung größer als vorher. Und der Glaube an Gott erhält einen Dämpfer.

Kurzes Strohfeuer

Ich selbst habe nach Heilungsgottesdiensten Kontakt mit angeblich Geheilten aufgenommen. Sie bestätigten mir, dass die vermeintliche Heilung ein Trugschluss gewesen sei und die Krankheitssymptome bald wieder zurückgekehrt seien.

Dem bekannten deutschen Prediger Reinhard Bonnke konnte in mehreren Fällen nachgewiesen werden, dass er gesunde Gläubige instruiert hatte, Krankheiten zu simulieren. So wurde zum Beispiel in Nigeria ein vermeintlich gelähmter Mann im Rollstuhl auf die Bühne gestoßen.

Nachdem ihm Bonnke die Hand aufgelegt hatte, stand er auf und verließ die Bühne zu Fuß. Recherchen zeigten später, dass er nie gelähmt gewesen sei.

Für mich sind Heilungsgottesdienste, bei denen Gläubige angeblich geheilt werden, ein mentaler, geistlicher und religiöser Missbrauch. Ganz abgesehen davon, dass sich dahinter ein kindlich-naiver Glaube versteckt.

Übernahme unter geringfügigen Änderungen mit freundlicher Genehmigung von watson.ch.

Hugo Stamm

Der Autor befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene. Er schreibt zudem für watson.ch.

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