Ein Apostel verlangt 499 Franken Eintritt

Jesus als Geschäftsmodell

Wenn Jesus vor 2.000 Jahren gewusst hätte, was seine Jünger einst mit seinem Namen anstellen würden, hätte er womöglich seine Mission und sein Wirken überdacht. Der „Sohn Gottes“ ist allerdings entschuldigt, schließlich war er überzeugt, dass er mit seinem Kommen das Ende der Zeit eingeläutet hatte. Doch seine Heilsgeschichte nahm eine andere Entwicklung.

Christus spricht zu den Jüngern
Christus spricht zu den Jüngern (Reichenauer Schule, um 1010) (Ausschnitt)

Jüngstes Beispiel, wofür Jesus alles herhalten muss, ist der smarte Follower Miro Wittwer, der sich ohne falsche Scham Apostel nennt. Der ehemalige Geschäftsmann und Coach hat vor nicht allzu langer Zeit in den USA – wo denn sonst? – Jesus entdeckt und stellt ihm nun seine genialen Skills zur Verfügung. Doch seine DNA als begnadeter Vermarkter seiner selbst zeigt sich schon beim Namen seiner Homepage: jesusunternehmer.com. Er sieht sich als Botschafter Gottes und hat als Influencer auf den sozialen Medien Zehntausende von Followern.

Seine jüngste Mission startet Miro Wittwer am Nationalfeiertag. In einem Video erklärt er: „Gott hat mir vor zwei Tagen unmissverständlich klar gemacht, dass wir physisch zusammenkommen sollen.“ Sie würden sich in Wallisellen treffen und ein Feuer für Jesus entfachen und einen Pakt der Einheit schliessen.

Wittwer denkt dabei gross: „Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen“, verkündet er und ergänzt: „Gott übernimmt den Marktplatz.“ Er legt noch einen drauf: „Wir schreiben Geschichte. Für Jesus. Für das Königreich Gottes.“

Darunter geht es nicht. Und weiter:

„Wir lösen zusammen eine Erweckungsbewegung aus. Christen, die wissen, dass Gott hinter dem Unternehmertum steht und es segnen will.
Eine Erweckung, damit ultimativ Ressourcen kreiert werden können für das Königreich Gottes. Damit die rettende Botschaft kraftvoller verbreitet werden kann. Damit die Gemeinden gebaut werden können. Damit die Bibelschulen etabliert werden können. Damit Jesus verherrlicht wird.“

Kostenpunkt für das Seminar: 499 Franken.

Seine Versprechen sind gross: „Jesus hat nicht gesagt, spielt klein, seid arm.“ In seinen Seminaren verspricht er den Gläubigen: „Du verdienst 30.000 Euro und mehr im Monat.“

Weiter hat er zusammen mit seiner Frau das Modelabel „For Jesus“ gegründet. Wittwer erklärt: „Wir machen nicht mit einem Glauben ein Business, sondern wir machen aufgrund des Fundaments Jesus das, was er uns gesagt hat.“

Wittwer ist wie viele Gläubige in Freikirchen homophob: „Der Geist Gottes würde nie und nimmer einen Menschen homosexuell kreieren. Für uns heterosexuelle Männer ist es ein Gräuel, wenn wir schwule Männer sehen, wie sie Sex haben oder wie sie sich küssen. (…) Das ist für Gott ein Gräuel, weil es der Teufel ist, der uns verdreht.“ Man könne den Geist der Homosexualität schon im Mutterleib bekommen. Man komme damit schon auf die Welt.

Georg Otto Schmid, Leiter der Sektenberatungsstelle relinfo.ch sagte in der Sendung „Rundschau“ im Schweizer Fernsehen über Wittwer: „Schon als Psychoguru meinte er, er habe die Weisheit mit Löffeln gefressen.“ Er sei in den USA in die Fänge radikaler Christen geraten und habe den fundamentalistischen Glauben in die Schweiz gebracht. Er nennt ihn einen Ersatz-Jesus. Wittwer sei eine der problematischsten Figuren im freikirchlichen Umfeld, der bewusst radikalisiere und keine Kompromisse mache.

Schmid hatte ein ganztägiges Seminar von Wittwer besucht. Die radikalen Botschaften hätten ihn schockiert. Er glaube, mit Gott in Verbindung zu stehen. Er meine, weitergeben zu müssen, was er zu hören glaube. Wörtlich: „Und das ist natürlich brandgefährlich, das erinnert an die Biografie von Sektengründern.“

Der asketische Jesus würde sich wohl im Grab umdrehen – falls er sich noch darin befände – wenn er ans Seminar von Wittwer eingeladen würde.

Übernahme unter geringfügigen Änderungen von watson.ch.

Hugo Stamm

Der Autor befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene. Er schreibt zudem für watson.ch.

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