"Mein geliebter Führer!"

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Menschen grüßen begeistert Adolf Hitler
Menschen grüßen begeistert Adolf Hitler

Tausende Deutsche schrieben im nationalsozialistischen Deutschland an ihren "Führer": Fürbitten, Demutsbekundungen und Lobpreisungen. Dies greift Helmut Ortner in seinem neuen Buch auf, das Ende des Monats erscheint.

Im April 1933 schreibt ein Düsseldorfer Standesbeamter an die NSDAP-Gauleitung und bittet um Entscheidungshilfe:

"Heute erschien in dem mir unterstellten Standesamt ein Parteigenosse, der die Geburt seiner Tochter anmeldete und dem Kinde den Vornamen 'Hitlerine' beilegen wollte. Der mit der Registerführung beauftragte Beamte hatte Bedenken, diesen Namen einzutragen und holte meine Entscheidung ein. Ich habe daraufhin die Eintragung dieses Namens abgelehnt und dem Parteigenossen nahegelegt, dem Mädchen den Vornamen 'Adolfine' zu geben, womit er sich auch einverstanden erklärt hat. (...) 

Da uns Nationalsozialisten der Name unseres Führers viel zu heilig ist, als dass wir ihn dem Missbrauch nationalen Klischees ausliefern lassen, wäre eine diesbezügliche baldige Entscheidung des Herrn Minister des Innern dringend erwünscht. Wenn ein Nationalsozialist seinen Sohn oder seine Tochter nach unserem Führer benennen will, so hat er ja die Möglichkeit, den Vornamen 'Adolf' oder 'Adolfine' beizulegen… Ist das aber erwünscht…?"

Er bittet um baldige Antwort.

Weil immer häufiger der Wunsch, den Namen Hitler im Namen zu verwenden, im Reich geäußert wird, sieht sich das Reichsinnenministerium veranlasst, in einen verbindlichen Erlass für alle Standesbeamten im Reich festzulegen, wie zu verfahren ist: "Wird bei einem Standesbeamten der Antrag gestellt, den Namen des Reichskanzlers als Vornamen, sei es auch in der weiblichen Form 'Hitlerine' oder 'Hitlerike' einzutragen, so hat er dem Antragsteller nahezulegen, einen anderen Vornamen zu wählen, da die Annahme des gewählten Vornamens dem Herrn Reichskanzler unerwünscht ist."

Um eine positive Antwort bittet auch die Schützengesellschaft im pfälzischen Lambrecht. Diesmal geht es darum, den "geliebten Führer" zum "Ehrenschützenmeister" ernennen zu dürfen. Sie wendet sich – ebenfalls im April 1933 – direkt an die Reichskanzlei:

"Aus Freude und Dankbarkeit darüber, dass wir Deutsche Schützen an der Westmark, durch den 14-jährigen, unentwegten und heldenmütigen Kampf unseres jetzigen Reichskanzlers Adolf Hitler, wieder frei atmen und Deutschen Schützengeist wieder froh entfalten und den Schießsport ungehindert fördern können, wollen wir an dem kommenden Geburtstag unseres unvergleichlichen Führers 1. unsern Adolf Hitler zum Ehrenschützenmeister ernennen; 2. eine Ehrenscheibe ausschießen lassen.

Wir wären sehr dankbar, wenn wir bald Mitteilung darüber bekommen könnten, wie man über solche spontanen Ehrungen unseres Helden durch kleinere Körperschaften denkt und ob man in der Umgebung unseres geliebten Adolf Hitler glaubt, dass man mit solchen Ehrungen, zumal diese jetzt so massenhaft geschehen, eine Freude bereiten kann…"

Das Führer-Kopf auf einer Zielscheibe? Abgelehnt!

Im August 1933 wendet sich der Chorleiter des Gesangsvereins Germania aus Frankfurt-Sindlingen an die Reichskanzlei, mit der Bitte, dem Führer "untertänigst die Ehrenmitgliedschaft" verleihen zu dürfen:

"Bei dem an Pfingsten stattgehabten nationalen Gesangswettbewerb wurde uns u.a. der von Eurer Exellenz gestiftete 'Allerhöchste Ehrenpreis' durch das Preisgericht zuerkannt.

Eurer Exellenz nahen wir uns mit tiefgefühltem Danke für den kostbaren und schönen Pokal. Doch fehlt uns der Ausdruck, um die Höhe des Glückes zu bezeichnen, welchem wir uns dadurch erhoben fühlen, den von Eurer Exellenz gestifteten Ehrenpreis als unser Eigen zu nennen."

Ein Fabrikleiter der Firma Köhlers Wwe & Sohn, Chemische Fabrik in Leipzig, schreibt am 9. September 1933 an die Reichskanzlei. Er verbindet seine Verehrung für den Führer mit solidem Geschäftssinn und bittet um die Genehmigung das Bild des Führers aus Gründen der Popularität und Verehrung für seine Schuhcreme-Dosen verwenden zu dürfen. Die ablehnende Antwort erfolgt fünf Tage später, "weil der Herr Reichskanzlei aus grundsätzlichen Erwägungen nicht in der Lage ist, seine Zustimmung zur Verwendung seines Bildes für Reklamezwecke zu erteilen…"

Unzählige Anliegen aus dem gesamten Reich erreichen täglich die Reichskanzlei in Berlin. So bittet das national-gläubige Landvolk im Brandenburgischen Oppen-Dannewald die neue Glocke nach dem Führer benennen zu dürfen. Also schreibt der Präsident der Landwirtschaftskammer am 26. Oktober 1934 an die Reichskanzlei: "Die Kirchengemeinde Dannewalde hat den Wunsch, ihre neue Glocke 'Adolf Hitler Glocke' zu nennen.  Für die Kirchengemeinde Dannewalde, die ohne Übertreibung als eine äußerst nationalsozialistisch gefestigte Gemeinde angesehen werden kann, würde die Gewährung der Bitte eine große Freude sein. Zeichnung der Glocke usw. ist alles bereits eingereicht."

Nach kurzer Zeit, mit Poststempel vom 3. November, darf sich die "nationalsozialistische gefestigte Gemeinde" über einen positiven Bescheid freuen: "Obgleich der Führer und Reichskanzler es grundsätzlich ablehnt, dass Kirchenglocken mit seinem Namen benannt werden, will er in Ihrem besonderen Fall, da die Glocke bereits fertiggestellt ist, Bedenken nicht erheben und ist damit einverstanden, dass die neue Glocke in der Kirche zu Dannewalde seinen Namen trägt."

Fortan kann der Hitler'sche Glockenklang die Gläubigen von Dannewalde zum Kirchgang rufen. Übrigens, nicht nur dort. Im gesamten Reich werden Kirchenglocken nach Adolf Hitler benannt, oft mit der Gravierung "Alles für das Vaterland Adolf Hitler".

Der Gau- und Kreis-Ehrenliedermeister Carl A. M. Schiebold aus Leipzig wiederum bittet im Namen von "60 Deutschen Frauen und Jungfrauen" mit Datum vom 23. März 1936 seinen Führer einige Volksweisen vorsingen zu dürfen: 

"Unter meiner Leitung seht seit über 30 Jahren der auch von mir gegründete 'Frauenchor Leipzig-Süd'. Wie hier vermutet wird, werden Sie, mein Führer, am Donnerstag nach Ihrer Rede wieder die Nacht im Hotel Haufe verbringen. 60 Deutsche Frauen und Jungfrauen bitten nun ebenso herzlich wie dringend darum, Ihnen nach der Kundgebung im Hotel einige Volksweisen vorsingen zu dürfen, um Ihnen zum Ausdruck zu bringen, wie tief und aufrichtig Sie gerade die deutsche Frau verehrt und wie sie auch in der ersten Pflege des Liedes deutsches Wesen und deutsches Empfinden zu bewahren sich bemüht".

Ob Sangeskunst, Kirchenglocken, Schützenscheiben, Schuhcremedosen oder Vornamen – dem "Führer" wurde allgegenwärtig gehuldigt, er wurde von vielen Deutschen beinahe religiös verehrt. Helmut Heiber, langjähriger Mitarbeiter am renommierten Institut für Zeitgeschichte in München, hat das Material im Rahmen seiner Forschungsarbeit in zahlreichen Archiven entdeckt: Fürbitten, Demutsbekundungen und Lobpreisungen aus der Mitte des Führer-Volks. Seine Sammlung erschien 1993 und bietet einen bislang wenig erforschten Einblick in die Gefühlslage der Hitler-Deutschen: Kurioses, Skurriles, Banales und Groteskes. Angetrieben von erwartungsvoller Begeisterung, vaterländischem Pflichtgefühl, nationalem Dünkel und ideologischer Verblendung folgte Hitlers Volk dem Eroberungs- und Zerstörungs-Wahn der Nazis – bis zum Ende.

Helmut Ortner, Gnadenlos deutsch. Täter. Helfer. Zuschauer. Aktuelle Reportagen aus der Vergangenheit, Alibri Verlag, 320 Seiten, 24 Euro

Von März bis Mai ist Helmut Ortner auf Lese-Tour.

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