Wie in vielen anderen deutschen Städten auch, werden in Wuppertal regelmäßig Gedenkgottesdienste für "unbedacht verstorbene" Menschen abgehalten. Was ist davon zu halten?
Aus säkularer Perspektive ist gegen das Gedenken an Personen, die anonym oder einsam aus dem Leben geschieden sind, als Teil der allgemeinen Erinnerungskultur nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil können derartige Gedenkveranstaltungen durchaus als Ausdruck einer humanistisch ausgerichteten Trauerkultur, und somit als ein starkes Zeichen gegen die zunehmende Anonymisierung und Vereinzelung der Menschen vor allem in den Großstädten gedeutet werden.
Problematisch allerdings wird es, wenn Gedenkgottesdienste im Rahmen einer weit verbreiteten kirchlich organisierten Ritualkultur zur religiösen Vereinnahmung aller unbedacht Verstorbenen führen. Unabhängig davon also, ob es sich um Nichtgläubige, erklärte Atheisten oder um Angehörige anderer Religionen handelte. Da die entsprechenden Gemeinden nichts über den weltanschaulichen Hintergrund anonym Verstorbener wissen können, könnten sie es als einen "Akt der Barmherzigkeit" verstehen, wie die Theologin und Trauerexpertin Eva-Maria Will vom Erzbistum Köln es in einem Artikel auf domradio.de bezeichnet.
Allerdings – und hier setzt meine eigentliche Kritik an – handelt es sich nicht etwa um stille Gedenkfeiern, sondern es werden dem oben genannten Artikel nach öffentlich die Namen der Verstorbenen verlesen, welche zuvor in ein sogenanntes "Buch des Lebens" eingetragen wurden. Dieses Gedenkbuch wiederum wird zum Ende des Kirchenjahres im Rahmen einer Prozession von der einen Konfession an die andere übergeben, wobei ein Lobgesang gesungen wird. Es handelt sich also eindeutig um christliche, und nicht etwa einfach nur um in kirchlichen Räumen abgehaltene besinnliche, oder gar weltanschaulich neutrale Veranstaltungen. Der Erklärung nach gelten sie als ein Akt der "vertrauensvollen Übergabe" der Verstorbenen "in die Hände Gottes". So erklärt der Kölner Stadtdechant Msgr. Robert Kleine: "jeder Mensch ist ein Kind Gottes und hat eine Würde".
Menschsein und Würde
Dies passt in bezeichnender Weise zu der Ankündigung eines solchen Gedenkgottesdienstes in Wuppertal, in welcher Superintendent Jochen Denker erklärt, "dass Gott an den Menschen denke, mache ihn zum Menschen", und dass "Gott kein Menschenleben vergesse, verleihe dem Menschen eine unverlierbare Würde".
Dazu muss man sagen, dass es uns nicht zu Menschen macht, dass irgendein Gott an uns denkt, da wir als das bisher komplexeste Lebewesen aus der langen Reihe der Evolution hervorgegangen sind. Kein Gott war nötig, um diese Entwicklung anzustoßen oder zu uns zu führen, die wir uns selbst als "homo sapiens sapiens" in Abgrenzung zu anderen Tieren definieren. Der Weg, den die Evolution gegangen ist, war geprägt von für uns unvorstellbaren Naturkatastrophen, und allein diese naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnis spricht ganz eindeutig gegen jede planvolle göttliche Einmischung, zumindest gegen jegliche der wohlwollenden Art.
Zur menschlichen Würde ist anzumerken, dass der Mensch sie durch den ihm in unserer westlichen Kultur zugesprochenen unbedingten Wert als ein Wesen erlangt, das moralische Selbstbestimmung besitzt, sowie durch die Fähigkeit, sich selbst zu entwerfen, wozu keinerlei religiöse oder wie auch immer geartete metaphysische Grundlage nötig ist. Abseits jeglicher religiöser Begründung oder Zugehörigkeit besteht die menschliche Würde generell als normativer Grundsatz, welcher auf der Idee basiert, dass jeder Mensch, sei er nun religiös gläubig oder nicht, gleiche Rechte und Ansprüche hat. Und speziell das Recht auf Religionsfreiheit im Sinne der Freiheit von Religion, das untrennbar zu unserem modernen Verständnis von Würde gehört, gilt für unser Andenken über unseren Tod hinaus.
Christentum und Gesellschaft
Die christliche Religion in katholischer Prägung ist für ihr Bestreben bekannt, sich bis in die intimsten Bereiche des Lebens hineinzudrängen und jeden Einzelnen in ein sehr eng geschnürtes moralisches Korsett zu zwingen. So galt die katholische Kirche über viele Jahrhunderte hinweg als umfassende moralische und soziale Regulierungsmacht, indem sie durch eine eigentümliche Sexualmoral und Familienordnung tief in die Gesellschaft sowie in die persönliche Lebensführung hineinwirkte. Sie verstand sich als maßgebliche moralische Autorität über alle Lebensbereiche und bekämpfte lange Zeit gesellschaftliche Entwicklungen, die diesen Anspruch infrage stellten. Erst in dem Maße, in dem in modernen Gesellschaften kirchliche Macht durch säkulare Institutionen kontrolliert wird, sind Ethik und Moral nicht mehr weitestgehend gebunden an überkommene frühmittelalterliche Vorstellungen. Erst die Säkularisierung ermöglichte moralischen Pluralismus und die Ablösung von jeglicher kirchlichen Deutungshoheit.
Es ist erfreulich, in einer Zeit und Kultur zu leben, zu deren säkularem Selbstverständnis es gehört, sich öffentlich von der Religion distanzieren zu können, ohne Nachteile oder gar Sanktionen befürchten zu müssen. Dem entgegen steht die Tendenz zur religiösen Vereinnahmung, die den hier kritisch betrachteten Gedenkgottesdienste zugrunde liegt, indem prinzipiell alle unbedacht verstorbenen Menschen mit einbezogen werden, also womöglich auch jene, die sich als Atheisten gegen die Gottesidee stellen und der Kirche distanziert gegenüberstehen.







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