Dass kirchliche Arbeitgeber sich Privilegien herausnehmen und sich bei ihren eingeschränkten Arbeitnehmerrechten auch noch auf das Grundgesetz berufen können, ist ärgerlich genug. Doch es geht noch ärger: Wie in den Fällen, in denen Arbeitnehmer von Campus für Christus ihr Gehalt selbst finanzieren sollen, indem sie entsprechende Spenden in ihrem Bekanntenkreis einsammeln.
Es ist eine Stellenanzeige, in der ein Manager für Marketing und Kommunikation gesucht wird. Zu welchen Zwecken der Bewerber seine Kreativität einsetzen soll – da ist die Ausschreibung auch klar: "Für das Reich Gottes", heißt es. Doch Kreativität wird schon lange vor dem Arbeitsantritt erwartet: Wer den Job haben möchte, soll das ihm ausgezahlte Gehalt selbst mitbringen. Indem er seinen Bekannten- und Verwandtenkreis überredet, Spenden an den Arbeitgeber zu leisten, die dieser dann für die Auszahlung des Gehalts verwendet.
Die Organisation, die nach diesem Modell Menschen sucht, die für sie arbeiten, heißt "Campus für Christus". Die in den USA gegründete Bewegung ist seit Jahrzehnten auch in Deutschland aktiv. Auf der Internetseite kann man lesen: "In Deutschland gehören aktuell um die 140 voll- und teilzeitliche Mitarbeitende und viele hundert Ehrenamtliche zur Bewegung Campus für Christus."
Standorte sind Gießen, Berlin, Leipzig, München, Nürnberg und Stuttgart. Seine Mission beschreibt Campus für Christus so:
"Durch unsere Ministrys wirken wir weltzugewandt und hoffnungsvoll in die Gesellschaft hinein und schaffen Räume, in denen Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus und Nationen gemeinsam mit uns Gott erleben und besser kennenlernen können. Wir inspirieren und befähigen sie, mit Jesus Christus in eine Beziehung zu treten und seinem Vorbild zu folgen. Dadurch werden sie zu Botschafterinnen und Botschaftern des Evangeliums und tragen dazu bei, dass Gottes Reich in unserer Welt ganzheitlich nah- und sichtbar wird."
Zu den Werten der Organisationen steht auf der Internetseite: "Wir leben im Geistmodus. Wir schaffen der Leitung und dem Wirken des Heiligen Geistes Raum durch eine lebendige Gottesbeziehung, hören auf sein Wort und streben nach einem christusähnlichen Charakter."
Betont wird die Unabhängigkeit, aber auch die Nähe zur evangelischen Kirche, wenn es heißt:
"Campus für Christus e. V. (CAMPUS) ist eine konfessionell unabhängig geprägte missionale Bewegung. Der eingetragene Verein arbeitet auf der Glaubensgrundlage der Deutschen Evangelischen Allianz mit zahlreichen Kirchen, Gemeinden und Organisationen zusammen. Er ist zudem Mitglied bei netzwerk-m (www.netzwerk-m.de) und damit Teil des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche (www.diakonie.de)."
Das Modell der "Missionspartnerentwicklung"
Auf die besagte Stellenanzeige für Marketing und Kommunikation hatte sich ein Mann beworben. Die letzten Sätze in der Ausschreibung hatte er durchaus registriert:
"Wenn du bei uns mitarbeitest, wirst du in vielen Fällen durch einen Freundeskreis getragen, der deine Arbeit finanziell und im Gebet unterstützt. Dieses Modell nennen wir MPE, Missionspartnerentwicklung. Dabei begleiten wir dich mit Coaching, Materialien und persönlicher Begleitung."
Was hinter dieser Missionspartnerentwicklung steckt, wurde dem Bewerber aber erst deutlich, als ihn nach seiner Bewerbung eine Erläuterung erreichte:
"Haben Sie gesehen, dass für diese Stelle eine eigenverantwortliche Finanzierung notwendig ist? Wir nennen dieses Prinzip 'Missionspartner'. Da sich Campus ausschließlich durch Spenden finanziert, bauen alle Mitarbeitenden – potenziell also auch Sie – ein persönliches Unterstützerteam auf, das Sie im Gebet begleitet und regelmäßig trägt. Für eine Vollzeitstelle liegt der monatliche Spendenbedarf aktuell bei ca. 4900 Euro. Bei Teilzeitstellen gilt der entsprechende anteilige Betrag. Diese Unterstützung wird in der Regel im eigenen Umfeld aufgebaut – etwa durch Familie, Freunde oder Gemeindemitglieder."
Eine Anstellung sei erst möglich, wenn die erforderlichen Spenden eingegangen sind. Ob er dazu kurz Stellung nehmen könne, heißt es am Ende des Schreibens. Da eine Annahme der Stelle unter diesen Bedingungen für den Mann nicht in Frage kam und er den Vorgang nicht nur mit Absage gegenüber Campus für Christus erledigen, sondern diesen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollte, wandte er sich an den hpd und beklagte:
"Für Bewerber entsteht zunächst der Eindruck einer regulären ausgeschriebenen Stelle im Bereich Marketing und Kommunikation. Tatsächlich scheint die Beschäftigung jedoch davon abzuhängen, ob man vorher einen privaten Unterstützerkreis in erheblicher monatlicher Höhe aufbauen kann. Die dahinter liegenden Fragen finde ich gesellschaftlich relevant: Wie transparent müssen religiöse Organisationen solche Finanzierungsmodelle in Stellenausschreibungen darstellen? Ist es fair, eine Stelle als Voll- oder Teilzeitposition auszuschreiben, wenn die Anstellung faktisch davon abhängt, dass der Bewerber vorher einen privaten Spendenkreis aufbaut? Werden Bewerber ohne entsprechendes religiöses, gemeindliches oder finanziell starkes Umfeld dadurch faktisch ausgeschlossen?"
Der hpd hat die Organsiation Campus für Christus mit diesen und weiteren Vorwürfen konfrontiert. Unter anderem auch mit der Frage, was denn eigentlich passiert, wenn der Spenderkreis die Stelle von Anfang an oder nach der Arbeitsaufnahme nicht mehr voll finanzieren kann oder will? Ob dann der Arbeitsvertrag beendet wird beziehungsweise erst gar nicht zu laufen beginnt. Wird der Arbeitnehmer dann entlassen, und wenn nein, welchen Lohn erhält er dann: Mindestlohn? Oder weniger? Oder das vereinbarte Gehalt? Und wenn ja, wie lange?
Auf eine Antwort warteten wir vergeblich. Schon die in unseren Fragen angesprochenen Unwägbarkeiten dürften den Antritt einer solchen Stelle unattraktiv erscheinen lassen. Und: Bewegt man sich mit einem solchen Geschäftsmodell nicht sogar im Bereich der Sittenwidrigkeit? Wird nicht die wirtschaftliche Situation (Suche nach einem Job) ausgenutzt, um den Bewerber zu zwingen, das eigene Gehalt über das private Umfeld zu generieren? Und wird hier nicht das vom Arbeitgeber zu tragende wirtschaftliche Risiko unzulässigerweise auf den Arbeitnehmer abgewälzt?
Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass sich ein gemeinnütziger Verein über Spenden finanziert. Und ja, ohne ehrenamtliche Tätigkeiten würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Hier aber geht es um den Lebensunterhalt und ein Arbeitsverhältnis, für dessen Finanzierung der Arbeitnehmer selbst sorgen soll, indem er in seinem Bekanntenkreis Klinken putzt. Wie heißt es doch so schön im Fettdruck über der Stellenanzeige von Campus für Christus: "Gottes Liebe praktisch werden lassen". Wirklich sehr praktisch – aus Arbeitgebersicht.







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