Neues Buch über den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly
Wer hat Angst vor Pappmaché?
„Wer hat Angst vor Pappmaché?“ − so heißt ein soeben erschienenes Buch über den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly und seine satirische Kunst. Eva Creutz hat den mit zahlreichen Großplastiken bebilderten Band herausgegeben, der auch ausführlich auf die Verurteilung von Tilly durch ein Moskauer Gericht zu achteinhalb Jahren Straflager eingeht. Das Werk wurde bei einer Pressekonferenz vorgestellt. Und im Humanistischen Salon des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes wurde Tilly mit Standing Ovations gefeiert.
Wie lebt es sich damit, wenn man von einem Moskauer Gericht in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Straflager verurteilt wurde? Das Urteil gegen den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ und „Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte“ liegt ein halbes Jahr zurück. Jetzt trat Tilly in Düsseldorf vor die Presse und beantwortete die Frage so: „Das fühlt sich ein bisschen so an, als wenn man vom Arzt gesagt bekommt, dass man eine ziemlich tödliche Krankheit hat. Sie kann ausbrechen, muss aber nicht.“
Anlass für die Pressekonferenz in der Düsseldorfer Wagenbauhalle ist ein gerade erschienenes Buch mit dem Titel „Wer hat Angst vor Pappmaché?“ Herausgegeben und gestaltet hat es Eva Creutz, eine enge Freundin von Tilly. Sie ist Mitgründerin des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes (DA!). Das Buch mit zahlreichen Fotos der Werke von Tilly, der Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung ist, gliedert sich in zwei Teile: Zunächst werden die wichtigsten politischen Mottowagen aus den Jahren 2021-2026 gezeigt − kommentiert und eingeordnet von Tilly selbst. Im zweiten Teil geht es um die zahlreichen Mottowagen der vergangenen Jahre, die immer wieder den russischen Präsidenten Wladimir Putin aufs Korn nahmen. Natürlich auch der Wagen, der zu dem Moskauer Prozess führte. Herausgeberin Eva Creutz beschreibt dessen Pikanterie so: „Es ging um die Verunglimpfung der Staatsorgane, ausgerechnet bei einer Skulptur, die Kyrill, den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, beim Oralverkehr mit Putin zeigt.“ Verschmitzt widerspricht Tilly: „Nein, er küsst Putins Saum.“
Der Düsseldorfer, dem weder eine Anklageschrift noch das Urteil aus Moskau zugestellt wurden, hat seinen Humor trotz der bedrohlichen Lage nicht verloren. Er dürfe zwar über Sicherheitsfragen nichts sagen, denn „kommunizierte Sicherheit ist keine Sicherheit“. Von den Behörden fühle er sich aber gut gesehen. Er habe Kontakte zum Auswärtigen Amt, zum Verfassungsschutz, zum Staatsschutz. Und er habe viel Solidarität erfahren. Aus den Karnevalshochburgen, aus der Bevölkerung und auch aus der Politik, wie etwa von NRW-Ministerpräsent Hendrik Wüst und auch seinen Ministern Nathanael Liminski und Mona Neubaur. Gewiss, er könne nicht mehr so frei reisen. Zwar werde der russische Haftbefehl von Interpol nicht akzeptiert, aber es gebe viele Länder, die jetzt für ihn tabu seien, weil sie Auslieferungsabkommen mit Moskau haben: Ägypten, Serbien, Thailand, Indien, Türkei…
„Meine Frau und ich haben beschlossen, dass wir so leben wollen wie bisher. Den Gefallen möchte ich dem Putin-Regime nicht tun, das ist ja der Sinn und Zweck des Prozesses: einzuschüchtern. Wenn wir eingeschüchtert wären, dann hätten sie ihr Ziel erreicht.“ Das Buch sei ein Beleg: „Wir bleiben auf dem Kurs, den wir eingeschlagen haben.“
Herausgeberin Eva Creutz will Tilly mit dem Buch denn auch den Rücken stärken: „Zwar ist Jacques Tilly offiziell angeklagt worden, aber auf der Anklagebank haben wir alle gesessen. Unsere Demokratie, unsere Meinungsfreiheit, unsere Lebensweise und auch unsere Pressefreiheit wurden mit diesem Prozess infrage gestellt und verurteilt. Das Signal, das Putin mit diesem Prozess über Bande an uns alle gesendet hat, ist: Wer laut Kritik äußert, ist seines Lebens nicht mehr sicher. Also besser die Klappe halten. Und das alles sollte uns auch nach den jüngsten Wahlen im Osten mindestens wach, wenn nicht auch Sorgen machen.“
Foto: © Peter Kurz
Tilly bedankt sich bei den Düsseldorfer Karnevalisten, für die Peter Dietlmaier, Sprecher des Comitees Düsseldorfer Carneval, bei der Pressekonferenz dabei war. Auch Dietlmaier betont mit Blick auf die satirischen Wagen von Tilly: „Die gehören zum Markenkern des Düsseldorfer Karnevals, aber es geht um mehr. Um die Freiheit eines jeden von uns, um die Kunst- und Meinungsfreiheit.“ Und dann zitiert er einen Satz von Leo Statz, der einst im Düsseldorfer Karneval engagiert war und 1943 von den Nazis wegen Wehrkraftzersetzung geköpft wurde. Über die Deutschen habe Statz gesagt: „Die Braunen haben es leicht mit uns. Eine Straßenbahn-Uniform bringt in Deutschland einen ganzen Wagen voller Menschen zum Strammstehen.“ Karnevalisten, so betont Dietelmaier, halten dagegen: „Die Gedanken sind frei, wir lassen uns nicht einschüchtern, auch nicht aus Moskau.“
Tilly sieht übrigens in dem Urteil, so bedrückend es für ihn ist, auch eine „großartige Bestätigung der Satire − dass sie wirkt und weh tut. Humor ist eine humanistische Sache, der kann verletzten, aber nicht töten.“ Das ist auch der Gedanke hinter der noch erhaltenen Putin-Skulptur, die in der Wagenbauhalle steht. Sie zeigt den Hoppeditz, die Symbolfigur des Düsseldorfer Karnevals, der einem grimmigen Putin mit der Narrenpritsche auf den Kopf schlägt. Mehr nicht. Die Putin-Figur revanchiert sich, indem sie den Narren mit einem Schwert aufspießt.
Rekordkulisse im Humanistischen Salon
Als das Buch einen Tag nach der Pressekonferenz erscheint, hat Tilly denn auch gleich Gelegenheit, zig Exemplare zu signieren. Der DA! hat ihn in seinen „Humanistischen Salon“ eingeladen, wo er vor Rekordkulisse − es sind rund 250 Menschen ins Düsseldorfer „Forum Freies Theater“ gekommen − einen ganz besonderen Vortrag hält. Dabei zeigt er nicht nur, wie seine satirischen Mottowagen entstehen. Er spricht auch über die im Zeitalter sozialer Medien zunehmenden Hassmails und -postings, die ihn nach seinen politischen Großkarikaturen immer wieder erreichen. Insbesondere, wenn er die AfD aufs Korn nimmt. Etwa mit einem Wagen, in dem eine Alice Weidel aus einem Hexenhaus Jugendliche mit Gebäck in Form von Hakenkreuzen anfüttert. Oder der Wagen, der Putin zeigt, der eine mit AfD beschriftete Drohne steuert. Und so kommt er natürlich auch auf Putin und all das, was er schon bei der Pressekonferenz gesagt hat. Als er nach Vortrag und Fragerunde lang andauernde Standing Ovations erhält, ist zu spüren, wie wichtig auch für ihn die Solidarität, das Zusammenstehen ist.
Das Buch:
Eva Creutz / Jacques Tilly, Wer hat Angst vor Pappmaché? Alibri Verlag, Aschaffenburg 2026, 160 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-86569-459-1
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