Dieter Nuhr, die Satire und die Religion
Foto: © Michael Schilling, wikimedia (CC BY-SA 3.0)
BERLIN. (hpd) “Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.” Dieser Satz, den Kurt Tucholsky 1919 in “Was darf die Satire?” schrieb, gilt heute noch immer. Die Diskussion über den Satiriker Dieter Nuhr beweist es.
Nuhr, der irgendwo zwischen Comedian und Kabarettist einzuordnen ist, hat häufig genug die christlichen Kirchen und den Glauben durch den satirischen Kakao gezogen. Beifall war ihm dabei fast immer sicher. Es gehört allerdings auch nicht viel dazu, die Widersprüche jeder Religion satirisch zu überspitzen; das ist in allen Religionen angelegt.
Nun sind allerdings Satiriker oft gekränkte Idealisten, “er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an” schrieb Tucholsky. Dieter Nuhr also möchte gegen das Schlechte, das sich aus der islamischen Glaubenslehre entnehmen lässt, anrennen. Dabei traf er auf den Widerstand eines, der sich “in seinen religiösen Gefühlen” verletzt sah und auf dem Sofa sitzend ihn einen “Hassprediger” nannte.
Tucholskys Text ist fast einhundert Jahre alt und liest sich doch wie ein Drehbuch zur heutigen Situation: “Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: Er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden.”
Wenn Dieter Nuhr also aus dem Koran zitiert: “Hand ab bei Diebstahl” und das mit “das hat ja was für sich. Da klaut einer zweimal, aber beim dritten Mal wird’s schwierig” kommentiert, dann wird vom Anzeigenden so getan, als hätte der Satiriker hier den Koran beleidigt. Wohlgemerkt: Er hat aus ihm zitiert! Dass er diesen Satz dann noch überspitzt, ist eben genau das, was Satire macht. Denn “die Satire muß übertrieben und ist in ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird …”
Das Feuilleton der FAZ verdeutlicht: “Witze sind weder Hasspredigten noch Handlungsaufforderungen, weder Parteiprogramme noch wissenschaftliche Abhandlungen.” Sie sind die überspitzte Darstellung von kritisierbaren Zuständen einer Gesellschaft. Doch “nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Kooperationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst.” Das zu lesen und dann zu erfahren, dass der Kläger, Erhat Toka, vor drei Jahren erfolglos für die Muslimisch Demokratische Union (MDU), deren Vorstandsmitglied er ist, bei der Kommunalwahl kandidierte und auch als “stadtbekannter Muslim-Aktivist” bezeichnet wird, wundert dann irgendwie nicht.
Diesem ganzen Schmierentheater könnte die Grundlage entzogen werden, wenn der sog. Blasphemie-Paragraph (§ 166 Strafgesetzbuch) ersatzlos gestrichen würde. Heribert Prantl fordert in der Süddeutschen: “Jegliches Religionsstrafrecht muss abgeschafft werden. Jegliche Kritik, jeglicher Spott darf sein - Grenze ist die Volksverhetzung.”
“Die echte Satire ist blutreinigend” schrieb Tucholsky, “und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.
Was darf Satire?
Alles.”
Die kursiv gesetzten Zitate sind der Tucholsky-Gesamtausgabe, Verlag Volk und Welt, 1983, S. 390 ff. entnommen.
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Nein! Satire darf nicht alles
Nein! Satire darf nicht alles, Satire MUSS alles! Satire ist die intellektuelle Bestätigung, dass das eine oder andere offiziell Verschwiegene doch so ist, wie man schon immer vermutet hat. Wenn der Satiriker seine Hausaufgaben gemacht hat und aus aufklärerischem Motiv handelt, dann hat sein Wort mehr Gewicht, als 1.000 politische Lügen. Dieter Hildebrandt gehörte dazu, Werner Schneyder, Werner Fink u.v.a. Heute ist es dünn geworden in diesem Feld. Klamauk hat überhand genommen, verkauft sich besser. Wer wagt sich daran, auch das "Respektthema" Religion aufs Korn zu nehmen? Carolin Kebekus, die heute Show und natürlich Dieter Nuhr. Aber wer wagt schon ein richtiges, rein religiöses Kabarett? Hier und da sieht man das in Clubs, auf YouTube - aber im öffentlich rechtlichen TV? Außer die paar genannten Ausnahmen? Dabei reizt mich ein solches Thema ungemein. Da bräuchte ich keinerlei Vorbereitung für ein 2-stündiges Bühnenprogramm - allein durch kritisches Rezitieren der "Heiligen" Schriften. Wir diskutieren lebhaft, ob man über Hitler lachen darf. Ich meine, man muss über ihn lachen, denn so tragisch das von ihm ausgelöste Unheil ist, er ist eine lächerliche Figur der Weltgeschichte, dem vor versammelten Neonazis die Hosen runtergezogen gehört - wie bei "Hering" im "Großen Diktator" - um die Clownshose darunter zu zeigen. Dämonisierung dieser Gestalten macht sie nur noch attraktiver für radikale Gruppen. Gleich gilt m.M.n. für alle Religionen. Nur dürfen wir (von Einzelfällen abgesehen) nicht die dämonische Maske vom Gesicht der Personen reißen (auch weil dies oft ungerecht wäre), sondern die weihevoll respektheischende Fratze der scheinheilig schmarotzenden Ideologie. In beiden Fällen tritt etwas höchst Jämmerliches zutage, dass aus durchaus vergleichbaren Beweggründen die Welt regelmäßig an den Rand des Abgrundes trieb und treibt. Ich finde das Mittel der Satire ausgesprochen human, denn es könnte im unwahrscheinlichen Idealfall den satirisch Angesprochenen zum Umdenken bewegen. Und wenn nicht, dann muss er das Lachen des Volkes ertragen.
Ein superguter Kommentar, dem
Ein superguter Kommentar, dem eigentlich nichts mehr hinzufügen ist. Je mehr man sich über Religionen und ihre historische Entwicklung informiert, desto lächerlicher, überflüssiger, menschenverachtender, unmoralischer, krimineller, absurder und abstruser müssen sie einem im 21. Jahrhundert erscheinen. Ihr Entstehen war in archaischen Zeiten ja noch verständlich, aber spätestens seit Darwin sind sie obsolet. Es ist ein entsetzlicher gesellschaftspolitischer Skandal, dass solche Märchen-Ideologien heute immer noch im konfessionsgebundenen Unterricht als "bestehende Wahrheiten" (Verfass.gericht 1987) verkündet werden dürfen und die Hirne intellektuell wehrloser Kinder vergiften. Deshalb wären auch alle Koranschulen auf Gebieten demokratisch verfasster Staaten zu verbieten. Aber so lange wir immer noch diesen unsäglichen Gottesbezug in unserer Verfassung stehen haben, ist das logischerweise nicht möglich.
Dagegen wären Religions k u n d e und Ethik als Pflichtfach für alle Konfessionen ein wahrer Segen. Ohne religiös-indoktrinierende Erziehung wären Menschen kaum noch so anfällig für Schizophrenie und Fanatismus.
So gesehen ist jede Satire zu religiös extremen Erscheinungen eine Sauerstofftherapie fürs Gehirn, eine moralische Wohltat, ein humanistisch-seelischer Befreiungsakt. Mehr Licht!
Nein, solche Paragraphen
Nein, solche Paragraphen ersatzlos zu streichen wäre auch von übel: Man würde Beleidigungen und dem Mob von ebensolchen Blasphemisten (ich meine damit keine Satiriker) Tür und Tor öffnen, so geht es also auch nicht. Solange Dieter Nuhr im Rahmen handelt, ist das ebenso rechtens, wie Erhat Toka sich angegriffen fühlen darf. Es sagt eigentlich der gesunde Menschenverstand, das Nuhrs Übertreibungen keine Beleidigung sind, sondern schlichte Wahrheit. Auch gerade deswegen ist solch ein Paragraph bestens geeignet: Sonst müsste man den Beleidigungs- oder Volksverhetzungs oder sonstig geeignete Gesetztesworte auch abschaffen. Besser man formuliert sie von Anfang an so, das Leute wie Toka gleich wissen, das dies erlaubt ist.
Wenn dem so wäre, müssten wir
Wenn dem so wäre, müssten wir das in den meisten Ländern der EU beobachten. Es gibt nur in 5 der Mitgliedsstaaten einen solchen Paragraphen.