Ein Moskauer Gericht hat den Düsseldorfer Bildhauer und Karnevalswagenbauer Jacques Tilly in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Haft und umgerechnet 2000 Euro Geldstrafe verurteilt. Auch verhängte das Strafgericht ein vierjähriges Arbeitsverbot gegen Tilly.
Tilly habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, so das Gericht. Gemeint sind die in den vergangenen Jahren von Tilly und seinem Team gebauten Karnevalswagen, die auch immer wieder Russlands Präsidenten Wladimir Putin scharf aufs Korn nahmen. So die Großplastik, die Putin beim Blutbad in einer blau-gelben ukrainischen Badewanne zeigt. Oder der Wagen, der Putin und Patriarch Kirill beim Oralverkehr zeigt.
Tilly war nicht offiziell von der russischen Justiz über das Verfahren informiert worden. Zu einer Pflichtverteidigerin, die am Donnerstag erfolglos einen Antrag auf Freispruch gestellt hatte, hatte er keinen Kontakt. Diplomaten der deutschen Botschaft in Moskau informierten ihn aber laufend über den seit mehreren Monaten laufenden Prozess. Der deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, sagte nach dem Urteil gegenüber der Deutschen Presseagentur: "Die Verurteilung von Jacques Tilly zeigt, dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen - aber jetzt auch verstärkt im Ausland. Das betrifft uns direkt." Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland verurteile "dieses absurde Schauspiel in aller Schärfe und wird weiter für freie Meinungsäußerung, Kunstfreiheit und damit auch die Freiheit der Satire eintreten".
Im Laufe des mehrmonatigen Prozesses hatte Tilly viel Solidarität erfahren, unter anderem von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), dessen Stellvertreterin Mona Neubaur (Grüne) und dem Chef der NRW-Staatskanzlei, Nathanael Liminski (CDU). Aber auch SPD-Politiker stärkten dem Künstler den Rücken.
Am vergangenen Sonntag war Jacques Tilly noch vom "Freundeskreis der Düsseldorfer Tonhalle" mit einem Solidaritätspreis geehrt worden. In seiner Dankesrede hatte er mit Blick auf das bevorstehende Ende des Prozesses gesagt:
"Jeder kann nun deutlich sehen, dass das russische Regime tatsächlich Angst vor närrischen Pappfiguren hat. Dank euch, ihr Staatsanwälte und Ankläger des berüchtigten russischen Basmanny-Gerichts, kann jeder sehen, wie viel Furcht ihr vor Kritik und Satire habt, wie klein und wie peinlich unsouverän ihr seid."
In einem Interview mit dem TV-Sender Phoenix am Donnerstag, dem Tag des Urteils, sprach Tilly von einer Farce, von einem Schauprozess, den er nicht ernst nehme. "Meine Aufgabe als Karnevalswagenbauer ist es, einmal im Jahr den Autoritäten in die Suppe zu spucken, das werde ich weiter machen. Einschüchterung wird bei mir nicht funktionieren, dann hätten sie ja ihr Ziel erreicht." Putin in Zukunft von seiner satirischen Arbeit auszunehmen, könne er sich nicht leisten, "das wäre ein ziemlicher Gesichtsverlust".
Angesichts des nach dem Urteil bestehenden Risikos, dass er bei einer Reise in andere Länder an Russland ausgeliefert werden könne, sagte Tilly dem TV-Sender, er werde im EU-Raum bleiben, da fühle er sich sicher. Ungarn wolle er freilich meiden, das sei eine Grauzone. Und wie sicher fühlt er sich in Deutschland? Er rede mit dem Verfassungsschutz, mit dem Staatsschutz, "da fühle ich mich gut aufgehoben und einigermaßen sicher hier." Er könne halt nur hoffen, dass die Lage nicht eskaliert. Auf die Frage, ob er Schutz bekomme, sagte er: "Kommunizierte Sicherheit ist keine Sicherheit, darum redet man nicht darüber."
Er könne das Urteil nicht akzeptieren, eben nur hinnehmen, in dem Sinne, dass er keinen Handlungsspielraum habe. "Russland ist kein Rechtsstaat, das Urteil ist eine Farce, ich bin auch kein Feind des russischen Staates, das ist alles paranoider Quatsch." Das Urteil, so schließt er mit Blick auf das ihm von dem Gericht auferlegte Arbeitsverbot, sei sogar eine kleine zusätzliche Motivation für ihn, seine Arbeit umso beschwingter fortzusetzen. "Weil man sieht, meine Arbeit wirkt."




