David Garnetts Roman "Mann im Zoo"
Ein Diogenes im Affenhaus
David Garnett machte 1924 in seinem Roman "Mann im Zoo" Ernst mit der Erkenntnis, dass der Mensch ein Affe sei. Er lässt einen Romanhelden sich aus eigenem Entschluss in einem Zookäfig einquartieren. Die Liebe hat ihn dahin getrieben und zwingt ihn, am eigenen Leibe zu erfahren, wie es ist, ununterbrochen den Blicken des Publikums ausgesetzt zu sein. Der neu übersetzte Roman hat seither an Aktualität nur gewonnen.
Die Liebe bringt alle Normen zu Fall, schon in David Garnetts skurrilem Erstlingsroman "Dame zu Fuchs": Ein Gentleman auf dem Land stellt verwundert fest, dass sich seine Gattin Stück um Stück in einen Fuchs verwandelt. Und dennoch hält er an seiner Liebe fest, passt seine Lebensgewohnheiten an die neuen Bedürfnisse seiner Gefährtin an und versucht, ihre Verwandlung so lang wie möglich zu verbergen. Er folgt ihr immer wieder in den Wald und verzichtet zunehmend auf den Umgang mit den Menschen. Ja, er wird sich bei alldem eigentlich gar nicht gewahr, dass seine Gattin schon längst nicht mehr die ist, die sie einmal war. Vielmehr ganz und gar ein Tier.
In Garnetts zweiten Roman treibt einen städtischen Gentleman bei einem Zoospaziergang der Hohn, mit dem seine Herzensdame seinen Absolutheitsanspruch für sich und die Liebe quittiert, in den Käfig des Londoner Zoos im Regent´s Park. Mit dem ihm von ihr vorgeworfenen emotionalen Atavismus setzt er einen ungewöhnlichen Entschluss um: Samt Bibliothek, Bett und Spiegel in einen Käfig des Affenhauses einzuziehen. Dem Zoo beschert das einen Besucheransturm, dem kaum standzuhalten ist. Der Gentleman lernt, was wohl alle Zoobewohner lernen, die Besucher nicht zu sehen.
Bis seine Angebetete kommt. Garnetts phantastische Chronik hebt die Grenzen zwischen Mensch und Tier auf und zeigt, wo die Trennlinien eigentlich verlaufen: zwischen den Dominanten und den Unterworfenen. Selbst die Liebe gerät in diesem Roman zu einer Frage von Durchsetzungsmacht auf der einen Seite und bedingungsloser Hingabe auf der anderen.
Aber Stolz und Eifersucht kennen, erweist sich, sowohl Tier als auch Mensch. Zwischen einem pinselohrigen Karakal, einem Wüstenluchs, und dem Helden entspannt sich eine reine Freundschaft im edelsten Sinne – möglich nur dort, wo es keine Unterwerfung gibt und die einander anziehenden Wesen unter gleichen Bedingungen leben.
Derartige Zugewandtheit weckt wiederum die Eifersucht der Angebeteten und der Orang-Dame im Nachbarkäfig. Die um Aufmerksamkeit buhlende Äffin verletzt den Mann gefährlich. Die junge Frau ist im Hin und Her der Liebe, gedemütigt davon, von ihm abgewiesen zu werden, bald bereit, selbst in den Zookäfig zu ziehen.
Dazu kommt es natürlich nicht. Bald schleust das Drehkreuz des Eingangstors die beiden heraus, und sie müssen ihr Leben und ihre Liebeshändel fortan wohl draußen bestreiten – wie Adam und Eva ihres Paradieses verwiesen. Mancher muss eben auch aus der Hölle vertrieben werden, führt die Parabel mit metallisch ziselierter, kühl funkelnder Sprache vor.
Wie seine Zeitgenossen, die Lyriker Rainer Maria Rilke und Joachim Ringelnatz, verleiht David Garnett, der zur Bloomsbury Group gehörte, damit auch einer bis dato unbekannten Empathie mit den hinter Gittern eingeschlossenen Vierbeinern eine poetische Sprache.
David Garnett: "Dame zu Fuchs", Übersetzung von Maria Hummitzsch, Dörlemann Verlag Zürich 2016, 159 S., 17 Euro
David Garnett: "Mann im Zoo", Übersetzung von Maria Hummitzsch, Dörlemann Verlag Zürich 2017, 160 S., 17 Euro
Kommentare (1)
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Vielen Dank für diese schöne
Vielen Dank für diese schöne Rezension eines vergessen geglaubten Buches. Als langjähriger Mobbingberater bei einer Gewerkschaft der regelmässig mit Opfern von verhaltensgestörten Vorgesetzten oder Arbeitskollegen zu tun hat (vor allem Narzissmus, Sadismus und Menschen mit reduziertem Selbstwertgefühl oder einfach nur Ausbeutungsinteresse mit reduzierter Empathie und Menschenkenntnis) lässt mich die aus dem Buch extrahierte Kernthese aufhorchen: "Garnetts phantastische Chronik hebt die Grenzen zwischen Mensch und Tier auf und zeigt, wo die Trennlinien eigentlich verlaufen: zwischen den Dominanten und den Unterworfenen. Selbst die Liebe gerät in diesem Roman zu einer Frage von Durchsetzungsmacht auf der einen Seite und bedingungsloser Hingabe auf der anderen." Die Reduzierung von Lebewesen rein auf das Dominanzverhältnis ist typisch für die Sichtweise von solcherart verhaltensgestörten Menschen. Fraglich also ob der Autor Garnett hier nicht eher seine persönliche Sichtweise auf die Tierwelt verarbeitet hat. Die Beziehung des Menschen zum Tier ist fraglos viel komplexer, Tiere werden auch um ihrer selbst willen geliebt - als Begleiter des Menschen in unserem Kosmos Erde. Das Verhältnis zueinander ausschließilch als eine Frage von Dominanz und Unterwerfung zu sehen ist eine unzulässige Reduktion. Notwendige und natürlich ausgelebte Gewalt ist für Tiere unumgänglich, die einseitige Ächtung oder Tabuisierung der Gewalt z.B. in der christlichen Religion oder umgekehrt der Ausbruch unversöhnlichster Feindschaft bei Ungehorsam und Abweichung von der Norm ist ein Indiz für schizophrene Erkrankungen. (Quelle: hansschauer.de) Gelten lassen würde ich die These dass das Verhältnis des Menschen zum Tier eine Ambivalenz aufweist: Das Tier als verehrtes aber auch gejagtes und verzehrtes Objekt ist allgegenwärtig auf Höhlenzeichnungen und auch auf den Stelen von Göbekli Tepe. Das Tier das man für das Überleben umbringt erfährt gleichzeitig höchste Verehrung - geht doch die Kraft des Tieres auf den Menschen über. Das ist eine eine so starke archaische Konstante im Erleben des Menschen dass sie im Akt des kirchlichen Ritus als Transsubstanation und Abendmahl gefeiert wird.